"The Genuine Article"

John Wayne als American Adam


 

„John Wayne was bigger than life. In an age of few heroes, he was the genuine article. But he was more than a hero – he was a symbol of many of the most basic qualities that made America great“, sagte der amerikanische Präsident Jimmy Carter am 12. Juni 1979 zum Tode John Waynes; der Schauspieler gesehen als Verkörperung der amerikanischen Tugenden.[1] Garry Wills ernennt Wayne nicht zuletzt ihretwegen zum „American Adam“.[2]  In diesem Text werde ich mich vor allem dem gleichnamigen Text von Wills widmen und der Frage nachgehen, wie man in John Wayne den American Adam sehen kann. 

 

 

Ernennung Waynes zum American Adam

Wills’ Essay American Adam, den die New York Review of Books im Frühjahr 1997 veröffentlichte, ist ein Auszug aus dessen Buch John Wayne's America: The Politics of Celebrity.[3] Bei dem Essay handelt es sich nicht um eine Zusammenstellung verschiedener Passagen aus dem ganzen Buch, sondern er ist identisch mit dem letzten Kapitel.


Mit dem Text führt Wills fort, was er in seinen früheren Büchern zu tun pflegte: Er liefert die Biographie eines bedeutenden und einflussreichen Amerikaners, um von ihr Rückschlüsse auf die jeweilige Zeit zu ziehen. Den Anspruch zeigen bereits die Titel der Bücher (beispielsweise Explaining America: The Federalist, Inventing America: Jefferson’s Declaration of Independence). Im Prolog des Buches über John Wayne schreibt Wills, Waynes Geschichte „involved all Americans [...] by the particular definition he [Wayne] gave to ‘being American.’ That influenced us [...]“.[4]

 

Und damit liefert Wills auch die Definition von American Adam. John Wayne war selbstverständlich nicht der erste Amerikaner. Aber er war, und so muss es also hier gedacht sein, ein Vorbild für viele Amerikaner. Auch insofern mag er sich vom biblischen Adam unterscheiden, denn als explizites Vorbild dient der kaum, nicht zuletzt weil sein Sündenfall das Paradies für immer verschloss. Wenn den Amerikanern also „gelobte Land“ erhalten werden soll, darf es beim neuen Adam keinen Sündenfall geben; ein Aspekt, auf den ich noch zurückkommen werde. Wie kann nun aber aus einem amerikanischen Adam ein Vorbild werden? Indem ein Adam gewählt wird, der Eigenschaften hat, die jeder als „typisch amerikanisch“ akzeptieren kann und die es wert wären, erhalten zu bleiben. Mit dem Urmenschen Adam hat Wills’ American Adam also gemeinsam, dass er Urvater ist, in diesem Fall Urvater für den „guten Amerikaner“.

 

Wills schrieb Bücher und Nixon und "Reagan's America", und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis er sich dem „the most important American of our time [...]“ widmet. Für Eric Bentley jedenfalls waren Richard Nixon und Ronald Reagan „only camp followers of Wayne, supporting players in the biggest Western of them all, [...]“[5]  (Wobei Reagan zu der Zeit, als Bentleys Aufsatz erschien, 1972, Gouverneur von Kalifornien war, und noch nicht Präsident).

 

Die Frage, warum Wayne so wichtig und beliebt war, und vor allem, warum er es auch heute noch ist, drängt sich also förmlich auf. Und Garry Wills stellt sie gleich zu Beginn seines Aufsatzes. Um die Popularität Waynes zu untermauern, zitiert er die Annual Harris Poll of Americans, die im Jahre 1995 Wayne als beliebtesten Schauspieler führte. In seiner Rezension von Wills neuem Buch,[6] weist Michael Wood auf die Rangfolge hin: Nach Wayne folgen auf den Plätzen zwei bis vier Clint Eastwood, Mel Gibson und Denzel Washington. Impliziert ist Woods Interpretation der Liste: Je älter, desto beliebter. Und Wayne ist nicht nur alt, sondern auch schon lange tot. 

