|
Zur Bedeutung des Terrorismus bei DeLillo
Terrorismus ist die Herausforderung des Staates durch Gewalt, durch Organisationen oder Einzeltäter, die den Staat infrage stellen wollen, aufreiben und aufbrechen. Es ist sein Ziel, politischen Wandel hervorzurufen, der aus Sicht der Terroristen anders als mit Gewalt nicht erreicht werden kann. So umfasst der Begriff des Terrorismus von Bombenattentaten und Entführungen alles bis hin zu Guerilla-Aktionen und kleinen Kriegen. Er ist inzwischen so aufgeweicht worden, dass er alles und jedes beschreiben kann, wie Bruce Hoffman feststellt. Und Lyotard benutzt den Begriff Terror gar zur Beschreibung von Luhmanns Systemtheorie. Traditionell habe Terrorismus, so Walter Laquer in Postmodern Terrorism, auf der heroischen Geste beruht, dem Willen, sich selbst zu opfern als Beweis für den eigenen Idealismus.
In DeLillos Romanen kommt Terrorismus oft genug vor. In Mao II werden seine Eigenarten herausgearbeitet: Echte Terroristen, heißt es da, machten vor ihrer Tat keine Telefonanrufe, sondern erst hinterher. Je schlimmer die Auswirkungen, desto besser. Dennoch dürfen sie kein Ausmaß erreichen, durch das der erreichte Effekt, die Sympathie der Menschen, wieder aufs Spiel gesetzt werden könnte. Ginge es so weit oder scheitere ein Terrorakt, dann, so Laquer, bliebe nur die Aufgabe, der Selbstmord oder der Griff zu neuen Waffen. Der Kult in The Names war vielleicht nie eine Terrororganisation im eigentlichen Sinne. Ein Kriterium aber hat er erfüllt, er hat unter Anwendung von Gewalt intervenierend in den Weltverlauf eingegriffen, ihn gestört und durchbrochen. Er gab Rätsel auf und war eine Herausforderung der etablierten Ordnung und des rationalen Denkens. Aber politisch war er nie. Er hatte keine Ziele, und ist daher vielleicht ein neuer, postmoderner Terrorismus. Als der Kult neue Mitglieder aufnimmt, die nicht ihre Sprache (Sanskrit) sprechen, ist klar, dass er am Ende ist.
Es ist gerade DeLillos Anliegen, zu zeigen, dass diese Irrationalität nicht nur den Morden des Kults eigentümlich ist: Als am Ende ein Amerikaner in Griechenland ermordet wird, sagt James Axton, der Protagonist des Romans, er habe gewusst, dass ein Attentat auf ihn verübt werde. Seine Mörder haben auf ihn gewartet wie die Mitglieder der Sekte auf ihre Opfer. Und er stirbt, als er den vorgesehenen Ort erreicht. Er wird von der unbekannten "Autonomous People's Initiative" ermordet. Amerikaner eigneten sich immer gut als Opfer, sagt James, seien leicht verantwortlich zu machen, zu einem Opfer zu formen. Sie könnten doch glücklich sein, sagt ein Mitglied der türkischen Regierung zu James und seinen Freunden, schließlich seien sie nur mögliche Opfer, wenn sie im Ausland seien. Er hingegen sei Opfer in seinem Land wie im fremden. Das macht die Sache für Amerikaner aber nicht einfacher. James hält Amerika für den "character type", für den lebenden Mythos der Welt. Es könne nie falsch sein, einen Amerikaner zu töten oder die USA für ein lokales Desaster verantwortlich zu machen. "People expect us to absorb the impact of their grieviences."
