Gestatten... wir sind Bankräuber

Arthur Penn verfilmt die Geschichte von Bonnie und Clyde


Als sich Bonnie Parker (Faye Dunaway) und Clyde Barrow (Warren Beatty) zum ersten Mal begegnen, sind beide vor allem gelangweilt. Er ist frisch aus dem Gefängnis entlassen, sie unzufrieden mit ihrem Job als Kellnerin in einem Café und überhaupt ihrem Leben in ihrer kleinen Heimatstadt. Es ist die Zeit der großen Depression, das Amerika der dreißiger Jahre.

Die erste Szene des Films zeigt Bonnie in ihrem Schlafzimmer. Sie legt sich aufs Bett, haut mehrmals gegen das Gestell. Regisseur Arthur Penn zeigt sie uns aus einer Kameraperspektive von schräg oben. Bonnie klammert sich ans Gestell, die Stangen wirken wie Gefängnisgitter. Aber der Ausbruch scheint leicht, Clyde wartet vor dem Haus. Die beiden brauchen nur loszugehen. Ein Zurück gibt es nicht.

 

Dass Clyde vor dem Haus steht und die beiden tatsächlich ausbrechen werden, weiß sie in diesem Moment freilich noch nicht. Nur durch Zufall erwischt sie ihn beim Versuch, das Auto ihrer Mutter zu knacken. Es erschreckt sie nicht, ganz im Gegenteil, sie bittet ihn zu warten. Zusammen machen sie sich auf den Weg zu ihrer Arbeit, und Clyde erzählt, er sei gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Gesessen hat er nach bewaffnetem Raubüberfall, vorzeitig entlassen wurde er wegen guter Führung. Bonnie zeigt sich zunächst ungläubig ob dieser Geschichte, stiftet ihn dann aber zum nächsten Raub an. Diesen ersten gemeinsamen Überfall begeht er, um ihr zu imponieren, und sie aus purer Langeweile. (Wobei sich ihre Rolle hier noch darauf beschränkt, den Anstoß zu geben und ihren Begleiter hinterher zu belohnen.) Sie fliehen mit einem geklauten Auto, das er gar nicht lenken kann, weil Bonnie sich auf seinen Schoß setzt und ihn mit Küssen bedeckt. „Eine Bank zu überfallen, ist die einzig mögliche Art, sich mit der Gesellschaft zu beschäftigen und trotzdem Spaß zu haben“[1], schreibt der Rolling Stone.

Innerhalb weniger Minuten sind die beiden Outlaws. Sie haben der Gesellschaft den Rücken gekehrt; er, der er gerade wieder in sie entlassen wurde, und sie, die nie etwas anderes kannte, als Leben in den Grenzen der Gesellschaft.

 

Dieser erste Überfall ist ein relativ harmloser. Clyde schießt zwar, aber auf den Boden, und das als er das Geld schon hat. Es ist nur ein weiterer Versuch, Bonnie zu imponieren. Auf der Fahrt ins Ungewisse übernachten sie zunächst in einem leerstehenden Haus, dessen Scheiben sie vor Verlassen kaputt schießen. An jenem Morgen steht, kaum ist Bonnie aufgewacht, Clyde in der Tür. Er hat seinen Halfter umgeschnallt und die Pistole in der Hand. Sie beide hätten etwas zu erledigen, sagt er und geht mit ihr nach draußen, um Schießübungen zu machen. Etwas später sagt Clyde zum ersten Mal den lapidaren Satz: „We rob banks“. Die Familie, die ihm zuhört, ist ein wenig entsetzt - und Bonnie auch. Das ist Prahlerei und Spielerei.

Aus Angst, Bonnie könnte ihm nicht glauben, lässt er beim nächsten Überfall den Bankier mit zum Wagen kommen und Bonnie bestätigen, dass es in der Bank, die er gerade überfällt, wirklich kein Geld gibt. Die beiden lachen darüber. Aber so unschuldig bleibt ihr Spiel nicht - auch wenn sie selber trotz allem immer unschuldig wirken werden. Schon beim nächsten Überfall läuft es nicht so glatt. Im Kampf schlägt Clyde einem Banker mit seiner Pistole auf den Kopf. Dieser wird Clyde später identifizieren.