 

Dieser Interpretationsvorschlag der Umfrageergebnisse mag nicht ganz ernst gemeint sein, aber er verschärft die Ausgangsfrage dahingehend, dass etwas Besonderes an Wayne sein muss, das ihn nicht in Vergessenheit geraten lässt, sondern – ganz im Gegenteil – seine Popularität hoch hält. Um eine etwas ernsthaftere Antwort zu bekommen, wenden wir uns Randy Roberts und James S. Olson zu. Die beiden sind Geschichtsprofessoren an der Purdue bzw. Sam Houston State University, und schreiben im Vorwort zu ihrem Buch John Wayne: American[7]:

 

“He [Wayne] was so American, so like his country – big, bold, confident, powerful, loud, violent, and occasionally overbearing, but simultaneously forgiving, gentle, innocent, and naive, almost childlike. In his person and in the persona he so carefully constructed, middle America saw itself, its past, and its future. John Wayne was his country’s alter ego.”[8] 

 

John Wayne also als Spiegelbild der Amerikaner und der Western als „Nationalepos als work in progress“, wie Georg Seeßlen ihn einmal nannte.[9]




 

Der amerikanische Mythos

Von hier ist der Weg zum Mythos der amerikanischen frontier nicht weit. Wills stolpert nicht nur über ihn, sondern steuert ihn ganz bewusst an. In ihm sieht er die Antwort auf seine Ausgangsfrage.


Frederick Jackson Turner hat 1893 mit seinem Vortrag The Significance of the Frontier in American History vor der „American Historical Association“ in Chicago die frontier für geschlossen erklärt und damit ihren Mythos begründet. Auf Frederick Jackson Turner weisend, schreibt Wills:  „Our basic myth is that of the frontier. Our hero is the frontiersman“.[10] In seinem Buch über Wayne bezieht sich Wills ganz konkret auf den Mythos der frontier im Zusammenhang mit dem Schauspieler: „The strength of Wayne was that he embodied our deepest myth – that of the frontier. His weakness is that it was only a myth“.[11]

 

Auf den „frontiersman“ geht Wills nun weiter ein. Wenn Wayne der Held der Amerikaner ist, dann kann die Stadt nicht zu Amerika passen. Und diesen Aspekt des Mythos bröselt Wills buchstäblich auf. Im ersten Teil seines Aufsatzes geht es um die Freiheit der endlosen Prärie, die der Amerikaner braucht, um ein wirklicher Amerikaner sein zu können. Diese keineswegs neue These untermauert Wills, indem er den Gegensatz zwischen Prärie und Stadt ausbreitet: Die Stadt ist der Ort, an dem alles Schlechte zu finden ist, an dem es Verbrechen gibt und Prostitution, über den die Katastrophen hereinbrechen. Natürlich war das schon immer so, auch in der Antike. Wills betont, dass sowohl Rom, als auch Athen heilige Städte waren. Rom wurde um einen Altar errichtet, Athen hat die Akropolis in seiner Mitte.

 

Die Imperien Roms und Athens sind untergegangen. Und vor diesem Hintergrund, lässt sich das deuten, kann es mit amerikanischen Städten nur noch schlimmer kommen. Denn: „There is no more defining note in our history than the total absence of a sacred city on our soil“.[12] Die Stadt wurde im amerikanischen Bewusstsein das, was die Hölle für die Christen darstellte, schlussfolgert Wills. Im Umkehrschluss hieße das aber auch, dass die Prärie das Paradies wäre oder zumindest der Ort, an dem man das Paradies finden könnte. Auf die Frage werde ich später in Zusammenhang mit dem Sündenfall zurückkommen.



