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Postmoderne

Postmoderne als Weiterführung der Moderne?

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Don DeLillo


 


 

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POSTMODERNE

LITERATUR

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Nicht verstehen, sondern f?hlen.

Was ist postmodern an DeLillos "The Names"?

"The Names" ist ein Roman über Sprache. Er ist nicht auf der formalen Ebene mit Sprache beschäftigt, nicht mit stilistischen Mitteln, sondern Sprache wird thematisiert. Die Einsicht, die James Axton am Ende beim Besuch des Pantheons hat, ließe sich in die Formel bringen, die Welt sei sprachlich konfiguriert. Wenn Axton die betenden Menschen betrachtet und erkennt, dass sie Gott nichts anderes darbringen als Sprache, dann lässt er alles dahinterstehende zunächst unberücksichtigt. "Was Religion the point or language"? heißt es an einer Stelle. Signifikant und Signifikat sind gleichgesetzt, das Zeichen geht gar voraus, wartet auf seine Einordnung und Deutung. Der Dolmetscher Vospanik formuliert einen Kompromiss, als er sagt, niemand spreche mehr Aramic, es habe sich mit anderen Sprachen vermischt und weiterentwickelt: "It is religion that carries a language."

Die Mitglieder des mordenden Kults sind Nomaden ohne größere Besitztümer, die sich aus der Welt zurückgezogen haben. Nicht nur benutzen sie längst ausgestorbene Sprachen, um mit den Menschen zu kommunizieren (wenn sie es eben tun), sie kleben auch noch an den Buchstaben. Stimmen die Initialen eines Menschen mit dem seines Aufenthaltsortes überein, halten sie diese Übereinstimmung gewissermaßen fest, indem sie den Menschen an Ort und Stelle mit einem antiken Mordwerkzeug ermorden, einem Hammer oder einem Stein etwa, in den die Initialen eingemeißelt werden. Das ist der vollkommen irrationale Schluss aus einer genauen Beobachtung der Welt. James beobachtet dennoch gewisse eine Folgerichtigkeit: Griechische und lateinische Buchstaben seien „paving stones“, sagt er. Und schon im antiken Ägypten, weiß Vospanik, habe man den Namen des Gegners in die Töpferei graviert, mit der er anschließend ermordet wurde. Es sei darum gegangen, den Namen und mit ihm die Geschichte des Menschen zu zerstören.

Der Kult nimmt die Buchstaben wie sie sind und handelt nach einem knallharten Determinismus. Die Initialen, nach denen sie sich richten, haben vielerlei Bedeutung. Im Roman heißen sie englisch "character". Owen und Tap verweisen darauf, dass sie im Griechischen für das Verb "formen" stehen, im Englischen für den Charakter eines Menschen sowie den Buchstaben und das Symbol. Die Buchstaben eines Namens bestimmen für den Kult über das Schicksal des benannten Menschen. Jeder Charakter, so Owen, habe bereits seine ideale Form. Platon hatte noch gesagt, die Idealform bleibe den Menschen immer verborgen, er sehe nur das Abbild, sei wie in einer Höhle gefangen und angekettet mit dem Blick auf das Bild. Der Kult zieht von einer Höhle zur anderen, und es ist, als trüge er die Form der Ideale mit sich, um die Welt gewaltsam hineinzupressen.

So gesehen formuliert Owen die vielzitierte Gegenposition: Wie froh er wäre, erführe er, dass der Roman tot sei. Wie befeiend das wäre, die Form verloren zu haben und die Regeln selbst zu bestimmen. DeLillo macht am Beispiel seines mordenden Kults den Unterschied auf, den schon moderne Autoren zu den realistischen aufmachten: Ihnen ging es um Doppeldeutigkeit und Uneindeutigkeit, nicht das Gegenteil. W?hrend der Kult der Welt eine Deutung zuweist, ist auch der junge Tap dem neuen Denken verpflichtet. Seine Privatsprache "ob" ist denkbar einfach, fügt in jedes Wort an beliebiger Stelle ein "ob" und verfremdet. Darin ist "Ob" Jacques Derridas Theorie ganz ähnlich, der aus "difference" ein "differance" machte und somit wesentliche Konzepte der Postmoderne in ein Wort fasste. (Differenz, Uneindeutigkeit, Ablösung vom Original.)

