"Was wäre ich ohne den Tod?"

Oliver Stone, sein Vater und Richard Nixon


Das Lincoln-Zimmer im Weißen Haus, im Kamin knistert ein Feuerchen. Richard Milhous Nixon (Anthony Hopkins) liegt Whiskey trinkend in einem Sessel. Er ist unfähig, ein Tonband einzulegen, unfähig, es abzuspielen, unfähig, eine Pillendose zu öffnen. Er schwitzt und ist betrunken.

Mit dieser Szene beginnt Oliver Stones Film Nixon. Kein Film über den Politiker Richard Nixon, keiner über die Stationen seines Lebens, nicht über das, was Nixon bewegt hat. Es geht um den Menschen, die zwiespältige Persönlichkeit Nixons.

Mit nur wenigen Bildern handelt Stone die Geschichte des Politikers ab. Wir sehen Nixon bei seinen größten Niederlagen: Der gegen Kennedy bei den Präsidentschaftswahlen 1960, der gegen Senator Brown im Kampf um den Posten als Senator von Kalifornien 1962, und schließlich kurz vor seiner schwersten Niederlage, dem Rücktritt vom Amt des Präsidenten als Spätfolge der Watergate-Affäre.

In einem an die Wochenschau erinnernden Rückblick erfahren wir kurz, welches die Stationen in Nixons politischer Karriere waren. Der Beitrag endet mit dem Satz: „Wir haben nie gewusst, wer Richard Nixon wirklich war. Jetzt – da er zurückgetreten ist – werden wir es nie erfahren.“ Und als wollte uns Stone sagen, er würde uns endlich Klarheit verschaffen, lässt er Bild und Ton am Ende des Satzes ersterben und den Film nach dieser Einleitung beginnen.

Zu seinem Film JFK hat Stone gesagt, er habe alle zur Verfügung stehenden Fakten benutzt, um eine neue These aufzustellen. Den Anspruch zu zeigen, wie es gewesen, den erhob er nicht. Mit Nixon steht es nun anders. Für seine Psychobiographie Nixons wenigstens beansprucht er Richtigkeit.

Der Nixon, den Stone uns vorführt, ist ein Opfer. Er hat scheinbar den geringsten Anteil an dem, was mit ihm geschieht, weil er nur die Ratschläge seiner Berater befolgt. Nixon ist nie erste Wahl, aber es gibt keine Alternative zu ihm. Dazu, dies als Argument für sich anzubringen, ist er keineswegs zu stolz.

Nixon ist zweite Wahl. Erst der Tod seines ältesten Bruders ermöglicht ihm das Jura-Studium. Der Tod John F. Kennedys macht den Weg frei zum Präsidentenamt. Der Rückzug Johnsons, sowie die Attentate auf Robert Kennedy und den Mitbewerber auf das Amt des Präsidenten 1972 eröffnen ihm erst die Chancen für Wahl und Wiederwahl zum Präsidenten. Nixon geht – wenn auch ungewollt – über Leichen. Er weiß das und leidet darunter. Der Tod seiner Brüder und das Attentat auf Kennedy verfolgen Nixon buchstäblich.

Stone zeigt uns in Nixon einen kranken Menschen. Mal wirkt er nur ganz normal paranoid, dann komplett geistesgestört. Nixon sieht sich, von allen gehasst, als Opfer einer großen Verschwörung. Sich selbst hingegen wähnt er auf einem Kreuzzug gegen die Lüge. Daher scheut er sich nicht, im Zweifelsfall langjährige Vertraute zu entlassen oder im „Saturday Night Massacre“ gar die Entlassung von Justizminister und Stellvertreter anzuordnen, weil die sich wiederum weigerten, den Sonderermittler zu feuern. Obwohl Stone Howard Hunt, einen der Watergate-Einbrecher, sagen lässt, dessen Männer täten nichts ohne seine Erlaubnis, gibt es im Film nur wenige andere Entscheidungen, die Nixon eigenständig fällt. Sie sind selten, dafür umso härter. In einer Besprechung wird ihm der Vorschlag unterbreitet, eine eigene nachrichtendienstliche Einheit zu bilden. Nixon nimmt den Vorschlag an, und nutzt die Gelegenheit, um ausladend von den Methoden der Nationalsozialisten im Dritten Reich zu erzählen.