Prärie vs. Stadt

Der Gegensatz von Prärie und Stadt zeigt sich auch an der Gestalt des Cowboys. Denn er ist der Widerspruch zwischen alter und neuer Heimat. Der Cowboy kommt aus der Stadt in die Wildnis. Er ist der Hölle entkommen, und sucht das Paradies. Der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen hat das folgendermaßen ausgedrückt:


„Der einsame Cowboy schafft es in seiner Bewegung, die konträrsten Impulse, die sich in ihm finden, zu vereinigen: den Impuls, die Zivilisation in die Wildnis zu tragen und ihr damit zugleich immer weiter zu entfliehen; den Impuls der nomadischen Flucht und den der bäuerlichen Seßhaftigkeit; den Impuls zur Frau und zur Familie und den Impuls von beidem fort; den Impuls, zu leben wie ein Wilder, und den Impuls, die Wilden zu vernichten. Nur die Bewegung rettet ihn davor, an diesen Widersprüchen zugrunde zu gehen und sich selber zu verraten.“[13]


Ganz ähnlich formuliert das Wills in seinem Fazit: „Our meaning still lies in motion, or so we seem to think – in the independent individual, the need for space as an arena of freedom“.[14] Und da der Westen, die Idee der „city upon a hill“, die Idee der Freiheit nicht zuletzt die Vorstellung eines neuen „gelobten Landes“ die Idee ist, auf die die Vereinigten Staaten gebaut sind, kommt Wills hier auf den amerikanischen Adam zu sprechen.[15] Er schließt vom neuen Paradies auf einen neuen Adam. Und als die perfekte Verkörperung des American Adam sieht Wills John Wayne. Er belegt das nicht mit einem Verweis auf den auch bei ihm zu beobachtenden stolzen, aufrechten und oft imitierten Gang. Wills geht weiter und begründet es, indem er Wayne zur Verkörperung des amerikanischen Mythos in all seinen verschiedenen Ausprägungen erklärt: Dem Kontakt mit der Natur, den ich schon genannt habe, dem Anti-Intellektualismus, dem Misstrauen gegen die Regierung und die, die nicht in den USA ausgebildet wurden.

 

Und können wir in Wayne den neuen Adam sehen, einer jener Menschen, für die er zugleich das strahlende Vorbild gibt, jener „Menschen, die aus dem Paradies vertrieben worden sind, ohne es ganz zu verlieren, und die unterwegs sind, um es wenigstens teilweise wiederzugewinnen“.[16] Wo aber Wills den neuen Adam als geschichtslosen Helden sieht,[17] als einen unschuldigen Menschen, der ein neues Paradies erhält und den Sündenfall aussparen kann, belässt Seeßlen den Westernhelden im Kontext des Urmenschen.  




 

Gibt es einen Sündenfall im Paradies des Ethan Edwards?


Dieser Unterschied zwischen Wills und Seeßlen zu beobachten, ist wichtig. Um ihm ein wenig auf den Grund zu gehen, sehen wir uns einmal den Film The Searchers an. Der Western entstand 1956 unter der Regie von John Ford mit John Wayne in der Hauptrolle.

 

Die fünfziger Jahre waren das Jahrzehnt des Westerns, 800 von ihnen entstanden in dieser Dekade.[18] The Searchers ist in gewissem Sinne untypisch für seine Zeit. Von Shane beispielsweise, der nur drei Jahre zuvor in die Kinos kam, unterscheidet sich The Searchers grundlegend, denn der Film mit Wayne ist nicht unkritisch den Siedlern gegenüber. Um Siedler geht es freilich auch in Shane. Der Konflikt entsteht dort zwischen guten und bösen Weißen, während Waynes Figur Ethan Edwards mit Indianern konfrontiert ist.

 

Aber in Shane wird die Besiedlung selbst nicht in Frage gestellt. Indianer tauchen im Film nicht auf, der an einer kleinen Farm beginnt, die gerade eingezäunt wurde. Natur und Indianer sind besiegt, die Siedler haben diesen Kampf gewonnen. Um die Motive der Siedler geht es in Shane, nicht um die Erschließung des Landes: Die einen, die Bösen, wollen reich werden, die anderen, die Guten, glücklich.

