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Douglas Coupland: GIRLFRIEND IN A COMA


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Schlaf, viel schlaf

Douglas Coupland erzählt die Geschichte der „Girlfriend in a coma“

„Versprecht euch nicht zu viel vom Ende der Welt“, hat Stanislaw Jerzy Lec bereits in den Sechziger Jahren gemahnt. 1999, kurz vor dem Ende des Jahrtausends, lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass seine Warnung ohne Echo verhallt ist. Auch bei ernstzunehmenden Schriftstellern ist nun Endzeitstimmung eingekehrt – bei John Updike zum Beispiel, den das bevorstehende Ende der Welt bisher nur peripher interessiert hatte. Sein vorletzter, noch nicht auf Deutsch erschienener Roman heißt „Toward the end of time“. Er ist in die Zeit nach einem Atomkrieg zwischen China und den USA angesiedelt, im Jahr 2022. Das wäre also immerhin weit nach und unabhängig von dem nächsten Millennium, dessen Nahen die meisten Untergangsphantasien auslöst. Die Handlung des neuen Romans von Douglas Coupland erstreckt sich von den Siebzigern bis ins Jahr 1998. Laut „Girlfriend In A Coma“, so der Titel des Romans, ist die Welt im vergangenen Jahr kurzzeitig untergegangen – und wir haben es alle buchstäblich verschlafen.

Die Apokalypse gehört laut Hans Magnus Enzensberger zu unserem „ideologischen Handgepäck“. Auch bei Douglas Coupland kündigte sie sich in früheren Büchern und Aufsätzen hier und da kurz an. In „Life After God“ zum Beispiel prophezeite einer der Charaktere, dass Wolkenkratzer und Multikonzerne „wie Staub zerfallen werden“. Oder in Couplands Debüt „Generation X“, dessen Anhang (wahre) Statistiken enthielt, die auch den letzten Glauben an den Fortbestand der Menschheit irrational erscheinen ließen.

„Girlfriend In A Coma“ ist in dieser Hinsicht erst einmal unauffällig. Im Mittelpunkt steht Richard, Mitte 30 und alleinerziehender Vater. Seine Tochter, Megan, bereitet ihm und seinen Schwiegereltern ernsthafte Sorgen, weil sie gern zur Schule geht. Dort erfährt sie als Sechsjährige von ihren Klassenkameraden, was mit ihrer Mutter Karen passiert ist. Natürlich heißt der Roman nicht umsonst „Girlfriend In A Coma“, und was Megan erst spät erfährt, wissen die Leser von Beginn an: Karen ist 1974 auf einer Party nach ein paar Valium und einem Whiskey ohnmächtig geworden und hat Megan im Koma liegend geboren.

Während Richard sie jede Woche besucht, stellt er fest, dass er und seine Bekannten zwar immer älter werden, nicht aber schlauer. Er handelt sich ein ernsthaftes Alkoholproblem ein, seine Freunde beginnen, Heroin zu spritzen, Megan wird als Jugendliche zum Gruftie. Richard und seine Freunde durchleben wohl verspätet das, was Coupland in "Generation X" als "Mid-Twenties-Breakdown" etabliert hat: Die Möglichkeiten werden geringer, man wird älter, ist alleine und die Aussicht auf Besserung schwindet.

Es ist eines der positiven Eindrücke von "Girlfriend In A Coma", dass die Einzelheiten der Lebenswege nicht erzählt werden, und die Leser trotzdem immer wissen, was mit und in den Personen vor sich geht. Das erspart den Lesern Langeweile und gibt Coupland Platz genug, die eigentliche Geschichte zu entfalten. Karen nämlich erwacht. "[E]in Jahr im Koma liegen und wieder aufwachen und den Neuigkeiten-Rückstand eines ganzen Jahres aufholen", das fand schon Scout in "Life After God" reizvoll. Da Karen ganze 6719 Tage im Koma verbracht hat, muss sie entsprechend mehr aufholen. Sie tut das begierig und informiert sich im Schnelldurchgang über AIDS, Kriege, Konflikte und den Fall der Mauer. Es ist eine Zeit, in der alle glücklich sind. Bekanntermaßen aber kann, was schön ist, nicht von Dauer sein. In "Girlfriend In A Coma" bricht die Glückssträhne jäh und wenigstens für die Leser unerwartet ab: Mit dem Weltuntergang.

Hollywood hat die Welt in Filmen wie "Independence Day" oder "Deep Impact" schwer beschädigen lassen, der Untergang der Welt muss demnach eine ungleich spektakulärere Sache sein. Entsprechend schwer fällt es, sich ihn vorzustellen. Coupland versucht das erst gar nicht. Sein Weltuntergang wird nur sehr wenig illustriert und läuft denkbar unspektakulär ab. Wie die Menschen in José Saramagos "Die Stadt der Blinden" einfach nacheinander ihr Augenlicht verlieren, schlafen sie bei Coupland auf den Straßen und in den Wohnungen ein. Die ersten schlummern schon friedlich, als andere noch Nachrichten vom Weltuntergang auf CNN sehen. Kein Wort aber von Sturmfluten oder Explosionen, Atomkriegen oder Marsmännchen.


"Früher", bemerkte Enzensberger in seinen "Randbemerkungen zum Weltuntergang", "galt es als ausgemacht, dass die Apokalypse eine Angelegenheit war, von der alle miteinander gleichzeitig und ausnahmslos betroffen sein würden". Jetzt aber bleiben Richard und seine Freunde wach und am Leben. Mehr noch: Der Wiederaufbau der Erde stützt sich auf sie. Natürlich ist das von vornherein so gedacht. Karens Koma ist in den Untergangs- und Wiederaufbau-Plan der Erde eingebunden, auch der früh verstorbene Schulfreund der Clique, Jared, taucht hier und da auf (nicht zuletzt als einer der Erzähler des Romans). Fragt sich bloß, wer diesen Plan geschmiedet hat. Die Leser erfahren das nicht, ebenso wie unbeantwortet bleibt, warum gerade der Personenkreis um Karen auserwählt ist.

Die Antworten erschließen sich vielleicht daraus, dass "Girlfriend In A Coma" in erster Linie ein feelgood-Buch ist, und da sind solche Fragen zweitrangig. Besonders spaßig ist zwar weder der Tod von Jared, noch das Koma von Karen, vom Weltuntergang ganz zu schweigen. Aber für die Schlafenden ist der ja letztlich nie geschehen. Nur Richard und seine Freunde haben nicht geschlafen und die Apokalypse erlebt, auch wenn die nicht viel mehr war als ein Test. Ihr Leben leben sie von nun an auf ganz andere, intensivere und verantwortungsvollere Weise.

"Girlfriend In A Coma" ist keine große Literatur. Er ist der anspruchsvollste Roman des Kanadiers, vor allem weil sich die Erzählperspektive ständig ändert. Der Roman ist unterhaltsam und gut zu lesen, eine moderne Version der Geschichte von Rip Van Winkle. Washington Irving erzählte sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Ein aus Holland stammender Kolonist geht in den Wald und schläft 20 Jahre. Als er wieder aufwacht, ist sein Dorf keine Kolonie mehr, und er wird gefragt, ob er Demokraten oder die Föderalisten gewühlt habe. Während aber bei Rip Van Winkle die Zukunft klar und gut schien, bleibt Richard und seinen Freunden die Aufgabe, den wirklichen Weltuntergang zu verhindern. "Ihr seid die Zukunft", bekommen sie am Ende gesagt, "ihr werdet die Welt verändern".






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