Dass die Amerikaner nur außerhalb der Vereinigten Staaten mögliche Opfer sind, hat sich als Teil des Mythos erwiesen. In "The Ruins of the Future" schreibt DeLillo: "Today, again, the world narrative belongs to terrorists". DeLillo hat "plots" wie die der Terroristen des 11. September selbst in seinen Romanen gesponnen. In White Noise spielt die Boulevardpresse mögliche zukünftige Ereignisse durch: Members of an air-crash cult hijack a jumbo jet and crash it into the White House in an act of blind devotion to their mysterious and reclusive leader. Und auch das World Trade Center wird in Mao II als Provokation wahrgenommen. Die Fotografin Brita lebt ihm gegenüber, beschreibt die Türme als two black latex stabs that consumed the available space. Es kommt ihr und dem Schriftsteller Bill vor, als kommunizierten die Türme. Und der männliche, bemerkt Bill beinahe albern, habe eine Antenne. Doch wenn er anschließend sagt, dass es immer mehr Türme würden, immer mehr Platz in ihnen eingenommen und angeboten werde, sich immer mehr kranke und sterbende Menschen in ihnen tummelten, dann ist das eine Verzweiflung an der Zivilisation, wie sie sich entwickelt hat. Doch obwohl seine Figuren die Twin Towers nie mochten, schreibt DeLillo in seinem Aufsatz zum 11. September: "When the second tower fell, my heart fell with it." Denn was immer er auch an der Gesellschaft und an Amerika in seinen Romanen kritisiert hat, die Terroristen des 11. September, schreibt er, wollten die Vergangenheit zurückbringen. Und wir dürfen annehmen, dass es keine ist, mit der DeLillo sich identifizieren könnte. Mehr Verständnis bringt er da für die Globalisierungskritiker auf, die nur eine andere und vielleicht gar bessere Zukunft wollten. Die Realität hat die Fiktion eingeholt, die Attentäter des 11. September haben tatsächlich die Konsequenzen gezogen, die DeLillo in seinen Romanen durchgespielt hat; haben sich gegen die Welt aufgelehnt, indem sie sinnlos zwei seiner Symbole zerstörten.
Neue Bombenbauer und Revolverhelden das Gebiet (territory) besetzt hätten, das die Schriftsteller einst hielten, stellt Bill in Mao II fest: They make raids on the human consciousness. Dabei ist er der Feststellung eines Terroristen aus den Names ganz nah, der sagte, die Taten des Kults zielten auf einen Platz im menschlichen Bewusstsein, von dem aus sie Sinn zu machen scheinen. Tatsächlich freilich ergeben sie diesen Sinn nie.
Als am Ende ein Bekannter von ihm ermordet wird, beeindruckt James vor allem diese Sinnlosigkeit des Todes. Nicht nur, dass dieser Mensch gar nicht das richtige Opfer war, sondern er selbst. Auch wenn er getroffen worden wäre, hätte er den Grund kaum nachvollziehen können. Amerikaner seien der "character type", sagt er, aber dass sie andererseits mehr als unschuldige Opfer sind, weigert er sich lange einzusehen. Wo aber eh der Falsche getroffen wurde, entdeckt er "an exact correspondence at the center
of all this confusion, this formlessness of motive and plan and
execution. A harmony." Wie die Morde der Kults unsinnig waren, so sind es die der Terroristen.
Doch die Terroristen setzen sich bei DeLillo durch. Wie einfach es für sie sei, sich Gehör zu verschaffen, heißt es in Mao II, und wie mühsam für einen Autoren. Am Ende des Romans zeigt sich endgültig, wer sich durchgesetzt hat: Da kommt es Brita nicht nur so vor, als führe sie zu einem Terroristenchef (wie zu Beginn auf dem Weg zu Bill), da fährt sie wirklich zu einem. Bill ist zu diesem Zeitpunkt längst tot, und Brita, ohne dass sie es will, eine Kombattantin der Terroristen. Schon Bill gegenüber hatte sie etwas bemerkt, das sie mit den Terroristen gemein hat: Im devoting my live to a gesture.
Terroristen und Schriftsteller sieht Bill in einem Nullsummenspiel. In dem Masse, in dem sich Terroristen Gehör verschaffen, werde auf die Schriftsteller nicht mehr gehört. "The degree to which they influence mass consciousness is the extend of our own decline as shapers of sensibility and thought. The danger they represent equals our own failure to be dangerous." Dieser Kampf zwischen Terroristen und Schriftstellern also ist auch auf einer anderen Ebene metaphorisch zu sehen. Er verdeutlicht das Scheitern, das Jameson schon den modernen Autoren vorgeworfen hat, und das DeLillo hier den postmodernen macht: Sie haben die Welt nicht besser machen können, sind gescheitert. Was bleibt ihnen jetzt noch?
|