Meine
Reime sind fetter als Deine!
Die Berliner Hip Hopper Harleckinz basteln am Durchbruch. Sie wollen Mainstream werden und im Untergrund bleiben. Der Rapper Big Sal erklärt, wie das gehen soll.
Hackescher Markt, kurz vor elf. Ich würde ihn schon erkennen, hatte mein Interviewpartner am Telefon gesagt. Er sähe aus wie der typische Hip Hopper. Als er dann ein paar Minuten später aus einer S-Bahn steigt, ist er der dritte, der dieses Kriterium erfüllt. Dennoch hätte ich gewusst, dass er der Gesuchte sein musste, erzähle ich ihm später. Haste ja den echten Hip Hopper erkannt, meint er da grinsend. Er, das ist Markus Oergel, genannt Big Sal, von Beruf Rapper bei den Berliner Bands Harleckinz und KMC.
Wie denn ein echter Hip Hopper überhaupt aussieht, frage ich ihn. Du willst da vielleicht hören, dass ihm die Hose unterm Arsch hängen muss und er die Cappies falsch herum auf hat, aber das sind Klischees, sagt Big Sal. Ein Hip Hopper kann Polizist sein oder Krankenschwester. In Hip-Hop-Kreisen gibt es ein Sprichwort: Rap ist wie du singst und Hip Hop wie du lebst. Und diese Lebensweise wurde aus Amerika importiert. Hierzulande lief erst 1992 zum ersten Mal das Video mit dem Mann, der eine viel zu große gelbe Brille trägt und seinem Freund zuruft: Freitags ist sie nie da. Das war der erste große Erfolg einer deutschen Hip-Hop-Formation, der Fantastischen Vier - auch wenn die damals wohl kaum den wirklichen Hip Hop repräsentierten. Wenig später schickte die Plattenindustrie weitere Bands ins Rennen, aus Frankfurt diesmal das Rödelheim Hartreim Projekt und Schwester S..
Laut Markus musste zu der Zeit Hip Hop aus Deutschland auch auf Deutsch gerappt werden, um erfolgreich zu sein. Für Bands, die Englisch rappten, gab es damals international bessere Möglichkeiten, erinnert sich Big Sal. Deswegen sind die Harleckinz zunächst nach New York gegangen, um Musik zu machen.
Wir stehen beim Araber gegenüber den Hackeschen Höfen und warten auf frischen Kaffee. Unterdessen erzählt Markus seine Lebensgeschichte in der Kurzfassung: Sein Vater ist früh nach New York ausgewandert. Bei ihm hat er gelebt, bis er sechs war. Wieder in Berlin, ging er auf deutsch-amerikanische Schulen, bis er in New York sein Studium begann. Am Ithaca-College belegte er Radio und Fernsehen, wechselte aber später zu International Business, weil man ihm sagte, dass das für ihn besser sei. Mittlerweile hat er das Studium abgebrochen und lebt von der Musik.
Durch die Mutter seines Freundes Pierre kam Markus zum Hip Hop. Die war Disc Jockey, DJane, und hatte ein Mischpult nebst zweier Plattenspieler, Turntables, zu Hause stehen. Sie besaß auch die jeweils neuesten Rap-Platten. Und weil diese Markus und Pierre so gut gefielen, bildeten sie 1989 eine Hip-Hop-Formation und nannten sich Pure Science. Pierre ging wenig später in die USA, und Big Sal gründete mit seinen Mitstreitern Double Face und Boogie Knight die Harleckinz. Warum Big Sal, möchte ich wissen. Weil er mit siebzehn zum Islam übergetreten sei, sagt er. Ihm wurde der Name Salikh gegeben, Sal eben. Kurze Unterbrechung: Der Kaffee ist fertig, Markus bestellt Muffins dazu, und wir suchen nach einem geeigneten Platz für Frühstück und Interview.
Was Big Sal da als Jugendlicher entdeckte, war Schwarze Musik. Hip Hop wurzelt in den Ghettos, ist im wahrsten Sinne Untergrund. Hip Hopper singen nicht, sondern rappen. Anfangs war dieser Sprechgesang nur eine andere Art, sich zu unterhalten. Erst später machte man Musik daraus, und 1979 erschienen die ersten Hip-Hop-Platten - Grandmaster Flash zum Beispiel oder die Sugar Hill Gang. Hip Hop ist in gewissem Sinne eine traditionelle Subkultur. Er trägt seine Abgrenzung von der Massenkultur offen zur Schau. Durch ihre ohne Gürtel getragenen weiten Hosen zum Beispiel, die Baggies. Neben ihnen finden sich etliche andere Merkmale in Kleidung, Sprache und Gebärden.
