Was wollte ich eigentlich?

Fernsehen und Politik in The Candidate und Network.


„Und was machen wir jetzt?“ Die Frage geht im Getümmel unter, der Raum leert sich. ‘Ja’, denke ich, ‘da könnte der Film enden. Das leere Hotelzimmer, die bange Frage, die ausstehende Antwort.’ Und der Film endet tatsächlich.
 Es ist ein deprimierender Film, wie Tom Brom in seiner Rezension für die Film Society Review bemerkt.
[1] Und das ist er vor allem deshalb, weil jemand – Bill McKay (Robert Redford) – für die Senatswahl kandidiert (und gewählt wird), der seine Kandidatur als Spiel betrachtet, überhaupt nur mit der Bedingung angetreten ist, zu verlieren. Im Wahlkampf kann McKay deshalb sagen was er will, kommt ja nicht drauf an. Eines müsste er daher eigentlich vermeiden können, nämlich wie sein Kontrahent in den üblichen Floskeln zu sprechen: Amerika, das reichste Land usw., the melting-pot has to continue to melt. McKay setzt auf das Nationalgefühl der Zuhörer und die Emotionalität seiner Rede. Er hätte wissen sollen, dass allzu oft die Kandidaten gewählt werden, die sich darauf verstehen, Phrasen zu dreschen. Als der Wahlkampf fast vorüber ist, sehen wir McKay in seiner Limousine. Er leiert das herunter, was er in letzter Zeit immer und immer wieder gesagt hat: Amerika, das reichste aller Länder, hat 8% Arbeitslosigkeit; wir sitzen alle im gleichen Boot, man kann uns nicht gegeneinander ausspielen. Er beginnt, sich selbst zu karikieren, spricht Passagen doppelt, sagt, man solle nicht versuchen, die reichen Leute gegen die jungen und die armen gegen die alten auszuspielen. Er merkt also, was er tut: Im Gebrauch von Schlagwörtern und Klischees wird er immer virtuoser und nähert sich insofern dem republikanischen Gegenkandidaten an. Der hat das Amt bereits zwölf Jahre inne: Senator Crocker Jarmon (Don Porter) ist natürlich guter Amerikaner, ein Nationalist aus dem rechten Spektrum seiner Partei. Für ihn steht außer Frage, dass Amerika das mächtigste, wichtigste und beste aller Länder ist. Sicher ist zudem, dass es das auch bleiben wird, weshalb man auch nicht wirklich etwas ändern muss.
Der junge Kandidat, Bill McKay, gewinnt. Er ist der neue Senator, ohne das freilich gewollt zu haben und weiß deswegen auch nicht, wie es weitergehen soll. Spätestens hier stellt sich die Frage, warum er das überhaupt mitgemacht hat, warum er sich aufstellen ließ. Der Film beantwortet uns das nicht, muss er auch nicht. Denn genau darum geht es, das ist das Entscheidende, eben das ist deprimierend. Ein Mensch zieht in den Wahlkampf ohne irgendein Programm zu haben. Seiner Meinung nach müsse sich etwas ändern. Man müsse das Geld anders anlegen, und überhaupt, die wichtigen Probleme seien noch gar nicht angesprochen. Gut, dass er das sagt, aber weiter weiß er auch nicht.
Stellt sich die Frage, wie er gewinnen konnte. Bill McKay ist Rechtsanwalt, Sohn eines ehemaligen Gouverneurs. Seine erste Pressekonferenz findet in seinem Büro statt. McKay steht vor seinem Schreibtisch:  Ich werde kandidieren, noch irgendwelche Fragen? Sein Umgang mit den Medien ändert sich im Laufe des Films völlig. Er lernt, mit den Kameras zu leben und sich gut zu verkaufen. Dazu gehört auch  die angesprochene Verwendung von Slogans und Klischees. Die Einbeziehung des Fernsehens ist mindestens ebenso wichtig für seinen Sieg. Für die Aufnahmen der Werbespots wird McKay vor eine Fabrik geschickt, an den Strand oder zum Waldbrand in Malibu. Wichtig sind die Bilder. Über den Originalton wird sowieso der Werbetext gesprochen. Es ist daher nicht wichtig, dass der Arbeiter, mit dem McKay sich unterhält, nur sagt: „Was gibt’s sonst Neues?