Abschied nehmen.

Nänie auf einen Tennisspieler

Am 7. Juli 1985 gewann Boris Becker zum ersten Mal das Turnier in Wimbledon. Vierzehn Jahre später, am 30. Juni 1999, gab er seinen endgültigen Abschied vom Tennis bekannt. Eine pathetische Eloge auf den Mann aus Leimen.




Er scheide aus dem Amt, nicht aus dem Leben, hat Roman Herzog an seinem letzten Arbeitstag gesagt. Der Satz hätte von Boris Becker stammen können, am selben Tag hätte er ihn sagen können, und – anders als Herzog – mit Fug und Recht. Lauter Nachrufe auf „Boris“, und zum zweiten Mal die Titelseiten von Bild und B.Z.: „Danke, Boris - für alles“ und „Bye, bye“. Herzog geht, Becker geht, Bonn geht. Am Ende der Bonner Jahre treten alle ein letztes Mal auf, um abzutreten: Martin Bangemann und Steffi Graf, Helmut Kohl und Boris Becker.

Als Kohl 14 Jahre Kanzler war, las man Sätze wie: Die jungen Wähler kennen gar nichts anderes als Deutschland unter Kohl. Las sie und war empört. Diese armen Jungwähler. Aber das einzige, was ich von Schmidt erinnerte, war seine letzte Rede. Auch ich kannte nichts anderes als Kohl. Ganz ähnlich war das mit Becker. An viele weltbewegende Dinge aus der Zeit vor 1989 erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Allerdings weiß ich genau zu sagen, was ich gemacht habe, als Becker 1985 den Matchball gegen Kevin Curren verwandelte: Ich spielte Tennis. Im zweiten Satz hielt ich es damals nicht mehr aus, griff selbst zum Schläger und ging spielen. Seit diesem Tag aber hab ich kaum ein Match von Becker verpasst, klebte am Fernseher und der Tag war gelaufen, wenn er verlor. Gewann er aber, begann die große Endorphin-Ausschüttung. Becker-Spiele, war neulich zu lesen, das waren welche, die man bis spät in die Nacht sah, und wenn man morgens aufstand, dann liefen sie noch immer. Wie damals, im „Hexenkessel von Hartford“, 6 Stunden und 20 Minuten gegen John McEnroe.

Nur Frauen und Ignoranten könnten die Faszination eines Becker-Matches nicht verstehen, stand neulich in der Zeit. Natürlich war das eine platte Provokation. Und dann stimmt sie auch nicht. Beckers treuester Fan war lange Zeit eine Frau, die ihm zu jedem Spiel hinterher reiste. Lange hat man von ihr nichts gehört, vermutlich wurde die Sache zu kostspielig.

Jetzt, nach Beckers letztem Spiel, fallen einem in der Rückschau all die Namen wieder ein, die auch jene Frau wohl rauf und runter sagen konnte. Namen, die eigentlich schon vergessen waren: Omar Camporese, Andreas Maurer oder Aaron Krickstein. Da fällt einem der verstorbene Michael Westphal und dessen Spiel gegen Thomas Smid ein. Es war das einzige überhaupt, das länger dauerte als das in Hartford. Smid war später übrigens Tainer von Becker. 

 „Das war mein letztes Spiel in Wimbledon“ hatte der Leimener 1997 zu Pete Sampras gesagt. Nach diesen Worten ging Becker auf Abschiedtour, obwohl er das nie wollte. Nie wie Stefan Edberg durch die Lande reisen, mit Blumenstrauß und Applaus artig verabschiedet werden. Trotzdem, seit jenem Viertelfinal-Spiel gegen Sampras dachte man bei jedem Turnier, das sei wohl das letzte Mal, dass Becker dort am Start war. Mit seinem letzten Wimbledon wollte er sich nach eigenen Angaben immerhin die andere Alternative ersparen: Nie wiederkommen müssen wie Björn Borg (der das ja auch nicht nur aus Wehmut tat, sondern weil sich seine Unterhosen nicht gut verkauften).

