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Postmoderne

Postmoderne als Weiterführung der Moderne?

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POSTMODERNE

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Crying of Lot 49

PoMo & Crying of Lot 49

Mason & Dixon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Postmodern an "Crying of Lot 49"

Wer den Versuch machen will, die verwirrenden Elemente der Welt zu ordnen, muss wahrscheinlich zwangsläufig als Verschwörungstheoretiker enden. So ist es mit Oedipa Maas. Als man sie in das geheime Postzustellsystem W.A.S.T.E. einführt, sie als Botin einsetzt, glaubt sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen. Aber sie nimmt sie an und ist bald von der Einfachheit des Systems überwältigt. So sehr gar, dass sie sich fragen muss, ob dahinter nicht noch eines liegt. Sie hat nun, in Johnstons Worten, vier Möglichkeiten: Entweder sie hält die Untergrundpost für real; oder sieht ein System, wo nur zufällige Verbindung ist; ist vielleicht nur einem Scherz aufgesessen; oder aber, die letzte Möglichkeit, sie denkt sich selber einen Scherz aus, wo gar nichts ist.

Das Problem der postmodernen Welt, so Castillo, ist, dass sie entweder zu einfach ist oder zu kompliziert. Sie ist, wie O’Donnell bemerkt, entweder unsere eigene oder nicht zu greifen. Wer nicht daran glauben mag, dass die Welt zu einfach zu verstehen ist – und der postmoderne Mensch glaubt nicht daran – der muss nach dem dahinterliegenden System suchen. Pynchon beschreibt hier, was Don DeLillo 35 Jahre später in den knappen Satz fasst: "Everything is connected in the end." Die Zeichen, die Oedipa entdeckt, verweisen anscheinend alle aufeinander, auf ein Muster und einen Drahtzieher.

Die Themen, die Pynchon in dem Roman behandelt, sind vielfältig. Zum einen geht es um die Geschichteum Oedipas eigene, die der Post und die Amerikas. Es sei gerade eine Lehre des Romans, dass alles zumindest als Zeichen bestehen bleibe und im Untergrund weiterwirke, so Johnston. Alles Tote verschwinde nicht wirklich. Wie werden aber diese Zeichen vermittelt und weitergetragen? Oeadipa muss erkennen, dass sie selbst Übermittlerin ist und selbst über den Inhalt der Botschaft bestimmen kann. Sie ist folglich auf einer Reise, auf einer Art Selbsterfahrungstrip, erkennt sich selbst als Autorin und akzeptiert sich in der Rolle. Am Ende glaubt sie, schwanger zu sein. "Your gynaecologist has no test for what she was pregnant with", erfahren wir. Ihre Schwangerschaft ist keine tatsächliche, und das heißt wohl am ehesten im übertragenen Sinne, dass sie schwanger ist mit ihrem Erbe, mit Amerika.

Das erforscht sie nun, zurück gar bis ins Jahr 1849, in dem die Flüchtlinge der 1848er Revolution in die USA auswanderten, und das geheime Postsystem in die Vereinigten Staaten importierten. Oedipa bringt gar in Erfahrung, wie dieses System entstand, 1577 im Europa beim Zerfall des Heiligen Römischen Reiches. Tristero und sein System W.A.S.T.E. ist der Gegenentwurf zum Amerika, wie es ist. Nur die Eingeweihten können es wahrnehmen, Unterdrückte und Enterbte. Ihre Kommunikation allerdings findet nur scheinbar statt.

"The Crying of Lot 49" ist ein verspielter Roman. Das fängt bei den Namen an. Oedipa heißt die Hauptfigur. Und das suggeriert auf der einen Seite, dass sie sich als weiblicher Ödipus auf eine Reise begeben und Abenteuer erleben wird, die ihr Rätsel aufgeben. Andererseits kommt Sigmund Freud im Roman oft genug vor, als dass man an den Ödipus-Komplex denken kann, den er als das Urerlebnis des Menschen bezeichnet hat. Doch Hinweise darauf, dass Pynchon diese Anspielung ernst nimmt, finden sich nur auf einer anderen Ebene des Romans, unabhängig von Oedipa. Im Stück Courier's Tragedy verheiratet Niccolo seinen Handlanger Pasquale mit der einzig verbleibenden Adeligen der feindlichen Adelshäuser, Francesca. Francesca ist Pasquales Mutter, doch weder kann Niccolo darauf Rücksicht nehmen noch weigert sich die Kirche, die Vermählung vorzunehmen.