Beim nächsten Halt an einer Tankstelle stellen sie sich höflich vor. Sie nennen ihre Namen und fügen hinzu, dass sie Bankräuber sind. Tankwart C.W. Moss (Michael J. Pollard) zeigt sich beeindruckt und schließt sich den beiden an. Der folgende Überfall geht erneut nicht reibungslos über die Bühne. C.W. fährt das Fluchtauto. Autos sind sein Beruf. Und da sich die Gelegenheit bietet, parkt er das Auto vorschriftsmäßig ein. Als Bonnie und Clyde aus der Bank kommen, verlieren die drei unnötig Zeit. Statt den unbewaffneten Banker, der sich an ihr Auto gehängt hat, wegzustoßen, tötet Clyde ihn mit einem Kopfschuss.

 

Diese beiden letzten Banküberfälle sind der Wendepunkt von den ersten, ziemlich harmlosen Überfällen zu den brutalen, bei denen auf das eine oder andere Menschenleben nicht mehr geachtet wird. Auch wenn es die legendäre „Barrow-Gang“ noch nicht gibt: Der Mythos von Bonnie und Clyde entwickelt sich langsam. Clyde wird identifiziert und neben den Raubüberfällen stehen auch Körperverletzung und Mord auf dem Konto der zwei.

Der Film zeigt das übergangslos. Clyde ist natürlich geschockt nach seinem ersten Mord. Das hindert ihn aber nicht, weitere zu begehen. Wieso sich seine Verbrecher-Kartei und die der anderen erst jetzt wirklich zu füllen beginnt, sagt der Film nicht.

Interessanterweise stört das schon 1968 den Kritiker der New York Review of Books, Frank Conroy. Die Brutalität, das viele Blut, die Verwundungen und das schockierende Ende stoßen ihn nicht ab. Am Ende seines Textes bemerkt er, das Thema des Films führe zu den dunkleren Geheimnissen der Seele. Wenn die Filmemacher den Nerv oder die Vorstellungskraft gehabt hätten, dorthin zu folgen, wäre das Werk, so Conroy, um einiges interessanter geworden.[2] Es wird aus dem Film nicht ersichtlich, wie es – und sei es Sicht des Drehbuchschreibers oder Regisseurs – zu der hemmungslosen Gewaltanwendung kommen konnte. Das Töten bei den Überfällen und den Auseinandersetzungen mit den Ordnungshütern hat nichts mehr mit Clydes frühen Räubereien zu tun – wie immer die auch ausgesehen haben mögen. Mit Langeweile kann man das nicht mehr begründen. Man kann zu diesem Zeitpunkt auch nicht sagen, Bonnie und Clyde wären so geworden, wie die Menschen sie haben wollten, da sie kaum bekannt waren.

Von späteren Aktionen der „Barrow-Gang“ kann man natürlich behaupten, sie seien beeinflusst durch das, was die Medien von ihr schreiben. Die Gang entspricht zusehends dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihr hat.

 

Nach Clydes erstem Mord stoßen auch sein Bruder Buck (Gene Hackman) und dessen Frau Blanche (Estelle Pasons) zu ihnen. Die beiden Brüder scheinen das Leben als Kriminelle gewohnt zu sein. Bucks Frau hingegen hält es kaum aus. Sie ist hysterisch, die einzige, die ein Mord noch zu berühren scheint.

Als die Gang zu ihrer vollen Größe zusammengewachsen ist, beginnt gleichzeitig ihr Untergang. Der nächste Überfall ist der bisher am besten organisierte. Allerdings wird es ihnen leicht gemacht. Sie brauchen nur noch zu sagen, sie seien die „Barrow-Gang“ und dies sei ein Überfall, schon läuft alles von selbst. Einer der Kunden der überfallenen Bank lobt, die Gang sei gerecht gewesen und habe ihm sein Geld gelassen. Ein ermittelnder Polizist posiert stolz für die Kameras der versammelten Presse. Je weiter der Mythos wächst, um so radikaler werden die Auseinandersetzungen mit den staatlichen Autoritäten. Statt zur Pistole greift die Gang zu den Maschinengewehren und die Polizei rückt mit großem Aufgebot an. Bei der ersten Konfrontation werden nach langem Kampf drei Polizisten erschossen.