 

The Searchers ist anders. Als der Film 1956 in die Kinos kam, wurde er aufgenommen wie jeder andere Western auch. Ein bisschen langweilig, aber alles in allem ein „[e]ntertaining Western“, befand die New York Times.[19]

 

Um was geht es in dem Film? Der Südstaatler Ethan Edwards (dargestellt von John Wayne) kommt vom Bürgerkrieg zur Familie seines Bruders zurück und die wird wenig später von Indianern ermordet. Lediglich Debbie und Martin überleben. Sie wird von den Indianern entführt, während Martin – wie Ethan – Viehdiebe jagt.[20] Ethan und Martin verwenden fünf Jahre ihres Lebens darauf, den Indianerhäuptling Scar und mit ihm Debbie zu finden, die inzwischen zum Stamm gehört. Der Film endet mit einem Sieg der Weißen, Martin tötet Scar und Wayne holt seine Nichte nach Hause. Als alles vorbei ist, verlässt Edwards Martin und Debbie und deren neue Familie.

 

Wills verweist im Buch auf die Parallele zu Shane, der am Ende auch geht, als er seine Arbeit als getan ansieht. Edwards müsse gehen, schreibt Wills. „He cannot live in a utopian society (is that what the Jorgensen home is?).“[21] Damit deutet er an, dass die Kulturen hier vielleicht doch noch zusammenfinden. Debbie kehrt zwar nach Hause zurück, ist aber von der indianischen Kultur ebenso geprägt wie von der weißen. Und ihr Bruder Martin ist ein Halbblut, das als Waise in die Familie aufgenommen wurde. 

 

Die frontier ist zum Mythos geworden, nachdem sie erklärtermaßen geschlossen war. Ethan bereitet der Familie den Weg, verlässt sie am Eingang und entfernt sich. „In his distinct, brighter, more intense world, he is a suffering god we can watch go by, without power to affect or assuage or save him. He is the West, ‘our’ West. The West that is no longer ours“, schreibt Wills.[22]

 

Ethan Edwards ist eine vielschichtige Persönlichkeit. Während der Suche wirkt es fast, als stünde er neben sich und sei nicht verantwortlich zu machen für sein Tun; als laufe es über sein Unterbewusstsein, ohne dass er selbst Einfluss darauf habe. Edwards ist ein stiller, lakonischer Mensch, ein grausamer dazu.

 

Den dazu gebeutelten und melancholischen Helden mit der verbissenen Miene nähme man Wayne durchaus ab. Ethan hat einen Krieg verloren und anschließend seine Familie. Er macht oft genug den Eindruck, als wollte er nicht, was er tue, als habe er Mitleid mit seinen Opfern. Dann aber, wenn er sich ohne Deckung zur Schlacht aufstellt, das Gewehr im Anschlag, tötet er ganz kühl und dieser erste Eindruck ist verflogen.

 

Der amerikanische Filmwissenschaftler John Belton schreibt, Edwards habe mit Scar sein Alter-Ego getötet,[23] und könne nun nicht bleiben, weil er die Gewalt nicht tolerieren könne, mit der er verbunden bleibe.[24] Und so hat Regisseur John Ford an Edwards die Geschichte Amerikas durchgespielt: Der einsame American Adam als Neuankömmling und Rückkehrer zugleich, stößt wieder zu seiner Familie und verliert sie prompt. Er wird angegriffen und provoziert. An dem, was anschließend passiert, ist er unschuldig. Er verteidigt sich nur, gewinnt und verlässt – da alles eingerenkt ist – den Ort des Geschehens. Er geht in die Wildnis heraus, und treibt die frontier weiter nach Westen.

 

In The Searchers werden beide, Weiße und Indianer, als gewalttätig und skrupellos dargestellt. Die Siedler werden überrascht, als sie ganz friedlich und idyllisch das Abendessen vorbereiten. Martin überwältigt und ermordet Scar im Halbschlaf. Genauso hinterhältig wie die Indianer anfangs die Familie umbrachten, wird Scar am Ende getötet.