“ und „Ich muss gehen“. Es interessiert auch nicht, dass bei den Aufnahmen neun von zehn Leuten an McKay vorbeigehen und nicht mal seine Hand geschüttelt hätten, wenn er sich nicht aufgedrängt hätte. Vor dem unbekannten Kandidaten verteilen drei Wahlhelfer Flugblätter, damit überhaupt jemand zu ihm hochguckt. Im Fernsehen ist all das nicht zu sehen. Da sieht man Bill McKay inmitten interessierter Bürger und augenscheinlich diskutiert er die neuesten politischen Entwicklungen und seine Visionen. Aber eben auf die kommt es nicht an. Niemand interessiert sich für Meinung oder Richtung des Kandidaten. Er soll volksnah sein, freundlich, nett aussehen und die Menschen müssen mit ihm sprechen.
Deshalb ist natürlich nicht jeder Spot für die Kampagne geeignet. McKay fragt seinen Berater, was mit dem Spot aus dem Krankenhaus sei. Der falle raus, erwidert der, weil niemand  zuhöre und das Geschrei der Babys auf dem Arm der Frauen, bei denen McKay steht, alles übertönt. „Aber was ist mit dem, was ich sage?“ Uninteressant. Vergleichbares passiert ihm nach der Fernsehdebatte mit Jarmon, als er seinen Vater fragt, ob wohl irgend jemand verstanden habe, was er sagen wollte. „Mach Dir darüber keine Gedanken“, sagt der Vater. „Das macht keinen Unterschied.“   In Michael Ritchies Film sieht der Zuschauer immer den Kandidaten im Wahlkampf. Das Fernsehen ist immer dabei, aber immer im Hintergrund. Die (tatsächliche) Kongressabgeordnete Bella Abzug moniert zum Beispiel, der Film zeige den Wahlkampf nicht detailliert genug und jemanden wie McKay habe sie im Kongress nie kennen gelernt. Natürlich merkt man der Rezension an, dass sie von einer Politikerin in einem Wahljahr geschrieben wurde.
[2] Dass Bella Abzug aber auf die Rolle der Medien nicht explizit eingeht, lässt den Schluss zu, dass der Film in dieser Hinsicht durchaus korrekt ist. Und das war auch Absicht von Michael Ritchie, der deswegen Berater aus den Medien rekrutierte.[3] So zeigt der Film, dass es auch in der Politik einzig und allein um die PR geht. Es ist egal, wer da kandidiert, solange er nicht offen zutage tritt, dass er komplett geistesgestört ist. Das zeigt The Candidate am Falle von McKay, der zufällig in einer Zeitung mit seinem Vater abgebildet war und ganz nett aussah.  
Das Gefühl, dass es sich beim Personal von Sidney Lumets Network um einen Haufen Wahnsinniger handelt, kann man allerdings durchaus haben. Immer wenn ich beim Anschauen des Films dachte, eine Figur sei wahnsinnig, kam einer, der noch verrückter war. Network ist eine Satire, und wie so oft ist auch hier der vermeintlich Geistesgestörte, Howard Beale (Peter Finch), der einzige, der noch klar denken kann. Er ist sichtlich verrückt, denkt aber klarer als alle anderen. In seiner Show erzählt Beale, dass kaum noch jemand Bücher und Zeitungen lese. Das, was über den Bildschirm komme, hielten die Menschen für die einzige Wahrheit. Das Fernsehen sei ein großer amusement-park, sei boredom-killing-business. Bevor er dann zusammenbricht, ruft Beale noch, die Zuschauer sollten den Fernseher abstellen in der Mitte des Satzes, den er gerade spreche. Als Beale seine Geliebte, die Programmdirektorin von UBS, Diana Christensen (Faye Dunaway) verlässt, sagt er zu ihr: „...alles, was du und die Institution Fernsehen anfasst, geht kaputt“ und „the daily business of life is a currupt comedy“.
 
