William Carlos Williams: THE USE OF FORCE
Ernest Hemingway: A CLEAN, WELL-LIGHTED PLACE
Peter Sloterdijk: AVANTGARDE
Douglas Coupland: GIRLFRIEND IN A COMA
Nicholson Baker: U&I - WIE GROSS SIND GEDANKEN
Don DeLillo: THE NAMES, WHITE NOISE, MAO II, UNDERWORLD
William Gaddis: FROLIC OF HIS OWN
Thomas Pynchon: CRYING OF LOT 49, MASON & DIXON
Paul Auster: CITY OF GLASS
Joseph Heller: CLOSING TIME
"Ich weiß nicht, was Avantgarde ist", hat Heiner Müller einmal in einem Interview gesagt. Die Journalistin erklärte die Herkunft aus dem Militärischen, übersetzte den Begriff als "Vorreiter sein" und fragte, ob Müller die Avantgarde blöde fände. Der entgegnete schlicht "Ja".
Natürlich kann man anderer Meinung sein. Wer sich selber zur kulturelle Elite zählt, wird Müller widersprechen wollen und die Hochkultur überhaupt ob solchen Stumpfsinns verteidigen.
Die Avantgarde beschäftigt sich dieser Tage aber sicherlich nicht mit zehn Jahre alten Interviews von Heiner Müller, sondern eher mit der neuen Mitte samt ihrer Kultur. Helmut Kohl hat noch Ernst Jünger zum Geburtstag gratuliert, und Gerhard Schröder geht erst einmal zu Thomas Gottschalk. Anstatt einen "wirklichen Künstler" an die Münchener Kammerspiele zu holen, laufen Verhandlungen mit dem "Sekundärkünstler" Frank Baumbauer, wie Peter Sloterdijk ihn in der Süddeutschen Zeitung vom 25.2.1999 titulierte. Sloterdijk will sich aber in seiner Kritik nicht auf eine Person konzentrieren. Er holt als Verteidiger der Avantgarde gleich zum großen Schlag gegen die Massenkultur aus, und schreit: "Dass das Niedere dem Hohen den Rang abläuft - das ist die Generaltendenz des Kunstbetriebs im 20. Jahrhundert. Das latente Thema in der Kultur des 20. Jahrhunderts ist der Vorrang der Demokratie vor der Begabung." Was latent vorhanden war, sieht er nun in Gestalt von Frank Baumbauer hervorbrechen.
Das Schicksal der Avantgarde ist, dass sie ständig vorauslaufen muss, und das strengt sie an. Eine frustrierte Kulturpolitikerin gab deswegen unter Gleichgesinnten beim diesjährigen Kulturpolitischen Kolloquium bekannt, sie fühle sich in ihrem Wirkungsbereich manchmal "wie in Afrika, vor hundert Jahren".
Der Theaterkritiker und Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau, der den Namen von Christoph Schlingensief aufsagen will und nach dem dritten Mal bei "Schlinken-" aufgibt, offenbart seine Defizite. Ob er den Namen nicht kannte oder nur nicht kennen wollte, das sei dahingestellt und ist nebensächlich. Die "neue Taktlosigkeit" gegenüber "Hochkultur-Künstlern" sieht Sloterdijk als Problem. Wo "Hoch" und "Tief" kein Spannungsfeld mehr bilden, kann die Hochkultur die Massenkultur anheben oder die Massenkultur umgekehrt die Hochkultur verwässern. Am Ende hätte sich ein breites Mittelmaß zusammengebraut, das die Avantgarde in sich versenken würde.
Heiner Müller war nun gewiss kein Apologet der Massenkultur. Er lehnte den Begriff der Avantgarde ab, weil der aus einer "marktbestimmten und marktorientierten Gesellschaft" komme. Um den Markt geht es auch Sloterdijk. "Die gewählten Vertreter der Durchschnittlichkeit sind rechtlich zureichend abgesichert", schreibt er und bezieht das auf Bundeskanzler Schröder einerseits und die "low culture" andererseits. Die Avantgarde freilich wäre an einer Fünf-Prozent-Klausel gescheitert. Natürlich, früher wäre der Blick auf das, was den Massen gefällt, gar nicht nötig gewesen. Jetzt ist die Avantgarde allerdings in arger Bedrängnis und fährt Abwehrkämpfe gegen das Eindringen des Niederen. Der Streit, den Sloterdijk entfacht hat, spielt sich aber noch innerhalb dessen ab, was man gemeinhin Hochkultur nennt. Von ganz oben hat Sloterdijk nun heruntergeblickt und erschrocken festgestellt, dass sich unter ihm Ungeheuerliches tut. Da möchte man ja nicht wissen, wie der Philosoph reagiert, wenn sich ihm offenbart, dass es dort unten Massenkulturen und Subkulturen gibt, die noch viel weiter unten angesiedelt sind als alles, was der "Sekundärkünstler" Frank Baumbauer jemals gemacht hat und machen wird.
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