 

Trotz dieser Schwierigkeiten genießen die Fünf (Blanche mit Abstrichen) ihr Leben als Outlaws zusehends. Bei ihrer ersten und einzigen Tat, die ausschließlich von den Medien bestimmt ist, vergnügen sie sich mit einem Ranger. Der hat versucht, von hinten ans Auto der Gang zu schleichen, und ist überwältigt worden. Die Fünf schießen nun Fotos mit ihm auf dem Kofferraum ihres Wagens. Der Gesetzeshüter wird gefesselt, und als er Bonnie anspuckt, demütigt ihn Clyde seinerseits: Er lässt ihn in einem Boot auf einen See treiben. Diese Szene hat etwas Komisches, schon allein deshalb, weil der Ranger mit seinem Oberlippenbart und der verbissenen Miene den Inbegriff des spießigen Gesetztesvertreters darstellt. Aber er ist ein Vertreter der staatlichen Autorität. Und der Staat wird Bonnie und Clyde in eben seiner Gestalt zur Verantwortung ziehen.

Später machen sie sich einen Spaß daraus, ein Ehepaar zu verfolgen und in ihr Auto zu zwingen. Schließlich unterhalten sie sich mit ihnen, vor allem Buck amüsiert sich glänzend. Als sich herausstellt, dass der entführte Mann Totengräber ist, wird er auf Bonnies Drängen abgesetzt.

Wiederum vollzieht sich eine Wende. Bonnie möchte ihre Mutter noch einmal sehen. Nach dem Familientreffen kaufen Bonnie und C.W. ganz normal ein. Jemand bemerkt die Pistole unter seinem Hemd, es kommt zu einer Schießerei, bei der neben Maschinengewehren auch Handgranaten eingesetzt werden. Buck wird lebensgefährlich verletzt, am folgenden Tag  nach einer Umlagerung getötet. Bonnie und Clyde werden angeschossen und Blanche verliert ihr Augenlicht. Während Bonnie und Clyde ihre Verletzungen auskurieren, kommt der von Clyde gedemütigte Ranger auf ihre Spur. Die Ausgrenzung des Kriminellen von der Gesellschaft ist unumkehrbar.[3]

 

Der Schluss des Films ist schockierend und tragisch. Die beiden bekommen ihre gerechte Strafe. Tragisch ist das einmal, weil sie gerade den Neuanfang gewagt haben und die Strafe „grausamer als sich irgend jemand vorstellen kann“[4] vollzogen wird. Gerade als Bonnie und Clyde die Wiedereingliederung in die Gesellschaft  so gut wie gelungen scheint, werden sie in eine Falle gelockt und erschossen. Sie waren zum ersten Mal zusammen einkaufen wie ganz normale Bürger. Sie waren gut gelaunt, hatten ihre kriminelle und gewalttätige Vergangenheit hinter sich gelassen. Ein Polizeiwagen holt die beiden dorthin zurück. Es gelingt ihnen aber noch einmal, sich unerkannt  auf den Heimweg zu machen.

Auf dem Weg halten sie an. Fröhlich steigt Clyde aus dem Auto, um C.W,’s Vater am Straßenrand beim Reifenwechsel behilflich zu sein. Penn hat den Zuschauer lange auf das Ende vorbereitet. Er hat mehrmals den nervösen Vater gezeigt. Er zeigt einen Polizeiwagen der lange braucht, um die beiden Autos zu erreichen. Noch bevor er sie erreicht, verkriecht sich der Alte und wir sehen, dass da buchstäblich etwas im Busch ist. Das leichte Glücksgefühl des Zuschauers verfliegt. Dass die beiden kurz zuvor unerkannt entkamen, war als Teil des Plans notwendig, um sie in die Falle zu treiben. Und während der Alte unter seinem Laster liegt, schauen sich Bonnie und Clyde ein letztes Mal in die Augen. Der Moment scheint endlos, wir sehen seine und ihre Augen in Großaufnahme. Sie wissen, was nun passieren wird. Bonnie und Clyde sind auf das Auftauchen der Polizei nicht vorbereitet. Sie werden durchsiebt, ihre toten Körper zappeln noch eine Weile von den vielen Kugeln. Frank Conroy führt diese Grausamkeit in seiner Rezension darauf zurück, dass die Polizisten mit den beiden einen Mythos zerstören wollten[5], ein Gefühl, das sie natürlich haben mussten: Das sind nicht zwei beliebige Verbrecher, sondern Bonnie und Clyde.