Über die Dauer des Filmes gesehen, vermittelt Stone das Bild eines getriebenen Präsidenten ohne Überblick und wirkliche Macht. So zum Beispiel, als er Nixon auf dem Flughafen von Dallas zeigt. Während einige Fahnen schwingende Menschen auf die Ankunft vom Präsidenten Kennedy warten, geht Nixon unbemerkt auf das Rollfeld. Er wird die Stadt verlassen, noch bevor Kennedy eintrifft. Stone zeigt diese Szene von oben. Die Menschen auf dem Rollfeld, Nixon eingenommen, recken ihre Köpfe nach oben, wo vor dem Präsidenten ein dickes Unwetter angekommen ist. Stone zeigt abwechselnd das Weiße Haus und den Flughafen von Dallas. An einem Ort ziehen Wolken vorüber, am anderen sammeln sie sich. Symbolisiert wird überdeutlich, dass da eine Sache abläuft, die größer ist als Nixon und die fahnenschwingenden Menschen.

Tags zuvor hat Nixon tapfer auch die deutlichste Anspielung auf das überhört, was an diesem 22. November 1963 geschehen sollte. Im Gespräch mit texanischen Öl-Multis (einer von ihnen dargestellt von Dallas-Fiesling Larry Hagman), die sich bemühten, Nixon in die Politik zurück zu holen, Castro aus dem Weg zu schaffen und Kennedy dazu. Die schon in JFK aufgestellte These von Kennedy als einem Opfer von Castro-Gegnern präzisiert Stone also in Nixon: Eine Gruppe von an der Landung in der Schweinebucht Beteiligten als Hintermänner der Mordes an Kennedy. Im Film hat auch Nixon selbst dieser bösen Verdacht, mehr hat er mit der Sache jedoch nicht zu tun. Dennoch, der Verdacht, in den Mordfall Kennedy in irgendeiner Weise verstrickt zu sein, verfolgt Stones Nixon sein Leben lang.

Auch in der Schlüsselszene des Films geht es um Verschwörungstheorien, wenn auch nicht um den Mordfall Kennedy. Hier fährt Nixon – nur vom Küchenjungen Manolo begleitet – mitten in der Nacht zum Lincoln-Memorial, wo sich Studenten versammelt haben, um gegen den Vietnam-Krieg zu protestieren. Den Weg von der Limousine bis zum Memorial zeigt Stone von oben. Wie durch die Augen Lincolns sehen wir Nixon zu Füßen seines Idols. Der Besucher wirkt wie ein Winzling, aber er sieht sich in ähnlicher Situation wie sein Vorbild seinerzeit. Zu Lincolns Zeit hat es Chaos, Bürgerkrieg und Rassenhass gegeben. Richard Nixon ist mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Der Weg, sie zu lösen, ist noch weit.

Lange bleiben die Präsidenten nicht unter sich. Nixon wirkt erschrocken und verschüchtert, als sich Studenten um ihn herum versammeln. Er weicht ein paar Schritte zurück, doch fängt sich schnell, geht auf die Leute zu, schüttelt ein paar Hände, stellt sich mit „Dick Nixon“ vor und plaudert über Football. Die Distanz zu den Studenten kann der Politiker so nicht abbauen, nicht in dieser Nacht. „Wir sind nicht hergekommen, um über Football zu reden“, sagt die Studentin zum amerikanischen Präsidenten. Nixon (Anthony Hopkins) nickt verständnisvoll aber enttäuscht, ja, er verstehe das.

„Niemand will diesen Krieg“, sagt eine von ihnen. „Warum geht er also weiter? Nicht Sie entscheiden darüber, das System lässt sie den Krieg nicht beenden. Was für einen Sinn hat es, Präsident zu sein? Sie sind machtlos.“ Das ist das Bild Nixons, das man aus dem Film mitnehmen soll – Nixon als eine Marionette. Die Studentin ist selbst erschrocken über diese Erkenntnis. Ihr Blick verrät nacheinander Erstaunen, Entsetzen und völlige Verzweiflung. Und um die Machtlosigkeit des – über diese Erkenntnis ebenfalls entsetzten – Präsidenten zu veranschaulichen, lässt Stone dessen Männer zum Lincoln-Memorial nachkommen. Wie ein Vater zu seinem Kind sagt Berater Haldeman zum Präsidenten, es sei Zeit zu gehen. Nixon nickt traurig und geht hinter ihm her.