Beale hatte nicht immer seine eigene Show, in der er sagen konnte, was er wollte. Beale war Nachrichtensprecher bis er in den „7 Uhr-Nachrichten“ verkündete, er werde sich nächste Woche in der Sendung umbringen. Diese Ankündigung brachte die hohen Einschaltquoten zurück und Beale wurde wieder eingestellt.
Rückblende: Vom Plan, sich umzubringen, hat Beale am Tag vor der öffentlichen Bekanntgabe seinem Freund, dem Nachrichtenchef seines Senders UBS, Max Schumacher (William Holden), erzählt. Max sagte, das würde riesige Einschaltquoten bringen, man sollte eine Serie daraus machen: Selbstmord der Woche und Attentat der Woche in „The Death-Hour“. Beide haben sich betrunken. Howard meint es mit seiner Ankündigung ernst, Max mit seiner Reaktion nicht.
Also macht Howard seine Ankündigung wahr: „Fernsehen war immer mein Lebensinhalt“, sagt er. „Mir wurde gekündigt, deswegen habe ich beschlossen, mich kommende Woche in der Sendung zu erschießen.“ Die Werbung wird eingeblendet. Dazu scheinen die Menschen in der Regie zu sitzen: Sie müssen die Werbung einblenden. Was zwischen den Werbeblöcken passiert, ist egal. Jemand platzt in den Regieraum und berichtet, was Beale gesagt hat, worauf man versucht, ihn vom Stuhl zu zerren. In der Zwischenzeit ist der Werbeblock vorbei und die Regie geht wieder auf Sendung. Zu sehen ist der kleine Kampf. Völlig egal.   Den Fernsehmachern in Network geht es um den Profit. Da zählen die Einschaltquoten und das, was die Eigentümer des Senders zur Show sagen, da muss der eigene Kopf gerettet werden. Um den Inhalt der Sendung geht es lediglich den Zuschauern. Wenn Beale sagt, sie sollen alle ihren Kopf aus dem Fenster stecken und rufen: „Ich bin verrückt wie nur wer und werde das nicht länger hinnehmen“, dann tun die Leute das. Das ist das Fatale. Die Menschen glauben und tun, was ihnen im Fernsehen gesagt wird. Und die Verantwortlichen sind – wie Howard Beale –  geistesgestört oder Manipulatoren und Manipulierte im Rennen um Einschaltquoten und Geld. Bezeichnend zudem, dass ein Nachrichtensprecher gefeuert wird. Die Nachrichten werden verdrängt. Im ganzen Film taucht niemand auf, den man begründeterweise „Journalist“ nennen könnte. Immerhin arbeitet Howard Beale in der Nachrichten-Abteilung. Jemand zeigt Diana Bilder von der „Ecumenical Liberation Army“, die ihre Banküberfälle selbst filmt. Diese Gruppe ist, so zeigt sich, ein Gruppe von Spinnern, die offensichtlich keine politischen Ziele hat. Allein die Tatsache, dass sie ihre Überfälle filmt, bringt Diana dazu, eine Serie über sie zu machen. Weitere Recherchen oder Informationen sind da nicht nötig.
Die „Ecumenical Liberation Army“ besorgt schließlich die Hinrichtung Howard Beales. UBS-Eigentümer Jensen wollte Beale weiter im Programm haben, egal wie wenig Einschaltquoten er hat. Die Verantwortlichen beim Sender aber sahen sich damit ins Abseits treiben. Beales Ermordung wird wie selbstverständlich vorgeschlagen. Einer der Anwesenden sagt zwar, Mord sei ein Kapitalverbrechen, aber ein anderer: solange es keine versteckten Aufnahmegeräte gebe... Der Chef des Senders fragt also, ob jemand etwas dagegen einzuwenden habe. Das ist nicht der Fall, nächster Punkt.  
Sowohl The Candidate als auch Network sind um eine einzige Person aufgebaut. Beide zeigen das Fernsehen als die Institution, die entscheidet, was in Amerika passiert. Wenn jemand im Fernsehen sagt, man solle Bill McKay wählen, dann wählen sie McKay und wenn jemand sagt, man solle „Ich bin verrückt“ aus dem Fenster schreien, dann öffnen die Leute das Fenster usw. Deprimierend ist – das schreibt Tom Brom in seiner Rezension – dass so viel Wahrheit in Ritchies Film steckt. Brom vergleicht McKay mit Nixon. Jeder wisse, dass Nixon lügt, und das sei seine Stärke. „Wenn es einmal ganz normal ist, gelinkt zu werden, fällt das überhaupt nicht mehr auf. McKay ist hohl, er hat über keine seiner Positionen nachgedacht, und seine Berater sind Manipulatoren und Maschinen. Keiner von ihnen ist Politiker.“
[4]
Es ist interessant, zu sehen, über was die Medien in Network eigentlich berichten. Alle Sender fassen postwendend das zusammen, was Beale in seiner Sendung gesagt hat. Der Nachrichtensprecher erscheint auf der ersten Seite der New York Times. Diana listet einem Kollegen einmal die Ereignisse auf, von der die New York Times berichtet. Alle sind mit Sicherheit wichtiger als Howard Beale und seine Show, der aber steht auf dem Titel. Ganz ähnlich war das, als Margarete Schreinemakers in ihrer Show einen Beitrag zu ihrer eigenen Steueraffäre bringen wollte, und der Sender die Show abbrach. Sämtliche Medien brachten das.    
Leonard Quast und Albert Austen schreiben in ihrem Buch American Film and Society in the Seventies, so sehr Filme wie The Candidate und Network auch die Rolle des Fernsehens angreifen, das Medium habe immerhin die Frauenbewegung und die Antikriegsbewegung wirkungsvoller gemacht zu haben.
[5] Das Argument wirkt es ein wenig grotesk. Natürlich ist es Aufgabe der Medien, und somit des Fernsehens, Öffentlichkeit zu erzeugen. Das ist aber nicht, was diese beiden Filme kritisieren.  


[1] Tom Brom: The Candidate. In: Film Society Review, Volume 7, Number 7-9. [2] Besonders deutlich in folgenden Sätzen: „[...] his advance men had him chasing God knows where talking to a few farmers [...] why does he even try to make a formal speech? In real life, one would scrap the speech and sit down with whoever’s there and find out what’s bothering them and talk and argue and have a goog time.“ - Bella S. Abzug: Why is Bella bored?  In: New York Times, 23. Juni 1972.  [3] Vgl. Brom. [4] Brom. [5] Leonard Quart / Albert Auster: American Film and Society since 1945. New York 1991, S. 116.




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