Owen kennt beide Positionen, glaubt aber nicht an ein Ende des Romans, ist seinerseits dem Kult verfallen: Wer ihr System durchschaut, muss nach ihm handeln. Ihn fasziniert die Logik und Symmetrie. Der Teil des Kults, den er aufsucht, lebt in einer Höhle in Qasr Hallabat. Das ist der Ort, von dem Owen seit jeher begeistert ist, weil er zwischen den Orten Zarqa und Azraq liegt, zwischen Z und A, a und A. Wenn die Welt zeichenhaft konfiguriert ist, dann muss dies ihr Mittelpunkt sein, muss der Kult im Zentrum leben.

Der Kult drückt vielleicht die Ohnmacht aus, die der Mensch angesichts der Welt empfindet. Die Morde sind ein Versuch, sich ihr zu entziehen, sie zwar einerseits zu akzeptieren, andererseits aber ad absurdum zu führen. James durchschaut das System des Kults in einem römischen Theater in Jebel Amman, einem Ort mit denselben Initialen wie sein eigener Name. "What does all this mean", fragt er Owen, als er von seiner Entdeckung berichtet. "I wouldn't look for meaning, James." - "The letters matched." - "There is no answer. [..] I wouldn't look for answers." Dass er das System durchschaut, hat also noch nicht zu bedeuten, dass er seinen Sinn erkennt. Er halte, schreibt Frederic Jameson in seiner Kritik von „The Names“, den „cult plot“ für ein klassisches Beispiel eines irrationalen Endes für einen ansonsten rationalen und befriedigenden Prozess des Möglichen. Für James aber ist es die endgültige Verneinung unserer „base reality“, also ebenso grundlegenden wie minderwertigen Wirklichkeit: „A needless death. A death by system, by machine-intellect." Es ist, so Emmerich, ein neues Mitglied des Kults, ein System, das verständlich scheint. "Something in our method finds a home in your unconscious mind. A recognition. This curious recognition is not subject to conscious scrutiny."

Gerade diese Irrationalität aber ist nicht nur den Morden des Kults eigentümlich: Als David am Ende ermordet wird, sagt er, er habe gewusst, dass ein Attentat auf ihn verübt werde. Seine Mörder haben auf ihn gewartet wie die Mitglieder des Kults auf ihre Opfer. David stirbt, als er den vorgesehenen Ort erreicht. Amerikaner eigneten sich immer gut als Opfer, sagt James, seien leicht verantwortlich zu machen, zu einem Opfer zu formen: "This is our function, to be the character type." Und wo James den Mitgliedern der Sekte jegliche rationale Motivation absprach, muss er hier erkennen, dass die USA oft genug die Folgen ihres Handelns nicht übersehen oder gar negative Folgen in Kauf nehmen. Denn das sagt James auch: Die hochentwickelten Länder handelten mit dem Tod, alle anderen seien unschuldig. Technologen unterwandern die antiken Gesellschaften, sagt James. Sie sprächen eine geheime Sprache und brächten neue Formen des Todes. Genau hier macht er auch den Unterschied fest: Während für James das Töten in Amerika zur Konsumgesellschaft gehört und "pure image" sei, gibt es in anderen Ländern tatsächliche Gründe, politische etwa. Und er sagt auch: "There must be times when a society feels the purest virtue lies in killing."

James Axton zieht noch ganz andere Schlüsse aus seiner Weltbeobachtung. Wie groß die Akropolis sei, staunt er, und seine Folgerung verwundert: Sie zwinge einen förmlich, sie zu ignorieren, oder sich ihr immerhin zu widersetzen. So ist seine Folgerung quasi-religiös: Der Mensch habe seine Selbstachtung und seine Unzulänglichkeit, das eine folge aus dem anderen. Mit der Akropolis sieht James anscheinend seine Existenz überstiegen. Doch er zieht daraus nicht nur keinen Glauben an eine transzendente Macht. Er erklärt das fremde Land und die fremde Geschichte als für ihn unzugänglich. Und weil sich diese fremde Welt seinem Verständnis so vollständig entzieht, ignoriert er sie so gut es geht und bewegt sich in Griechenland wie in einer gebrauchten Kulisse - immer fremd und immer schon entrückt. Erst am Ende erkennt er, dass seine Sicht falsch war. Nicht ums Verstehen gehe es, sondern ums Fühlen.  

 

 

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