Mein Gegenüber fällt auch durch Baggies auf, trägt Turnschuhe und einen schmal gehaltenen Bart. Wichtig ist aber vor allem seine Sprache. Fett wird als Synonym für gut gebraucht. Wichtigste Vorgabe aus den USA war aber: Hip Hopper müssen locker sein. Anfangs versuchten deutsche Hip-Hop-Formationen, es den amerikanischen Kollegen nachzutun und einfach ihren Stil zu kopieren. Die Fanta Vier waren bei Die Da eifrig bemüht, möglichst auffällig rumzuhopsen und die Arme und Hände zu verdrehen, wie sie das in Amerika abgeguckt hatten. Anfangs sah das eben auch so aus, sehr bemüht. Mit der Zeit jedoch wurden die Fantas zunehmend professioneller und besser. Trotzdem aber war der bekannte deutsche Hip Hop damals Spaßmusik, während der amerikanische sozialkritisch und politisch war. Nichts von Ghetto, Rassenkonflikt und sozialen Problemen. Fanta Vier entspringen - keineswegs untypisch für deutsche Bands - dem Mittelstand.
Dass der deutsche Hip Hop die Attitüde des amerikanischen übernimmt, ist - wie Big Sal eingesteht - ein wenig problematisch. Natürlich sind das andere Verhältnisse. Im Gegensatz zu Amerika gibt es in Deutschland immer ein soziales Netz, das einen auffängt. Bei Big Sal ergibt sich die amerikanische Attitüde aus seiner Biographie. Er sprach Englisch früher als Deutsch und einen großen Teil seines Lebens hat er in den Vereinigten Staaten verbracht. Für mich ist es ja ein Stück meines Lebens. Das färbt auf einen ab, und man nimmt es mit.
Vom Inhalt von Die Da haben sich die Fantastischen Vier inzwischen entfernt. Ihre neueste Auskopplung MfG setzt auf Politisches. Auch die Harleckinz wollen mit ihren Texten wirklich etwas aussagen. Der Song Brokin Homez von 1998 ist da ein gutes Beispiel. Brokin Homez ist die der Aussprache angepasste Hip-Hop-Schreibweise von Broken Homes, Zerrüttete Elternhäuser. Das Lied handelt von einer Jugend ohne Vater, wie sie alle Mitglieder der Harleckinz erlebt haben. Alive and tryin to recapture vague pictures of youth heisst es da, und: My old man, hard worker by day, hard drinker by night.
Die Texte sind im Hip Hop ungeheuer wichtig. Big Sal nippt am Kaffee und setzt an, ihre Bedeutung zu erklären. Zunächst einmal, sagt er, will er sich selbst, und dann natürlich die anderen Hip Hopper übertreffen. Konkurrenz belebt das Geschäft, lautet ein abgegrabbeltes Sprichwort - für den Hip Hop ist es entscheidend. Wer sich amerikanische Hip-Hop-Videos anschaut, den beschleicht ab und an das Gefühl, die Rapper bastelten an ihrem eigenen Abziehbild. Männer mit viel Schmuck um den Hals und an den Fingern fahren in offenen Autos durch die Straßen, oft umgeben von einer ganzen Reihe leichtbekleideter Frauen. Diese Frauenfeindlichkeit im Hip Hop teile ich sicher nicht. Aber es gibt vieles, mit dem ich mich identifizieren kann, meint Big Sal. Ich mag fette Ketten und nen Jeep. Wenn man damit ausgestattet ist, fette Texte schreiben zu können, gehört es für mich dazu, auch mal neue Turnschuhe zu kaufen und ne Jeans und ne fette Kette.
Im Hip Hop kreist vieles um Statussymbole und Männlichkeitsrituale, um Wettbewerb und Bestätigung. Regelmäßig gibt es sogenannte battles, bei denen sich verschiedene Rapper hochschaukeln und an die Wand zu spielen versuchen. Meine Turnschuhe sind neuer als deine, meine Reime sind fetter als deine. Du kannst mir nichts, und wenn dus probieren willst, dann können wir ja battlen, faßt Big Sal seine Attitüde zusammen, während er ein Stück von seinem Heidelbeer-Muffin abreißt. Aber bevor man fronten kann, wie wir das nennen, muss man zuerst auf der musikalischen Seite tight sein. Ich weiß für mich selber einfach, dass ichs drauf hab.
Aber nicht alle, die sich als Hip Hopper verkaufen, sind auch welche. Nachdem die Fanta Vier die Massentauglichkeit des deutschen Hip Hop erwiesen hatten, konnten sich Trittbrettfahrer ans Werk machen. Der Schmuse- und Schlager Rap (Rolling Stone) von Capuccino war nun gefragt oder eine Band wie Mr. President, die charttaugliche Musik mit Techno-Anleihen macht und sich eines Sprechsängers bedient, mit der Attitüde des Hip Hop aber gar nichts am Hut hat. Big Sal sieht das ganz einfach so: Ich bin nicht der Hip Hop Gott. Ich entscheide nicht, wer dazugehört und wer nicht. Die Leute müssen mit sich und ihrem Gewissen selber ausmachen, ob sie was für den Hip Hop tun wollen oder ihn wie eine Kuh melken. Ich setze mich mit den Rödelheimern oder Cappuccino gar nicht erst auseinander, weil ich die Sachen einfach nicht fühle. Er erkenne, wer Hip Hop macht, weil er ihn mag, und wem es allein um das Geld geht, behauptet Big Sal. Aber ich hab nicht diese deutsche Zeigefinger-Mentalität und Spießigkeit, wie sie in der Hip-Hop-Szene vorherrschend ist. Viele Leute leben davon, mit dem Finger zu zeigen und sich so eine Identität zu verschaffen.
