Zelebrieren die Zerstörung
Antonioni, Zabriskie Point und die Revolution
Regisseure sorgen gern für ein besseres Verständnis ihrer Filme. Meistens geschieht das in Interviews, die sie ohnehin zur Vermarktung des jeweils neuen Werkes geben. Es ist aber ein bisschen ungewöhnlich, wenn ein Regisseur gleich einen ganzen Aufsatz über seinen neuesten Film schreibt. Michelangelo Antonioni hat das getan, und das war auch nötig. Nach der Veröffentlichung seines Films Zabriskie Point hat er für den amerikanischen Esquire Lets talk about Zabriskie Point verfasst.
Als Untertitel ist dem Aufsatz von der Zeitschrift ein Zitat aus dem Text verpasst worden: I have looked at America as it has appeared to me, without knowing what it was. Das klingt zunächst einmal wie eine Entschuldigung und ein Eingeständnis der eigenen Unwissenheit. Tatsächlich ist der Aufsatz eher eine Antwort auf seine Kritiker und Erläuterung seiner Arbeitsweise. Guckt man sich den um Untertitel zitierten Satz im Zusammenhang an, findet man das Zitat eines französischen Philosophen, der uns sagt, was er sieht, wenn er eine Orange in ungewohntem Licht betrachtet: Eine ganz normale Orange nämlich, ganz normal beleuchtet. Er weiß ja, wie so eine Orange aussieht. Antonioni kehrt das Zitat um und bezieht es auf sich: Er kennt Amerika nicht und hat es so gezeigt, wie es sich ihm darstellt. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Er sagt weiter, er habe eben seine Gefühle und Eindrücke zeigen wollen, nicht die der Amerikaner. Der Vorwurf, Zabriskie Point sei ein Film gegen Amerika und drücke des Regisseurs Verachtung aus, bleibt bestehen. Gucken wir uns also einmal den Film an.
Wenn man sagen kann, der Film habe eine Handlung, dann kann man sie wahrscheinlich so umreißen: Der Protagonist, Mark, will seinen Freund gegen Kaution aus dem Gefängnis holen. Das wird ihm verweigert und er selbst verhaftet. Wieder auf freiem Fuß kauft Mark eine 38er und beginnt, sich bei den Studenten aufzuhalten. Er ist zufällig anwesend, als ein Polizist und ein Student erschossen werden. Mark flüchtet, klaut ein Flugzeug und trifft auf Daria. Die beiden (ver)lieben sich. Daria fährt weiter, Mark bringt das Flugzeug zurück und wird von der Polizei erschossen. Anhand der Handlung kann man den Film nicht als anti-amerikanistisch abstempeln. IN den USA muss sie nicht notwendigerweise ablaufen.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob man Antonionis Einstellung zu Amerika aus den Dialogen des Films herleiten kann. Das ist überhaupt seltsam: Da sitzen vier renommierte Drehbuchschreiber am Skript von Zabriskie Point und produzieren solche Dialoge. Daria wird einmal gefragt, ob sie von Beruf Sekretärin sei, und antwortet, das sei ein großes Wort, sie benutze es nicht so oft. Eigentlich arbeite sie nur wenn sie Geld brauche. Und als Mark mit dem Flugzeug haarscharf über ihr Auto hinweg fliegt und fast ihren Kopf mitnimmt, ruft sie erfreut: Ist der irrsinnig geworden? Heiliger Arsch, wer ist denn das zum Teufel noch mal? Dabei weiß sie wirklich nicht, wer das ist und ob man ihr nichts Böses will, genau sowenig wie Mark weiß, wer da im Auto fährt.
Als Mark verhaftet wird, gibt er als Namen Karl Marx an und der Polizist fragt, wie man das schreibe. Ein Dozent, der mit den Studenten demonstriert hat und auch verhaftet wurde, sagt, er sei Professor für Geschichte und weil das zu lang ist, schreibt der Polizist einfach Lehrer. So platt wirkt all das, dass man annehmen möchte, Antonioni und den anderen drei Drehbuchschreibern hielten das ganze Land für blöd von Polizist über Geschäftsmann zu Student.
Anhand der Bilder, unabhängig von Handlung und Dialogen, kann man allerdings bemerken, dass Antonioni sich auf die Seite der Demonstranten schlägt. Als die Polizei vor der Bibliothek Aufstellung nimmt, zeigt Antonioni kurz nur die vielen Polizistenfüße. Die Zahl der Demonstranten ist im Vergleich zu jener der Gesetzeshüter sehr gering. Wir sehen die schwitzenden Demonstranten, sehen buchstäblich ihre Angst. Die Polizei sitzt am längeren Hebel.
Polizisten sind unsere Feinde, sagt Querdenker Abbie Hoffman in einem Interview mit sich selbst. Nicht jeder einzelne als Person, sagen wir nackt. Nackt sind wir alle Brüder. Oder hast du jemals einen Kampf in einer Sauna gesehen? Aber mit Polizisten in Uniform ist das was anderes. Um genau zu sein, sind alle Uniformen unser Feind. Spiro Agnew, von 1969 bis 1973 Vizepräsident unter Nixon, will auch nicht allzu pauschal sein und meint, dass Amerika es sich nicht erlauben könne, eine ganze Generation wegen des dekadenten Denkens einiger weniger abzuschreiben. We must be better than a charlatan leader of the French Revolution, sagt er, remembered only for his words: There go the people; I am their leader; I must follow them. Sicher hält er sich für jemanden, der zeigen kann, wos lang geht und will nicht nur mit seinen Worten in Erinnerung bleiben. Die kurzen Eindrücke der Texte verdeutlichen, wie leicht der eine in dem anderen sein Feindbild finden konnte (und schließlich fand).