Borg als traurige Gestalt, 1992 in Monaco, als er in der ersten Runde gegen Wayne Ferreira verlor; mit Stirnband spielte wie eh und je und sich sowieso nur schweren Herzens von seinem Holzschläger getrennt hatte; als nach dem Spiel ein Fan auf den Platz lief und Borg, dem das alles sehr peinlich war, eine Krone aufsetzte. Becker hatte zu der Zeit auch schon längst in der ersten Runde gegen Paul Haarhuis verloren. Im Doppel hingegen gewann er das Turnier mit Michael Stich. Drei Jahre später hatte er im Einzel an gleicher Stelle Matchball im Finale gegen Thomas Muster, der auf Sand als nicht zu schlagen galt und in jener Saison auch noch nicht besiegt wurde. Zweiter Aufschlag von Becker, lang und hart durch die Mitte - zu lang. Er verlor das Spiel, den Satz, das Match.

Der Beginn der Neunziger war die Zeit des großen Tiefs bei Becker. Nur ganz  kurz tauchte er aus ihm auf, als er unbedingt zur ATP WM nach Frankfurt wollte, für die eine Qualifikation schon fast ausgeschlossen war. Also gewann Becker die Turniere in Stockholm und Paris, schlug die versammelte Weltspitze hier wie da und schließlich noch einmal in Frankfurt.

Ein Sportpsychologe hat festgestellt, dass Becker der einzige Spieler war, der auf 100% Konzentration kommen konnte. Vielleicht war er auch überhaupt der einzige Mensch, der das konnte, vielleicht war der Psychologe ein Scharlatan. In jedem Fall waren Beckers Augen Gradmesser dafür, wie sehr er im Spiel war, und wie sehr er es gewinnen wollte.

Anfang der Neunziger verdiente Becker vermutlich mehr Startgeld bei einem einzigen Turnier als in der Saison Preisgeld. Wie zuletzt in Wimbledon. Da sei er wieder gewesen, schrieb der Tagesspiegel, mit seiner „schier erdrückenden psychischen und physischen Präsenz“. Der größte Teil seines Mythos beruht eben darauf. Und auf seiner Fähigkeit, spektakulär verlieren zu können. Am schönsten in fünf Sätzen im ATP Finale gegen Sampras. Weniger schön in Melbourne gegen Anders Jarryd, der seine Karriere damals schon fast beendet hatte; in Hamburg, als Becker von Stich deklassiert wurde, flehend in die Knie ging, als nichts gelang, und jubelnd die Arme in die Höhe riss, als er zu einem Spielgewinn kam. Drei Matches hat Becker gegen Stich verloren, auch das Wimbledon-Finale. Neun Partien hingegen hat er gewonnen.

Lange - auch als das längst nicht mehr zutraf - wurde Becker als der Mann verspottet, der ständig „ähm“ sagte und ansonsten nicht viel. Das war wie bei Helmut Kohl und dessen Mundart. 16 Jahre Kohl und 14 Jahre Becker sind nun endgültig vorbei mit Beckers letztem Match und Kohls wohl letzter Rede, der letzten jedenfalls in Bonn. Kohl kann man weiterhin (nur) als interessierten Zuhörer im Bundestag sehen. Tragisch ist das nicht. Und Becker sieht man neuerdings in Werbefilmen für die Fußball WM 2006. Seinen Posten als Davis Cup Teamchef wird er wohl auch behalten und sich um die Spieler kümmern, die sich lange Jahre darauf beschränkt hatten, „den Misserfolg statistisch festzuhalten“, wie die SZ schrieb. Das wiederum ist tragisch.  
 


Für Hartgesottene der Tipp zum Weiterlesen: Martin Walser hat einen sehr schönen und erhellenden Text über Becker geschrieben („Dramen, Passionen. Was einen Dichter bewegt, stundenlang vor dem Fernsehapparat zu sitzen“). Er ist in seiner Aufsatzsammlung „Vormittag eines Schriftstellers“ sowie dem von Heribert Riehl-Heyse herausgegebenen „Boris B.“ abgedruck.


aus: Kennedys Friseur Nr.5, Juli 1999

http://userpage.fu-berlin.de/~fsijfk/fsi/news/issue_5.html 


 

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