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I’m ceded – I’ve stopped being Theirs – (508)

Dieses Gedicht, so Adrienne Rich, komme zwar wie ein christliches daher, aber man dürfe nicht vergessen, dass Dickinson christliche Metaphern viel eher benutzt habe, als sie sich von ihnen benutzen ließ. Für Rich ist das Gedicht am ehesten ein stolzes, eine Selbstbestätigung. Denn eines hätten Dickinsons Kritiker immer am wenigsten beachtet: Dass die kleine Frau aus Amherst eine stolze und willensstarke Frau gewesen sei. So sei denn auch das Gedicht eines über die Entwicklung von der Jugendlichen zur Frau, über die Transzendenz des Patriarchats. Dickinson sei, so Richs Fazit, eine „conscious queen“. (Vesuvius, 174)

Das Gedicht ist Verlautbarung einer Lossagung. Es schüttelt die Vergangenheit ab, das alte Selbst, das Leben in der Gemeinschaft und entlang der Erwartungen. Und diese Lossagung ist in der Tat eine stolze. Das „I’m ceded – I’ve stopped being Their’s“ klingt stolz, es ist kühl und bestimmt. Ihr christlicher Name wurde ihr auferlegt, von außen aufgedrückt, war etwas Fremdes. Jetzt erklärt sie ihn für abgenutzt. Und wenn sie sagt, er könne mit den Puppen in die Ecke gelegt werden, dann liegt darin beinahe Zorn. Alles, was sie bisher gemacht hat, schüttelt sie ab und nimmt einen neuen Name und eine neue Existenz an. Das Schreiben, so Wendy Martin, sei für Dickinson wie für Rich die Verbindung von Schreiben und (Weiter)Entwicklung des Selbst. (Martin, 170) Und dass die Sprecherin jetzt ihr wahres Selbst gefunden hat, das macht sie mehr als deutlich. Bei ihrer ersten Taufe habe sie keine Wahl gehabt. Nun schon, und wo sie wählen kann, findet sie einen Namen, der ihr gerecht wird.

Roland Hagenbüchle verweist in einer Bemerkung zur Religion bei Dickinson darauf, dass die Dichterin sich von Gott weder wirklich gehört noch verstanden fühlte und sich deshalb von ihm abwandte hin zu einem dunkleren privaten Gott. (Hagenbüchle, 15)

Wenn es heißt, zeigt Sielke, dass der Nährboden die Brust des Vaters sei, dann werde also für Dickinson das Patriarchat mit der Muttermilch eingesaugt. In der alten Ordnung, erfahren wir aus dem Gedicht, sei sie immer am zweit-wichtigsten gewesen, sei ihr gar nicht bewusst gewesen, dass sie eigentlich eine Königin sei – und zwar eine, die nicht hinter einem König zurückstehen muss. Nun aber ist es ihr bewusst, erhält sie die angemessene Position, trägt aufrecht ein Diadem, kann selbst entscheiden und ablehnen. Sie habe, heißt es lapidar in der letzten Zeile, nur eine Krone gewählt. Und vielleicht soll das nur verdeutlichen, wie normal diese Wahl sein sollte. Aber es macht doch klar, wie ungeheuerlich und anmaßend es damals gewesen sein muss.

 


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