Im convinced that a policeman does not have death on his mind when he enters a university or faces a mob, schreibt schließlich Antonioni. He has too many things to do, too many orders to follow. The policeman is not thinking of death anymore than a hunter is thinking of the death of a bird. [...] If the policeman gave some thought to death he probably would not shoot. Damit vertritt er eine ähnliche Meinung wie Abbie Hoffman universell gültig.
Dass Zabriskie Point viel universeller zu verstehen ist und kein Film gegen Amerika, wird noch unterstrichen dadurch, dass Antonioni gar nicht weiter auf die amerikanische Studentenbewegung eingeht. Was auf die Ausschreitungen vor der Bibliothek folgt, spielt sich in der Wüste ab. Antonioni weist in seinem Aufsatz auf den Satz von Mark hin, er habe das Flugzeug geklaut, um die Füße von der Erde zu bekommen; für ihn ist Amerika die Erde. Weiter schreibt der Regisseur, bei einem Film über die Studentenrevolte hätte er an die Eingangsszene angeknüpft, in der er ein Studententreffen zeigte. Diese erste Szene zeigt, wie wenig geschlossen die Studentenbewegung ist, und wie wenig sich die Studierenden über ihre Ziele im klaren sind. Im Gegenteil Antonionis Protagonisten sind beinahe unpolitisch. Daria arbeitet für ein Unternehmen, das den Studenten mit Sicherheit zuwider ist. Und Mark wird in die Studentenbewegung nur durch einen Freund gezogen. Mark weiß um seine bürgerlichen Rechte und pocht auf sie, als er seinen Freund aus dem Gefängnis holen will und verhaftet wird.
Erst mit der Verhaftung wird Mark ganz auf die Seite der Studenten gezogen. Wir sehen über Marks Schulter, als der Polizist vor der Bibliothek erschossen wird. Und so sehen wir auch, dass Mark sich am Kopf kratzt, während der Schuss losgeht. Geschossen hat er nicht. Später sagt er zu Daria, er hätte es gern getan, aber irgend jemand sei ihm zuvorgekommen. Am Zabriskie Point hält ein Polizist an und fragt Daria, was sie hier ohne Auto mache. Für Mark ist es kein Problem, die 38er auf den Polizisten zu richten und er hätte sicher auch abgedrückt, wenn der nicht weggefahren wäre.
Aber Mark weiß auch, was sich gehört: Er borgt sich ein Flugzeug und bringt es zurück. Mit seinem Protagonisten kehrt Antonioni nach Amerika zurück. Es zeigt erneut das rigorose Vorgehen der Polizei und deren Übermacht. Die Polizei am Flughafen wirkt entschlossen, handelt entschlossen und erschießt Mark, ohne dass Notwendigkeit dazu bestünde.
The movement of the picture is away from Marks and Darias original states: toward death in his case, and toward involvement, or at any rate a recognition that some things may be terrible after all, in hers. Daria hört im Radio von Marks Tod, will nicht länger für ihren Chef arbeiten, verlässt dessen Haus und stellt sich vor, wie es explodiert. Sie hält ihren Wagen an, als sie sich in sicherer Entfernung glaubt und guckt sich die imaginäre Explosion an. Antonioni zelebriert sie, zeigt sie aus verschiedensten Perspektiven bevor er das in die Luft sprengt, was im Haus zu finden war: Kleiderschrank, Fernseher, Kühlschrank, Bücher und Kleidung. Diese Dinge explodieren, ihr Inhalt aber wird nochmals präsentiert und fliegt nahezu unversehrt durch die Luft. Der Im Fernsehen hält Nixon eine Ansprache, als der Fernseher explodiert, und Daria fährt dem Sonnenuntergang entgegen.
Dieses Ende kann man als Abgesang auf die Studentenbewegung deuten. Dass gerade Kleiderschrank, Kühlschrank und Fernseher zerstört werden, spricht dagegen und schließlich Antonioni selbst. Er bezeichnet sich im Aufsatz als Propheten, weil es nach seinem Film Todesopfer und größere Ausschreitungen an amerikanischen Universitäten gab. Wenn die amerikanischen Radikalen, schreibt er, ihre Hoffnung entdeckten, die Struktur der Gesellschaft zu verändern, dann würden es Leute wie diese sein. Antonioni schreibt im Konjunktiv. Er wünsche ihnen viel Glück, schließlich läge es in der Natur der Kinder von heute, die Visionen der Erwachsenen von Realität nicht einfach zu übernehmen. Als Gegenposition erneut Agnew, der schreibt: Let us conserve and create for the future.
Darias Erkenntnis, von der Callenbach spricht, könnte also die sein, dass sie weiß, was zu tun ist. Sie stellt sich vor, wie die Welt der älteren Generationen zerstört wird. So sehe ich das Ende: Zabriskie Point ist kein Film speziell über Amerika, nicht wirklich einer über die Studentenbewegung, sondern eine viel radikalere Utopie, ein Ausblick auf die nahe Zukunft. Antonioni aber lässt auch das nicht gelten. Er behauptet, Zabriskie Point sei kein revolutionärer Film.
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