 

Aber wie der Film es zeigt, werden eigentlich friedliche Siedler brutal ermordet. Eine Vorgeschichte gibt es nicht. Der Film ist aus Sicht der Weißen erzählt und auf deren Seite. So kann man durchaus glauben, was Christopher Hitchens schreibt: „[...] even Wayne’s hagiographers regard [The Searchers] as racialist and genocidal“.[25]


Auf die Frage, wie er zu den Taten Edwards stünde, fragte John Wayne in einem Interview zurück: „He was no villain. The Indians fucked his wife. What would you have done?“.[26] Er hat das durchaus so gesehen. Und das sagt uns auch, dass es keineswegs Mitleid in seinem Gesicht war. 

 

Der Rassist Edwards aber hat in seinem Neffen Martin Pawley einen Gegenpol. Martin begleitet Ethan die gesamten fünf Jahre. Ethan will Debbie töten, Martin will sie schützen und zurückholen. Als die beiden Debbie finden, und sie sagt: „These are my people“, befiehlt Ethan Martin, zur Seite zu treten. Der aber beschützt seine Schwester. Und am Schluss, als Ethan Debbie schließlich allein gegenübersteht, kommt ihm ein „Let’s go home“ über die Lippen. Er hebt sie hoch und trägt sie fort. Er hat sich zwar besonnen. Eine wirkliche Vereinigung der Kulturen konnte er aber auch so verhindern.

 

Der Film bleibt auch eine Darstellung der Besiedlung. An dieser Stelle kommen wir zurück auf die Frage nach dem Paradies, dem alten und neuen Adam, sowie dessen Sündenfall. Ein Sündenfall kommt bei Wills nicht vor. Edwards findet ein neues Zuhause, muss es jedoch mühsam erschließen und verteidigen. Logisch wäre die Folgerung Seeßlens schon, zu der er bei der Beschäftigung mit The Searchers kommt:


„Tatsächlich ist die Suche nach Heimat, die alle Helden Fords treibt, nirgends so verfehlt wie in diesem Film, und es wird deutlich, warum sie verfehlt sein muß; weil die Erkenntnis, daß das Land einem nicht wirklich gehört und daß man auch dem Land nicht gehören kann, Haß erzeugt, Haß gegen die Indianer, Haß gegen das Land, vor allem Haß gegen sich selbst.“[27]


Das mag noch stimmen. Gerade The Searchers zeigt die Probleme der Siedler; ihre Probleme mit den Indianern und die Probleme mit sich selbst. Was Seeßlen im Aufsatz Mythos & MacGuffin schreibt, halte ich allerdings für nicht zutreffend:

 

„Der Mythos ist dabei immer so etwas wie eine Korrektur der Religion; kein Westernheld, auch nicht der tragischste von allen, auch nicht der John Wayne aus John Fords The Searchers, ist so endgültig aus dem Paradies vertrieben wie die Urmenschen unserer Religion, Adam und Eva.“[28]


Dem amerikanischen Selbstverständnis der Zeit widersprächen solche Gedanken. Wenn man an die Puritaner denkt, die frühesten Siedler, und an die Erweckungsbewegungen des 18. Jahrhunderts, denkt man auch an die Anstrengungen, Zeichen für die Gnade Gottes zu bekommen. Aber mit der Erschließung der neuen Heimat hatte das alles nichts zu tun. Das wiederum zeigt Wills sehr gut. Die Siedler haben ihre alte Heimat zugunsten der neuen verlassen. Sie haben ein neues Paradies gefunden. Hinter ihnen liegt nun das alte nach dem Sündenfall. Und das hat sich dem, was die Christen unter „Hölle“ verstehen, gefährlich angenähert. Den Sündenfall haben die Siedler also hinter sich. Ihr Neuanfang ist eben dadurch gekennzeichnet, dass er einen weiteren ausspart.

