William Carlos Williams: THE USE OF FORCE
Ernest Hemingway: A CLEAN, WELL-LIGHTED PLACE
Peter Sloterdijk: AVANTGARDE
Douglas Coupland: GIRLFRIEND IN A COMA
Nicholson Baker: U&I - WIE GROSS SIND GEDANKEN
Don DeLillo: THE NAMES, WHITE NOISE, MAO II, UNDERWORLD
William Gaddis: FROLIC OF HIS OWN
Thomas Pynchon: CRYING OF LOT 49, MASON & DIXON
Paul Auster: CITY OF GLASS
Joseph Heller: CLOSING TIME
Tut mir leid, Frau Engelbrecht, das muss sein.
William Carlos Williams' "The Use Of Force"
1:
Wo tuts uns denn weh, Frau Engelbrecht? Wollen wir uns das mal angucken, nicht? Ärzte tun das. Die reden so. Und anschließend drehen sie so lange am Fuß rum, bis der Patientin die Tränen in die Augen schießen und die Ärzte überzeugt sind, dass da was gerissen ist im Fuß. Der Erzähler dieser Geschichte von William Carlos Williams ist auch Arzt, und noch etwas rigoroser als der von Frau Engelbrecht.
The Use of Force beginnt mit dem Hinweis auf eine Nachricht, die der Arzt erhalten hat: Neue Patienten haben ihn gebeten, nach ihrer kranken Tochter zu sehen. Er fährt hinaus und untersucht das Mädchen, wobei er Gewalt anwenden muss.
2:
In der Geschichte ist der Arzt das Ich. Aus seiner Perspektive wird erzählt, sein Blick beschränkt das Blickfeld des Lesers. Ganz rational erfasst er das, was sich als wichtig herausstellen könnte: wo hält sich die Patientin auf, wie sitzt sie dort, wie sieht sie aus, wie reagiert sie? Auf sie fixiert, lässt der Arzt die Mutter am Eingang stehen und stürmt zur Patientin. Wir erleben die Geschichte also aus der Sicht des Ich-Erzählers. Als der am Ende seinen Erfolg auskostet, versetzt er sich kurz in die Lage des Mädchens, spekuliert darüber, was sie veranlasst haben mag, sich zu widersetzen.
Ganz routiniert und kühl wird die Patientin untersucht, wie Ärzte das nun mal so tun. In der Geschichte heisst es: As doctors often do I took a trial shot. Has she had a sore throat?
Es ist dabei, als spiele sich die Untersuchung als automatische Handlung des Arztes ab, als rede er, als tue er das alles, und denke gleichzeitig über ganz andere Dinge nach. Denn parallel zur Schilderung der Untersuchung wird dem Leser mitgeteilt, wie schön die Patientin ist, dass der Arzt sie mag, ihre Entschlossenheit bewundert.
Ganz knapp nur wird das Setting beschrieben, denn viel schnappt der Arzt davon nicht auf. Und auch die Charaktere werden mit knappen Strichen beschrieben. Mutter und Vater werden nicht nur nicht näher betrachtet, sie stehen von Beginn an im Hintergrund. Zwar geben sie kurze Hinweise zum Zustand ihrer Tochter und unterstützen den Arzt ab und an, mehr erfahren wir von ihnen aber nicht. Der Patientin schenkt der Arzt natürlich mehr Beachtung, aber als Ich-Erzähler kann er uns nichts über ihr Innenleben verraten. Seine Mutmaßungen am Ende klingen wenig glaubwürdig. Bleibt der Arzt selbst, der uns seine Gedanken bei der Untersuchung sehr genau mitteilt, quasi im inneren Monolog. Er ist auf seine Aufgabe konzentriert und vernachlässigt alles, was für die nicht von Bedeutung ist.
Die Sprache aller Beteiligten wird dabei originalgetreu in die Sätze eingebaut, ohne den Slang und die einfache Wortwahl des Vaters zu unterschlagen, aber auch, ohne ihn deswegen bloßzustellen. Die wenigen Sätze, die in der Szene fallen, gibt der Erzähler wieder; und das, ohne indirekte Rede oder Anführungszeichen zu benutzen.
Als der Arzt später überreagiert, irrational, wie er sagt, sind die Eltern natürlich besorgt. Er findet, sie reden zu viel (As often, in such cases [...]), und nennt die Tochter mehrmals brat. Als Erzähler stellt er also nicht nur dar, was geschieht, er wertet auch. Aber es wirkt, als werte er, ohne zu verurteilen oder zu loben. Als wolle er das dem Leser überlassen.
3:
Während der Arzt seine Geduld verliert, Gewalt anwendet, um die Patientin untersuchen zu können, bleibt der Ton der Geschichte unverändert. Sachlich teilt der Arzt am Anfang mit, er habe neue Patienten, sachlich merkt er später an, er habe sich nicht im Griff gehabt, hätte später wiederkommen können. Aber er zwang die Patientin, die Untersuchung über sich ergehen zu lassen, und brachte sie zum Bluten. Bei aller Professionalität wirkt er dabei fatalistisch. Denn er zeigt in keiner Weise Bedauern für seinen Ausrutscher, der vielleicht gar keiner war.
