Frühstück im „Strandbad“


"Kennst Du eigentlich die blödeste aller Erfindungen", fragt die Frau, die mir gegenüber sitzt. Ich verneine und bekomme sogleich erklärt, dass es sich dabei um den Henkel einer Kaffeetasse handele. Meine Gesprächspartnerin sagt, das sei logisch, weil man nur durch ihn etwas trinken könne, das eigentlich viel zu heiß sei, zu heiß jedenfalls, um es in einer Tasse ohne Henkel auch nur anzufassen. "Wenn das nicht der Beweis ist", sagt sie fast apodiktisch. Mir fallen auf Anhieb dreiundzwanzig wesentlich blödere Erfindungen ein, aber, höre ich sie sagen, aber der entscheidende Punkt sei ja überhaupt der: Zu heiß trinken, das errege Krebs. Sie muss das wissen, schließlich ist sie Ärztin. Also behalte ich meine Einwände für mich und lenke ein.

Beinahe unnötig, zu erwähnen, dass sich das Gespräch im Zug ereignet. Die blödesten Geschichten werden einem immer im Zug erzählt, die hebt sich jeder für den Zug auf, in dem der andere ihm ausgeliefert ist. (Nur die ganz Schlauen stehen in solchen Momenten auf, suchen sich einen neuen Platz und lernen July Delphy kennen, wie Ethan Hawke in "Before Sunrise".) Aber zum Glück bringt so ein Zug die Fahrgäste zumeist ans Ziel, mich nach Berlin, wo ich am folgenden Morgen im Strandbad sitze und auf mein Frühstück warte. Das Strandbad, das muss ich vielleicht dazusagen, ist eine Kneipe in Mitte, und statt aufs Meer, blickt man dort wahlweise auf parkende Autos oder einen Fußballplatz. Ich sitze draußen im Strandkorb, wahrend die Kneipe dauernd neue Gäste schluckt, obwohl ich keinen freien Platz im Haus gefunden habe. Schließlich aber kommt ein Mann im Anzug nach draußen und beobachtet frierend mit mir wahlweise die parkenden Autos oder den Fußballplatz. Vielleicht gefällt ihm die Aussicht nicht, jedenfalls ist er schlecht gelaunt, bekommt einen Kaffee serviert und ein Croissant, von dem er der Kellnerin sagt, sie solle ihn besser wieder mitnehmen. "Komm", sagt er, "tu mir den Gefallen, nimm ihn gleich wieder mit." Natürlich ist nicht das Croissant Schuld an seiner üblen Laune, das sieht lecker aus. "Hör mal", sagt die Kellnerin daher, "wenn Du schlecht geschlafen hast...". Aber darauf ist der Mann vorbereitet, schlägt sogleich zurück mit: "Du, ich hab sehr gut geschlafen und hervorragend gefickt, wenn Du das meinst." Aber das meint sie wohl nicht, jedenfalls tut sie ein wenig schockiert. Der Gast lässt sich derweil erschöpft in den Stuhl zurückfallen und kostet seinen Erfolg aus. Der Kaffee scheint ihm gleich viel besser zu schmecken, er schlürft ihn brühend heiß. Vielleicht hätte das Getränk ein wenig abkühlen lassen, denke ich, und kläre ihn sofort auf: "Weißt Du eigentlich", frage ich, "was die blödeste aller Erfindungen ist..."


aus: FREITAG Nr.49, 03. Dezember 1999
 

 

Text, Foto, Gestaltung © 2004 BY LARS KLEIN...contact