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DeLillo und die Folgerichtigkeit von Verschwörungstheorie
Mit dem Kennedy-Attentat, so DeLillo in seinem Aufsatz "American Blood", habe sich der Eindruck einer zusammenhängenden Realität aufgelöst, die bis dahin unabweisbare Tatsache gewesen sei. Jetzt passe nichts mehr zusammen in einer "Welt des Zufalls und willkürlicher Zweideutigkeit". Und wenn wir mit den rationalen Mitteln und Erfahrungen, die wir haben, nicht mehr weiter kommen, sind alle Dinge gleich viel Wert und gleich wahrscheinlich. Verschwörungstheorien sind beinahe eine zwingende Folge. Bitter bilanziert DeLillo, dass der Zusammenhalt der amerikanischen Nation erst durch Blut hergestellt werde, mit den gelungenen wie gescheiterten Attentaten der Sechziger Jahre: American Blood.
Bei der entscheidenden Bedeutung des Kennedy-Attentates ist es kaum verwunderlich, dass das Wort "plot" eines der wichtigsten im Wortschatz von Don DeLillo ist. In jedem seiner Romane kommt es vor - jeweils mit anderen Akzentuierungen. In "The Names" etwa heißt es, die Morde der Sekte erzählten die Geschichte davon, wie weit Menschen gingen, um ein Muster auszuführen. Dass darin Wahnsinn liegt, gesteht DeLillo freilich ein. Denn im Versuch, einen "plot" auszumachen, begibt sich der Mensch auf die Suche nach Verbindungen und Strukturen. "Madness has a structure [...] madness is all structure", schreibt DeLillo. Und anders herum sei "madness" für den Schriftsteller "a final destillation of self, a final editing down, drowning out of false voices".
Ein "plot" ist beides: Er ist Plan und Verschwörung. Einerseits findet sich bei DeLillo das aktive Planen, andererseits sehen sich seine Figuren immer wieder großen Systemen gegenüber. Verschwörungstheorie allerdings ist das fast nie, immer nur "plot" und selten wirklich "conspiracy". An Verschwörung glauben immer die anderen, wie Peter Knight festgestellt hat. Verschwörung wird immer nur unterstellt, wo in Wirklichkeit ja die wahre Geschichte erzählt wird und die Fakten richtig zusammengesetzt wurden. Auf die richtige Anordnung kommt es an, und oft genug braucht man dazu den richtigen Schlüssel, muss sich also über die Fakten hinwegsetzen. "Facts are lonely things", heißt es in "Libra".
Als der Protagonist von "White Noise" über ein Hitler-Attentat nachdenkt, erfahren wir, "every plot is a murder in effect. To plot is to die, whether we know it or not". Dass politische, terroristische "plots" tendenziell zum Tod führen, wie es auch in "Libra" heißt, mag einzusehen sein. Doch DeLillo geht weiter, er schließt jene von Liebenden ebenso ein wie erzählerische. Er hat damit wenigstens insofern recht, als auch sie nach einer Lösung streben, etwas zu einem Ende bringen wollen.
Das muss anders herum heißen, dass DeLillo Lyotard in dessen Überzeugung widersprechen würde, die großen Erzählungen seien an ein Ende gekommen. DeLillo verlässt sich auf den "plot", ohne an komplexe Systeme zu glauben, ist bei ihm ein Verständnis der Welt kaum mehr möglich. "Plots reduce the world", heißt es in DeLillos Aufsatz zum 11. September 2001. Das Festhalten an der Wirksamkeit des "plots" ist also auch, wie Scott Rettberg schreibt, der feste Glaube daran, dass es eine Logik im menschlichen Handeln geben muss und der Mensch eingebunden ist in einen großen Plan, statt allein und hilflos dazustehen, ohne Halt. Aber funktionieren, helfen die "plots" in DeLillos Romanen? Denn "reduzieren" bedeutet ja auch "beschneiden" und "ausblenden". Er halte, schreibt Fredric Jameson in seiner Kritik von "The Names", den "cult plot" für ein klassisches Beispiel eines irrationalen Endes für einen ansonsten rationalen und befriedigenden Prozess. Und in der Tat ist die Art, in der die intelligenten Sektenmitglieder die Welt beobachten, besonders schockierend eben weil die Konsequenz, die sie aus ihren Beobachtungen ziehen, so wahnsinnig und irrational ist.
So enden die "plots" bei DeLillo auch deswegen der Tendenz nach mit dem Tod, weil der Versuch, in einer undurchschaubaren Welt ohne Zentrum und ohne universellen Sinn an etwas zu glauben, bedeutet, an einem System festzuhalten, das nichts sein kann als ein Wahnsystem. DeLillos Figuren sind wohl auch deswegen oft genug Paranoiker und er kann deswegen sagen, Wahnsinn sei der Struktur inhärent. Jeder "plotter" ist ein Zwangsneurotiker. Doch wo in frühen Werken der Postmoderne die Paranoia in der Literatur zu finden war, in der Form, so ist sie bei DeLillo in den Menschen, die seine Romane bevölkern. An Lee Harvey Oswald zeigt sich folglich die wahre Dimension des Verschwörens: Ein einziges System reicht zur Erklärung nicht aus, eine Verschwörung zieht die andere nach sich: "The plot coming to the plotter", schreibt DeLillo in "Libra". Die Realität der Wahnsysteme übersteigt ebenfalls die Wahrnehmungsfähigkeiten der Menschen. Fast verzweifelt heißt es: "Too many people, too many levels of plotting."
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