 

Um das zu verdeutlichen, schauen wir erneut auf die Puritaner. Sie sahen sich als auserwähltes Volk auf dem Weg in ihr Paradies, in dem sie ein leuchtendes Beispiel für den Rest der Welt abgeben wollten: „We shall be as a city upon a hill, the eyes of all people are upon us“, lauten die berühmten Worte des Priesters John Winthrop. The Searchers spielt zwar 235 Jahre nach Winthrops Predigt, die zitierten Sätze haben das Selbstverständnis der Amerikaner aber nachhaltig geprägt. Deshalb halte ich es für legitim, in diesem Zusammenhang Bezug auf sie zu nehmen.

 

Ein leuchtendes Beispiel konnten sie nur sein ohne den Sündenfall. Und niemand hätte auch nur im entferntesten daran gedacht, dass ein neues Paradies auch einen neuen Fehltritt mit sich bringen könnte.


Die Interpretation, die Seeßlen abliefert, kann The Searchers nur nachträglich aufgestülpt werden, auch wenn dieser Western verhältnismäßig kritisch ist. Am Ende des Films sind die Kulturen getrennt, die Weißem haben die Roten getötet. Martin mag das zeitweise bedauert haben. Jetzt aber ist es zunächst einmal vergessen.


Auch das neue Paradies musste wohnbar gemacht werden. Die Indianer wurden als Teil der Natur gesehen. Sie zu vernichten, war nichts weiter als sich die Wildnis zu erschließen. Seeßlens Interpretationen sind vernünftig und einleuchtend, nur in Bezug auf The Searchers nicht korrekt. Die kritische Neueinschätzung der Besiedlung wurde erst in den 1970er Jahren vorgenommen, lange nach dem Film also.

 

 

„That’ll be the day“

Wills Fazit ist schließlich, dass die Amerikaner dem Mythos der frontier noch nicht entkommen sind. Deutlich, so schreibt er, werde das in der Bewunderung, die sie John Wayne entgegenbringen.

 

Der Aufsatz endet mit den Worten: „That’ll be the day[29], einem Zitat aus The Searchers. Es ist der Satz, der im Film oft auftaucht. Mit ihm begegnet Ethan Edwards immer wieder Kritik, mal mit verächtlicher Miene, mal ohne den Adressaten anzuschauen. So ist der letzte Satz des Essays zugleich die Antwort auf die Frage, ob die Amerikaner wirklich geglaubt haben, dem Mythos der frontier entkommen zu sein. Nie wird es soweit kommen.

 

Inhaltlich betrachtet hat es, wenn Wills ausführlich auf die Stadt eingeht, den Anschein, als handele es sich um eine Resteverwertung alter Aufsätze. Was Wills in diesem Aufsatz zu Wayne bringt, ist ebenfalls nicht neu. Das findet sich spätestens bei Roberts und Olson, auf die Wills im Buch an einer Stelle ausdrücklich Bezug nimmt.[30]


Und was Wills gegen Ende über den Western und dessen wechselvolle Geschichte sagt, ist im Hinblick auf die Fragestellung weniger bedeutend. Zwar kann man aus ihr ableiten, dass die Amerikaner geglaubt haben, dem Mythos entkommen zu sein. Die Frage, die sich aufdrängt, ist aber die folgende: Wenn, wie Wills gezeigt hat, der Mythos der frontier noch immer da und einflussreich ist, was zeigt das? Welche Rückschlüsse lässt das auf Amerika zu. „...but even if the myth is still alive, don’t we need to do more than repeat it in its most blinkered form?“ fragt Michael Wood in seiner Rezension von Wills Text.[31] Wills bleibt, so interessant und erhellend sein Aufsatz trotz allem ist, auf halber Strecke stehen.

 

 




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Literatur:

·      Bentley, Eric: The Political Theatre of John Wayne. In: Film Society Review, März 1972. S. 51-60.

·      Belton, John: American Cinema / American Culture. Corporation for Public Broadcasting / New York Center for Visual History, 1994.

·      Crowther, Bosley: Screen: „The Searchers“ Find Action. In: New York Times, 31.5.1956.