After all, I had fallen in love with the savage brat, schreibt er. Aber schon im nächsten Augenblick wird das Mädchen zum Untersuchungsgegenstand. Wenn er schreibt: I know I had to expose a throat for inspection. And I did my best, dann kann man das auf zweierlei Arten lesen:
Es kann emotionslos wirken wie ein Eintrag in die Krankenakte klingt oder die Anleitung in einem medizinischen Handbuch. Bei Ärzten ist das so, da kann er gar nichts ändern. Eine andere Möglichkeit wäre, es als Beispiel dafür zu nehmen, wie pragmatisch oder - um es negativ auszudrücken - fatalistisch der Arzt zu Werke geht. Und ich würde den negativen Aspekt betonen.
4:
Denn für den Arzt ist es eine enorme Befriedigung, ihren Widerstand gebrochen zu haben. Und das besonders, weil er die Situation aus Sicht des Mädchens so bewertet: Als habe sie mit ihrer Krankheit ein Geheimnis zu wahren versucht nämlich. And there it was - [...] She had fought valiantly to keep me from knowing her secret. [...] She had been on the defensive before but now she attacked. Tried to get off her fathers lap and fly at me while tears of defeat blinded her eyes, heisst es am Ende der Kurzgeschichte.
Nachdem bis zu diesem Zeitpunkt der Arzt die Szenerie beherrscht hatte, die handelnde Person war, tritt er nun in den Hintergrund und die Patientin rutscht vom Objekt an den Anfang der Sätze, ins Subjekt. Diese letzten Zeilen gehören dem Mädchen.
Ihre Aktionen sind deswegen nur schwer nachzuvollziehen, weil es ja weder besonders schlimm, noch an sich besonders ist, vereiterte Mandeln zu haben. Und es ist erst recht kein Grund, das für sich behalten zu wollen, wenn ein Arzt da ist, der ein Mittel dagegen haben könnte. Ihr Widerstand gegen die Untersuchung war zunächst passiv. Als es schon zu spät war, begehrte sie auf - und verlor den Kampf.
5:
Das ließe uns die Geschichte als Allegorie, und den Arzt als Vertreter einer beliebigen Institution, der Gesellschaft oder auch einzelner Personen sehen, die sich der Gewalt bedienen, um an ihr Ziel zu kommen.
Verschiedene andere Punkte können da wichtig werden, dass sich die Eltern an der Gewaltanwendung beteiligen zum Beispiel, oder dass das Mädchen die Untersuchung als Eingriff in ihre Privatsphäre ansieht. Auch wendet ja ein Arzt Gewalt an, jemand, der von den Eltern bewusst ausgewählt wurde, einer, zu dem sie Vertrauen haben müssen.
Und der ist von Beginn an unnachgiebig. Dauernd sagt der Arzt sich, das Mädchen müsse vor ihrer eigenen Idiotie beschützt werden und andere vor dem Mädchen selbst, das sei eine social necessity.
Um die Rollenverteilung innerhalb einer Gesellschaft geht es in der Geschichte. Darum, wie die Rolle ausgeübt, die Autorität ausgenutzt wird, wie das passiv hingenommen wird von den einen, wie schutzlos die anderen ausgeliefert sind. Um das mit Inhalt zu füllen, mag man an autoritäre Regimes denken (die Geschichte wurde 1938 geschrieben). Man mag betonen, dass eine Frau von zwei Männern unterdrückt wird. Williams selbst wird das wenig beschäftigt haben. Oder man mag den Hauptaugenmerk auf die Passivität der Eltern richten (immerhin ist das ihre Tochter).
Die Geschichte ist The Use of Force betitelt, aber so realistisch wie Williams - selber Arzt - sie von seinem Ich-Erzähler wiedergeben lässt, ist man davon abgelenkt. In anderen Geschichten etc. erlebt der Leser stets einen Arzt, der das in ihn gesetzte Vertrauen zurecht genießt. Zwar erledigt der Arzt in The Use of Force seine Arbeit, wichtig ist hier aber vor allem das wie. Und so ist diese für Arztgeschichten etwas ungewöhnliche Botschaft dennoch überzeugend, gerade weil die Rollen von Patient und Arzt mit diesen Charakteren besetzt sind.
Der Arzt als autoritäre, zwiespältige Person, die Patientin bewundernd, aber unterdrückend, das Mädchen in den Händen der beiden Männer: jung, unschuldig, untätig und vor allem krank, zu schwach also, ernsthaft Widerstand zu leisten. Die Geschichte, offen für eine Vielzahl von Deutungen und voller wichtiger Details, ist mit wenig Aufwand erzählt, und enthält kein überflüssiges Wort. Über die Handlung hinaus wird nur an einer Stelle eine Aussage gemacht, als es um die social necessity geht. In ihr ist die Botschaft der Geschichte verpackt.
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