Wie jede neuere Subkultur hat auch der Hip Hop mit der Kommerzialisierung zu kämpfen. Die Industrie gibt viel Geld dafür aus, Trends aufzuspüren und zu verkaufen. Viele Alternativen hat eine einmal entdeckte und eingeordnete Subkultur nicht. Sie kann die Kommerzialisierung entweder mitmachen, sich aber von den Mitläufern abgrenzen, indem sie den eigenen Stil immer weiter verfeinert und in Details ändert. Oder aber sie löst sich auf. Die Generation X beispielsweise, die Anfang der Neunziger aufkam, war kurz nach ihrer Ausrufung durch die Massenkultur schon wieder am Ende.
Hey, was geht? ruft Markus in sein Handy, dessen Klingeln uns unterbrochen hat. Ein Freund von KMC2 ist dran, und die beiden verabreden sich für den Nachmittag. KMC, die andere Formation von Big Sal, ist ein Kollektiv mehrerer Bands. Um jüngeren Hip Hoppern den Start zu vereinfachen, rief das vor kurzem KMC2 ins Leben.
Seit Jugendliche in Deutschland den Hip Hop entdeckt haben, wurden immer wieder bestimmte Dinge aufgegriffen und zu Massenware. Die schon erwähnten Baggies zum Beispiel, die Sneakers (eine Turnschuh), der Rap als Art zu singen. "Wenn alles so oberflächlich wird", schätzt Big Sal, "wenn alles nur noch mit den Klamotten zu tun hat und auf die Turnschuhe ankommt, dann stirbt natürlich was. Aber solange die Leute Hip Hop leben, wird eine vollständige Kommerzialisierung nicht stattfinden."
Das macht Hip Hop zu einer zweischneidigen Sache. In Deutschland wird er immer größer. Früher war er nur Insidern bekannt, heute behaupten immer mehr Jugendliche von sich, sie seien Hip Hopper. "Hip Hop ist eine Kultur, die von Millionen von Menschen täglich gelebt wird", sagt Big Sal. Darunter finden sich Ur-Hip Hopper und solche, die sich erst nach dem großen Erfolg deutscher Bands das aneignen, was Hip Hop eigentlich ausmacht. Dadurch wird er verwässert, sagen manche der Ur-Hip Hopper. Andere, wie Big Sal, sehen diese Entwicklung positiver.
Immerhin hat sie schon eines bewirkt: Dass die Zielgruppe Hip Hop allmählich verinnerlicht hat und "lebt", ist auch der Plattenindustrie aufgefallen. Geklonte Bands nämlich werden immer öfter belächelt, und so haben sich die großen Firmen darauf verlegt, "authentische" Gruppen aufzukaufen. Das sind oftmals Bands, die dem Massengeschmack eigentlich fern liegen. Den Anfang machten vor kurzem die "Absolute Beginner" aus Hamburg. Ihre neue Platte erschien bei Universal. "Spezializtz" aus Berlin haben kurz darauf bei Sony veröffentlicht. Der größte Schub kam aber wieder mal aus Stuttgart: Die neuen Platten von "Freundeskreis" und "Afrob" erschienen bei Four Music", dem zu Sony gehörigen Label der "Fantastischen Vier", die ebenfalls mit einer neuen Platte zur Stelle sind. Außerdem veröffentlichten die "Massiven Töne" - ebenfalls aus Stuttgart - bei EastWest. Sie alle stürmen nun zeitgleich die Charts, drei auf Anhieb in die Top Ten.
Solange die Musik weiterhin stimmt, stören Big Sal die Major-Deals nicht. Die Kids, die vorher `Nana´ gehört haben, und jetzt `Massive Töne´, werden auf jeden Fall einen Schritt in die richtige Richtung geführt. Dennoch rät er, nichts zu überstürzen. Bevor seine Band, die Harleckinz, bei Superior, einem reinen Hip-Hop-Label, unterzeichnet hat, schlug sie viele Angebote aus. Superior ist eine Tochter von wea, einem weiteren Major in der Plattenindustrie. Hier haben die Harleckinz vor zwei Wochen What time is it? (Zeitgeist 2000) veröffentlicht. Man kann mich jetzt Major-Künstler nennen, aber ich bin immer noch Untergrund-Künstler, weil das meine Attitüde ist und ich mich noch im Untergrund bewege.
Ein Uhr, mein Tape ist voll. Cool dass du an uns gedacht hast, sagt Big Sal, sucht die Reste des Frühstücks zusammen und macht sich auf die Suche nach einem Zigarettenautomaten. Mit dem Herzen bin ich Hip Hopper, schiebt er hinterher und geht über die Straße.
aus: Freitag Nr. 27, 2. Juli 1999