William Carlos Williams: THE USE OF FORCE
Ernest Hemingway: A CLEAN, WELL-LIGHTED PLACE
Peter Sloterdijk: AVANTGARDE
Douglas Coupland: GIRLFRIEND IN A COMA
Nicholson Baker: U&I - WIE GROSS SIND GEDANKEN
Don DeLillo: THE NAMES, WHITE NOISE, MAO II, UNDERWORLD
William Gaddis: FROLIC OF HIS OWN
Thomas Pynchon: CRYING OF LOT 49, MASON & DIXON
Paul Auster: CITY OF GLASS
Joseph Heller: CLOSING TIME
1:
Die saubere, gut ausgeleuchtete Bar ist der Lieblingsort des tauben alten Mannes, sein Fluchtpunkt in einer Welt, die ihm ansonsten feindlich erscheinen muss. So feindlich, dass er sich tagsüber verkriecht und erst im Schutze der Dunkelheit seine Wohnung verlässt. In der Bar ist der Großteil der Geschichte angesiedelt. Sie ist sauber und gut beleuchtet. Es ist wichtig, dass sie das ist, denn die Bar ist auch das wichtigste Symbol in Hemingways Kurzgeschichte.
Der alte Mann sitzt bis spät in die Nacht in der Bar. Nachts hat sich der Staub gelegt. Die Bar ist sauber und aufgeräumt. Der Mann ist taub, aber er spüre, dass es ruhig ist, heißt es in der Einleitung. In die Bar zieht es ihn aber auch, weil sie so hübsch ausgeleuchtet ist. Es ist ein künstliches Licht, und darauf kommt es dem alten Mann an. Selbst die Schatten, die die Bäume werfen, werden von dem Licht der Straßenlaternen erzeugt. Die Künstlichkeit suchen, um der Realität zu entfliehen, oder in der Künstlichkeit die eigene Weltsicht bestätigt bekommen? In der Geschichte gibt es zwei Welten: Die eine ist die pessimistische vom alten Mann und dem älteren Kellner. Das Leben ist nichts, es ist da und man kann kaum vor ihm fliehen. Die andere, optimistische Welt, ist die des jüngeren Kellners. Er hat kein Verständnis für den alten Mann. Er will nach Hause zu seiner Frau, und ist dem letzten Gast gegenüber deswegen sehr schroff und verständnislos. Aus seinem Egoismus heraus bezeichnet er den Mann als nasty thing und sagt später: He has no regard for those who must work.
2:
Die Geschichte ist erzählt aus der selective omniscience. Zwar besteht sie zum Großteil aus Dialogen und die kurzen Prosaüberleitungen sind ganz objektiv gestaltet. Später, nachdem der junge Kellner den alten Mann auf die Straße setzt, wechselt der point of view, und nach dem Dialog der Kellner hält der ältere seinen inneren Monolog. Die Geschichte wird aus seiner Sicht zu Ende erzählt. Und so ist es, als vermittle der Erzähler nur ein Weltbild und bediene sich dabei nur der beiden Charaktere aus der Bar. Aber sie sind nicht nur Vehikel. Es werden nicht viele Zeilen darauf verwendet, die Personen zu beschreiben. Über ihr Aussehen erfahren wir nichts, wir können nur ganz kurz ins Innenleben zweier Charaktere hineinschauen. Aber was wir da erfahren und wir aus den Dialogen ableiten können, genügt, sie uns nahe zu bringen. Am blassesten erscheint uns der jüngere Kellner, aber alle drei sind uns ohnehin vertraut genug. Wir kennen beide Sorten Kellner, und wir kennen den alten Mann. Trotzdem sind das keine Stereotypen, die Hemingway verwendet.
3:
Während der Gast sein letztes Glas leert, kreist das Gespräch der Kellner um den alten Mann. Keiner von beiden gibt sich Mühe, ihn wirklich zu verstehen, er ist beiden fremd. Nach und nach beginnt der ältere Kellner den letzten Gast zu verteidigen, und als er später selbst in eine Bar tritt, hat er ihn verstanden. Was ist das nun für eine Weltsicht, wie erscheint dem alten Mann die Welt, dass er vor ihr flieht?
Bevor der ältere der beiden Kellner in einer anderen Bar die Rolle des alten Mannes weiterspielt, führt er in Gedanken ein Gespräch mit ihm. Er versetzt sich in seinen letzten Gast und beginnt zu spüren, was den Tag für Tag in die Bar treibt. Some lived in it and never felt it but he knew it all was nada, sagt er zu sich selbst. Die Bar ist - zumal nachts - aufgeräumt und übersichtlich, leer und nichtssagend. Und so wirkt es, als wollte der alte Mann in der Bar sein Weltbild bestätigt finden. Er möchte die Welt vorfinden, wie er sie sieht. Die Bar ist voll von künstlicher Leere. Die Welt bleibt vor der Tür, und drinnen ist es aufgeräumt.