 

Der Film wird in den mir bekannten Rezensionen positiv besprochen. Interessant ist, dass die Schlussszene schon ein halbes Jahr nach Erscheinen als „berühmt“[6] bezeichnet wird. Ebenfalls auffällig ist der eben schon zitierte Satz aus dem 1967 gegründeten Rolling Stone: Der Film ist authentisch wo das möglich ist, „die geschichtlichen Aspekte sind aber von der geringsten Bedeutung. [...] Bankraub ist die einzig mögliche Art, sich mit der Gesellschaft zu befassen und trotzdem Spaß zu haben“ [7], schreibt der namenlose Verfasser. Die New York Times hingegen beurteilt den Film durchweg negativ. Schon im Untertitel ist zu lesen, die Karriere der Mörder sei als Farce gefilmt.[8] Der Rezensent nennt den Film altmodisch und behauptet, er hätte ohne die grausigen Gewaltszenen eine ehrliche kommerzielle Komödie werden können, aber nicht mehr.[9]

Dem Film wird er mit seiner oberflächlichen Rezension nicht gerecht. Denn Penns Werk ist tatsächlich ein ernsthaftes, stellenweise komisches und stellenweise tragisches, und gelungenes Portrait von Bonnie und Clyde. Die „Barrow-Gang“ hat es tatsächlich gegeben. Zwar stellt auch Frank Conroy fest, dass Beatty und Dunaway wenig mit dem authentischen Pärchen gemein haben dürften, fragt aber gleichzeitig, ob man denn wirklich anzweifeln könne, dass Penn mit seiner Darstellung dem Mythos, der sich in den Dreißigern für die Zeitungsleser entwickelte, ziemlich gut entspricht.[10] Auch der Rolling Stone attestiert dem Film Authentizität, wo diese möglich ist.[11] Und die Vogue bezeichnet die zeitgemäße Relevanz seines Themas als den Triumph des Films.[12]

Bonnie und Clyde ist gerade wegen seines Themas in der Zeit seines Entstehens auch ein Politikum. Es zeigt hemmungslose Gewaltanwendung gegen die Polizei und damit Vertreter des Gesetzes. Und das erklärt die empörte Reaktion in der New York Times genauso wie die im jungen Rolling Stone.



[1]  „Bank robbing is the only available way to deal with society and still have fun.“ – nach: Bonnie and Clyde. In: Rolling Stone, Nr. 3, 14. Dezember 1967, S. 17.

[2] „How much more interesting both movies [In Cold Blood und Bonnie and Clyde] would have been had the people making them posessed the nerve, or the imagination, to follow where the subject so clearly led, to the darker mysteries of character.“ – Frank Conroy: Violent Movies. In: New York Review of Books, 11. Juli 1968. S. 28-30.

[3] „[...] the irreversible seperation of the criminal from society, and his special mortality.“ - Conroy. 

[4]  „Death simply arrives, with more strength than anyone can imagine, [...]“ - Conroy.

[5]  Conroy.

[6]  Conroy.

[7]  „[...] the historical aspects are of the least importance. The idea of robbing banks -and killing people, which they do [...]- seems either vicious or dull depending on your viewpoint. But it isn’t. Bank robbing is the only available way to deal with the society and still have fun.“ - Bonnie und Clyde.

[8]  „Careers of Murderers Pictured as Farce“ - Bosley Crowther, Screen: ‘Bonnie and Clyde’ Arrives. In: New York Times, 14. August 1967.

[9]  „[...] might be passed off as candidly commercial movie comedy, nothing more, if the film weren’t feddened with blotches of violence of the most grisly sort.“ - Crowther.

[10]  Conroy.

[11]  „The story is fairly accurately based around the real gang [...] the detail is correct and the sets and costumes are authentic, [...]“ - Bonnie und Clyde. 

[12]  „[...] the universitility of the theme and its particular contemporary relevance. And this is the triumph of ‘Bonnie and Clyde’“ - Judith Christ in Vogue, zitiert nach: New York Times, 14. August 1967.




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