Es ist folgerichtig, dass wir, wenn Nixons Tonband eingeblendet wird, kurz die Zahnräder der Maschine sehen, die ineinander greifen und das Tonband ablaufen lassen. Stone zeigt einen Präsidenten, der vom System nicht bloß beeinflusst wird. Er ist mehr als nur abhängig von ihm. Nixon existiert – so kann man dieses Bild deuten – nur durch die anderen Bestandteile der Maschine, und wird von ihnen angetrieben. Seine Rolle dabei besteht lediglich darin, die Befehle auszusprechen.

Stone zeigt oft die gleiche Szene aus unterschiedlichen Perspektiven, in Farbe und schwarz-weiß, schneidet Hopkins in historisches Filmmaterial und verleiht seinem Film dadurch Authentizität. Hopkins spielt Nixon mit eingezogenem Kopf, blickt sich oftmals mit wirrem Gesichtsausdruck um, als sei er für einen Moment orientierungslos. Als Nixon setzt er stets eine finstere Miene auf, ist erschrocken und misstrauisch. Wenn man ihn feiert, braucht er eine Weile, um zu begreifen, dass man ihm wirklich nichts Böses will. Hopkins Spiel verrät, was seine Figur nur an einer Stelle sagt: „Sie sind alle meine Feinde“, heißt es da. „Es geht nicht um den Krieg, es geht um Nixon.“

Momente wie diesen, in denen Stone Nixon schonungslos bloßstellt, gibt es nur wenige. Die Szenen, in denen er Nixon klar formulieren lässt, was er wie erreichen will, sind selten und kurz.

Stone hat Mitleid mit dem Präsidenten, und das ist es auch, was er als Reaktion des Zuschauers erwartet. Nach Mitleid heischende Szenen wie in JFK, wo Kevin Costner als Staatsanwalt Jim Garrison im Gerichtssaal zu weinen beginnt, als er über das Ideal Amerikas schwadroniert, gibt es auch in Nixon. Etwa nach Unterzeichnung der Rücktrittsurkunde, als Nixon Kissinger bittet, mit ihm zu beten, als er anfängt zu weinen, und fragt, warum er so gehasst werde. Kissinger legt an dieser Stelle sachte die Hand auf des Präsidenten Schulter. Oder bei der letzten Ansprache Nixons, als ausgerechnet Kissinger sich die Tränen verdrückt und der ganze Saal – einschließlich des Kameramannes – stehend applaudiert. Überhaupt scheint Stone besonders beeindruckt von den „letzten“ Reden Nixons. „Dies, Ladies and Gentleman, war meine letzte Pressekonferenz“, sagt Nixon nach seiner Niederlage gegen Senator Brown. Da stocken die Journalisten beim Schreiben und starren mit offenem Mund auf Nixon. Da sehen wir die Szene noch einmal in Zeitlupe und schließlich den Schatten Richard M. Nixons, den die Blitzlichter auf den Vorhang werfen. Ein starker Abgang. Nach dem bereits erwähnten Gebet mit dem Außenminister erleben wir, wie Nixon zusammen mit seiner Frau im Weißen Haus zu seinen Privaträumen geht. Das Paar spaziert langsam, das Haus ist dunkel, der Weg weit. Und nur ganz leise ist das Echo von Nixons Stimme zu vernehmen.

Nixon ist alles in allem ein anregender, detailreicher und interessanter Film. Und das, obwohl er ein schräges Bild des Präsidenten vermittelt. Zwar legt Stone diverse Charakterfehler offen, entschuldigt Nixon dadurch aber gleichzeitig. Stone hat den Film benutzt, um nicht nur seine Sichtweise Nixons zu zeigen, sondern seine Sichtweise Amerikas, das beherrscht wird von einem alle übersteigenden „System“. Aus dieser Sicht muss der Film apologetisch wirken. Aber was immer Nixon gewesen sein mag, er war sicherlich mehr als ein Zahnrad und Opfer des großen Getriebes Amerika.




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