Im Fahrstuhl
Tim Roths verstörendes Regiedebüt The War Zone
Zu einer Familie zu gehören, das sei wie mit Menschen in einem Fahrstuhl eingesperrt zu sein, mit denen einen sonst nichts verbindet. Jodie Foster zog diesen Vergleich, als sie 1996 mit ihrem Film Familienfest und andere Schwierigkeiten auf der Berlinale war.
In diesem Jahr kam ein anderer Schauspieler mit seiner erster Regiearbeit nach Berlin. Tim Roths The War Zone lief im Panorama und widmet sich ebenfalls dem Thema Familie. Mit Fosters Tragikomödie ist dieser Film dennoch allenfalls in den Ansätzen zu vergleichen. Der Fahrstuhl, den Foster als Metapher heranzieht, ist bei Roth ein abgelegenes Haus, groß, weiß und viereckig. Wir sehen die Familienmitglieder immer wieder hineingehen, den Weg nach draußen aber findet vor den Augen der Zuschauer nur der Vater.
The War Zone zeigt eine vierköpfige Familie, die von London an die Küste gezogen ist; die Kinder gelangweilt, der Vater fluchend; die Mutter schwanger. Ihre Fruchtblase platzt, und die Familie fährt zum Krankenhaus. Sie verunglückt, aber alle auch das Baby überleben fast unverletzt.
Man kann auch den Unfall bildhaft deuten: Etwas stimmt nicht, die Familie kommt ins Schlingern, verliert die Kontrolle und überschlägt sich. Aber für den Zuschauer ist lange Zeit nur zu erahnen, dass etwas nicht in Ordnung ist, abzulesen am traurigen und abgeklärten Gesicht von Tom, dem Sohn. Seine Eltern sind augenscheinlich sympathische Menschen und fürsorgliche Eltern. Er und seine Schwester zanken und kabbeln, und halten doch - wie das bei Geschwistern meistens so ist - zusammen. Nein, was nicht stimmt in dieser Familie, das wird auch Tom erst spät klar: Der Vater missbraucht seine Tochter.
Kindesmissbrauch und Inzest waren oft genug Gegenstand von Kino- und Fernsehfilmen. Das Fernsehen bemächtigt sich dieser Themen oft verklärend oder sensationslüstern, mit skandalträchtigem Titel. Ganz anders Tim Roth. Die erste Einstellung zeigt, wie Tom auf dem Rad durch den Wald fährt - eine Szene, die Übertragung einer Szene aus Ang Lees Der Eissturm. Auch da wartete am Ziel eine nur vordergründig intakte Familie.
An anderer Stelle sehen wir Toms Schwester am Strand stehen. Sie starrt aufs Meer, Tränen laufen ihr die Wange hinunter, sie verzieht keine Miene, gibt keinen Laut von sich. Der Schmerz ist in The War Zone eher zu erahnen als zu sehen oder gar zu hören.
Das macht den Film so beklemmend und verstörend. Es ist ein Film, der auch dem Zuschauer körperlich weh tut. Der krallt sich im Sitz fest, seufzt und schließt die Augen, aber verliert vielleicht gerade weil der Film keinen Ausweg andeutet, nicht den Glauben an ein hoffnungsvolleres Ende. Es bleibt aus.
Tim Roth ist vor allem durch seine Arbeit mit Quentin Tarantino bekannt. In Reservoir Dogs spielte er einen Polizeispitzel, Mr. Orange, und in Pulp Fiction erhielt er eine Lehrstunde beim Versuch, einen Coffee-Shop auszurauben. Sein Regiedebüt The War Zone hat er in seiner englischen Heimat gedreht. Es ist ein sehr guter Film geworden mit wunderbaren Bildern und hervorragenden Schauspielern. Er ist unglaublich intensiv und vor allem mutig, des Themas wegen und der Offenheit wegen, mit der er es angeht.
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