Lauter nette Menschen

Der neue Film mit Wesley Snipes zeigt die Folgen eines One Night Stand


Als der Kritiker Fritz J. Raddatz den aidskranken Schriftsteller Harold Brodkey besuchte, fragte er: „Wie geht es Ihnen?“ Worauf Brodkey lakonisch entgegnete: „Danke, ich sterbe“.

Mit derselben Unbefangenheit erkundigt sich Max (Wesley Snipes) bei seinem früheren Geschäftspartner Charlie (Robert Downey Jr.), wie er sich denn fühle. Auch Charlie hat Aids, liegt im Krankenhaus und im Sterben, nicht in der Lage zu antworten.

Den langsamen und qualvollen Abschied von einem Freund zeigt Mike Figgis’ neuer Film „One Night Stand“. Parallel zum Sterben Charlies vollzieht sich aber ein Neuanfang für vier seiner Bekannten, denn um sein Krankenbett entwickeln sich neue Freundschaften, das ist der zweite Erzählstrang des Films: In New York trifft Max zufällig Karen (Natassja Kinski). Beide sind verheiratet und verleben in einem Hotel einen „One Night Stand“. Die beiden sehen sich später an Charlies Krankenbett wieder. Karen ist dessen Schwägerin.

So entfaltet sich eine Geschichte, die gewiss nicht neu im Kino ist. Unzählige andere Filme haben sich mit dem Seitensprung und seinen Folgen befasst. Und von der Story her ist „One Night Stand“ bestimmt kein ungewöhnliches Werk. Was es ausmacht, ist die Zeichnung seiner Charaktere. Denn Figgis habe mit dem Film Menschen zeigen wollen, die allesamt sympathisch sind, gab er zu Protokoll. Das ist ihm gelungen. Es gibt keinen „Bad Guy“, niemanden, dem man wünscht, von seinem Partner verlassen zu werden. Und Charlie ist derjenige, der erinnert, worauf es ankommen sollte: „Du bist nicht glücklich, Max“.

Nach Charlies Tod ordnen Max und Karen ihr Leben neu ohne ihre Partner zu verletzen. Niemand kündigt dem anderen die Freundschaft auf. So nimmt der Film eine Wende, wie sie Hollywood am liebsten ist: Die zum Happy-End. Aber weil sich der Engländer Mike Figgis („Stormy Monday“, „Leaving Las Vegas“) den Gegebenheiten der Traumfabrik nicht völlig angepasst hat, kommt sie auf eine ungewöhnliche und raffinierte Weise daher. Nicht zuletzt das macht den Film sehr sehenswert.

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