So ist der alte Mann an sich auch ein Symbol: Er ist die personifizierte Einsamkeit, steht für die Leere und Ausweglosigkeit im Leben, die der junge Kellner noch überspielen und vergessen kann. Sein Leben ist leer, aber er ist es nicht. Ihn hat irgend etwas zu dem gemacht, was er jetzt ist. Er ist alt, und etwas ist vorgefallen, das auch dem jungen Kellner noch bevorstehen muss, damit er - wie sein älterer Kollege - den Gast verstehen kann. Aber dem Erzähler kommt es darauf nicht an. Er sieht die Personen wie sie jetzt sind, unterschlägt ihre Geschichten und Motive. Und jetzt kann man am alten Mann erkennen, wie leer und nutzlos das Leben ist, wenn der Sinn abhanden gekommen ist.
Der junge Kellner kann nicht begreifen, dass der Gast ein ganz normaler Mensch ist, auch nicht, als ihn sein Kollege daran erinnert: He had a wife once too. Es hilft nicht, dass er immer wieder die Gemeinsamkeiten der drei aufgelistet bekommt.
Dem jungen Kellner fehlt die Fähigkeit, mehr zu sehen als einen Gast, der ihn um den Schlaf bringt. Ihm wird es zu spät, er will nach Hause zu seiner Frau, wirkt wie jemand, der das Wesentliche nicht verstanden hat. Das sorgt für die Kluft zwischen ihm und dem alten Mann. Sein Kollege bringt etwas Verständnis für beide auf, bevor er sich auf die Seite des alten Mannes schlägt. Vielleicht hat er eingesehen, was dem alten Mann auch einmal klar wurde und ihn zu dem machte, was er jetzt ist.
Zu einem Gespräch zwischen den dreien kommt es in der Geschichte (natürlich) nicht. Ob der Gast das You should have killed yourself last week von den Lippen des jungen Kellners ablesen kann, erfahren wir nicht. Wenn es zu einem Gespräch käme, dann würde der Jüngste den beiden Alten vorwerfen, sie seien verbittert. Und die beiden würden antworten, er solle den ersten Rückschlag abwarten; warten, bis keine Frau mehr auf ihn wartet und er selbst Geborgenheit sucht. Wer von den dreien hat das Wesentliche nun wirklich nicht verstanden? Der jüngste, für den die Welt in Ordnung ist, und der kein Verständnis für die Probleme der anderen beiden aufbringt, oder die beiden, die sich abschotten und ihre eigene Welt zusammenbasteln, in der alles ist, wie es sein soll: leer, steril, aufgeräumt, übersichtlich. Ein Vermittlungsversuch brächte dann vielleicht folgendes Ergebnis: Die Realität sehen alle drei nicht, eine einheitliche Weltsicht kann es überhaupt nicht geben. Und wollte man es auf die Spitze treiben, bliebe die Frage, was denn Realität überhaupt sei.
4:
So gibt es also für den jungen Kellner noch einen Sinn im Leben, der aber in der Bar nicht zu finden ist. Der alte Mann stiehlt ihm die Zeit.
Aber die Zeit wofür? Da ist nichts, das Leben ist leer, ohne Sinn, und es geht vorüber. Letzte Nacht habe der alte Mann versucht, sich umzubringen, sagt der eine Kellner zum anderen. What about? - Nothing. Die Leere lässt den Gast verzweifeln. Da wäre der in der Überschrift verwendete - etwas pathetische - Satz aus Josef Winklers Menschenkind wieder: Bräuchte ich nicht zu leben, gäbe ich mein Leben auf.[i] Das ist das Dilemma des alten Mannes: Er lebt, sieht aber keinen Sinn darin. Und als er sich umbringen will, schlägt der Versuch fehl. So einfach ist das nicht. Er hat nicht verlangt, geboren zu werden. Er versucht zu leben, verzweifelt an der Sinnlosigkeit seines Unterfanges. Wo Sartre[ii] noch den Ausweg des Selbstmords sah, der für ihn zwar keine Lösung, aber doch einen Ausweg darstellte, und für den man freilich auch die Verantwortung zu übernehmen hätte, gibt es in A clean, well-lighted place keine Auswege mehr und keinen Funken Optimismus. Der alte Mann schleppt das Leben als Last auf seinen Schultern und wartet, dass er unter ihr zusammenbricht. Und solange er das tut, lebt er in seiner Scheinwelt.
Er weiß um seine Sterblichkeit, ist die ganze Nacht in der Bar, geht nach Hause und schläft, solange es draußen hell ist. Dann geht er in die Bar. So bleibt die Zeit stehen. Er sitzt immer an der gleichen Stelle, im Schatten der Bäume, sieht jeden Abend dasselbe. Er ist taub. Er erspart sich, die Tage vorbeiziehen zu sehen. Darum geht es in der Kurzgeschichte: um das Leben und den Tod. Davor ist nichts, danach, und auch dazwischen. Alles nichts. Nada.
[i] Josef Winkler: Menschenkind. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1994. S. 40.
[ii] Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Reinbek: Rowohlt, 1991. S. 951/954.
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