·      Hitchens, Christopher: This long drink of water. In: The Times Literary Supplement Nr. 4914, 6.6.1997: S. 20f.

·      Public Papers of the Presidents of the United States, Jimmy Carter 1979, Book I-January 1- June 22, 1979. Washington, D.C.: United States Government Printing Office, 1980.

·      Roberts, Randy / Olson, James S.: John Wayne: American. New York: The Free Press, 1995.

·      Seeßlen, Georg: Mythos & MacGuffin. In: Die Zeit Nr. 42, 13.10.1995.

·      Seeßlen, Georg: König der Juden oder König der Löwen. EZW-Texte Information Nr. 134, V/1996.

·      Seeßlen, Georg: Western, Geschichte und Mythologie des Westernfilms. Marburg: Schüren, 1995.

·      Wills, Garry: American Adam. In: New York Review of Books, 7.3.1997: S. 30-33.

·      Wills, Garry: John Wayne: The Politics of Celebrity. New York: Simon & Schuster, 1997.

·      Wood, Michael: John Wayne Agonistes. In: New York Review of Books, 24.4.1997: S. 30-32.

 

 

 



[1] Public Papers of the Presidents of the United States, Jimmy Carter 1979, Book I-January 1- June 22, 1979. Washington, D.C.: United States Government Printing Office, 1980. S. 1031f.

[2] Garry Wills: American Adam. In: New York Review of Books, 7.3.1997: S. 30-33.

[3] Garry Wills: John Wayne’s America: The Politics of Celebrity. New York: Simon & Schuster, 1997.

[4] Wills, Wayne’s America, S. 27.

[5] Eric Bentley: The Political Theatre of John Wayne. In: Film Society Review, März 1972: S. 51-60. S. 54.

[6] Michael Wood: John Wayne Agonistes. In: New York Review of Books, 24.4.1997, S. 30-32.

[7] Randy Roberts / James S. Olson: John Wayne: American. New York: The Free Press, 1995.

[8] Roberts / Olson, American, S. viii.

[9] Georg Seeßlen: König der Juden oder König der Löwen. EZW-Texte Information Nr. 134, V/1996. S. 3.

[10] Wills, Adam, S. 30.

[11] Wills, Wayne’s America, S. 26.

[12] Wills, Adam, S. 30.

[13] Seeßlen, Georg: Mythos & MacGuffin. In: Die Zeit Nr. 42, 13.10.1995.

[14] Wills, Adam, S. 33.

[15] Wills zitiert Melvilles Moby Dick  mit dem Satz über die „unfallen western world, which in the eyes of the old trappers and hunters revived the glories of those primeval times when Adam walked majestic as God“. (Wills, Adam, S. 33).

[16] Seeßlen, Mythos.

[17] „This sense of American separateness, of exemption from sins and follies of the past [...]“ – Wills, Adam, S. 31f.

[18] Belton, John: American Cinema / American Culture. Corporation for Public Broadcasting / New York Center for Visual History, 1994. S. 225.

[19] Crowther, Bosley: Screen: „The Searchers“ Find Action. In: New York Times, 31.5.1956.

[20] Es stellt sich heraus, dass das Vieh von den Indianern weggeführt und getötet wurde, um die Männer von der Farm zu locken.

[21] Wills, Wayne’s America, S. 260.

[22] Wills, Wayne’s America, S. 261.

[23] Vgl. Wills, Wayne’s America, S. 258.

[24] Belton, American Cinema, S. 211.

[25] Christopher Hitchens: This long drink of water. In: The Times Literary Supplement Nr. 4914, 6.6.1997: S. 20f. S. 21.

[26] Nach: Hitchens, Long Drink, S. 21.

[27] Seeßlen, Western, S. 132f.

[28] Seeßlen, Mythos.

[29] Wills, Adam, S. 33.

[30] Wills, Wayne’s America, S. 31.

[31] Wood, John Wayne, S. 32.




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