Damit nicht genug der Anspielungen auf griechische Sagen. Die Stadt, in der Pierce Iverarity sein Imperium errichtet hat, heißt San Narciso. Inverarity also als Narziss. Mit seinem Erbe betraut, schlüpft Oeadipa in die Rolle der Echo. Das Motel, in dem sie absteigt, heißt folglich Echo Courts, und dessen Leuchtreklame zeigt eine Nymphe. Doch wo laut Sage Narziss von seinem eigenen Spiegelbild betäubt ist, und die Nymphe Echo und ihre Zuneigung nicht erkennt, waren Pierce und Oedipa nicht nur ein Paar, sondern hat sie ihn verlassen.

Das Geschehen von "The Crying of Lot 49" wird durch Theaterstücke und Anspielungen auf Geschichten, Sagen und historische Ereignisse bestimmt. Heinz Ickstadt spricht von einer "Theatralisierung der Wirklichkeit". Sogar die Französische Revolution soll hier bewusst angezettelt, gestaged worden sein zur Erlangung der Postlizenzen. Auch dass die Geschichte von Tristero mit Hilfe eines Theaterstückes erklärt wird, macht Oedipa die Unterscheidung von Realität und Fiktion schwierig. So ergibt sich eine vermeintliche Verschwörung, für die es keine eindeutigen Belege gibt - eine Verschwörung von Menschen im Untergrund. Am Ende wird sich zeigen, was an der Geschichte ist, und ob sich die Verschwörer versammeln, um an Pierces Erbe zu kommen. Der Leser erfährt das nicht.

Zwanzig Jahre nach Pynchon hat Umberto Eco eine große Verschwörung um 36 Unsichtbare entworfen, die sich um das "Foucaultsche Pendel" versammeln – eine Verschwörung, die mehr als unwahrscheinlich schien und nur eine Erfindung der Verleger Belbo und Casaubon. Am Ende hat Causabon Gewissheit und sagt, es sei doch egal, was er von der Verschwörung erzähle oder ob er gar schweige. Der Verleger ist mit seiner Erkenntnis nicht zufrieden, und der Leser, heißt es, würde eh nach einem anderen Sinn suchen. Eine Verschwörungsgeschichte, so Peter Knight, nehme manchmal ein eigenes Leben an, das Metaphorische werde dann zum tatsächlichen Material. Pynchon hingegen setzt gleich auf Uneindeutigkeit und läst seine Rätsel nicht.

Die Bedeutung, die bei Eco wie bei Pynchon mitschwingt, ist auch eine religiöse. Zu Beginn, als Oedipa ihren Wagen in San Naciso abstellt, heißt es, "she parked at the centre of an odd, religious instant". Maureen Quilligan hat bemerkt, dass die Handlung des Roman sich vielleicht zwischen Ostern und Pfingsten abspielt. Fünf Sonntage sind das, 49 Tage. Belege finden sich für diese These im Roman kaum.

Aber auch ein Jesus taucht auf, Jesus Arrebal, der verkündet, dass Wunder Störungen dieser Welt durch eine andere seien. Und wenn dem so sei, so Oedipa, seien wohl die Posthörner, die sie gesehen hat, eben jene Störungen: "For here were God knows how many citizens, deliberately choosing not to communicate by US mail." Gott also ist der Strippenzieher im Hintergrund. Er sei, wie es wenig später heißt, der "true paranoid for whom all is organized". Und da alles in Tristeros Geschichte seine Entsprechung bei den Thurn und Taxis hat, ihr Gegner im Verborgenen wirkt ohne die Etablierten wissen zu lassen, wie weit sein Einfluss geht, ist er für sie der Anti-Gott. Eine Ahnung, die bestärkt wird, wenn man weiß, das Pynchon einen Teil des Romans im Esquire veröffentlichte unter dem Titel: "The World (This One), The Flesh (Mrs. Oedipa Maas), and the Testament of Pierce Inverarity" - an dem eigentlich sein Name in Klammern erscheinen müsste, und "Devil" davor. Wenn also die Verschwörung Entsprechungen der "etablierten" Geschichte ist, dann kann es durchaus sein, dass dieses "odd, religious instant" in Tristeros Geschichte dem christlichen Ostern entspricht und Pierce wiederauftaucht als Abgesandter Tristeros.

Am Ende, heißt es in einem Aufsatz zu "The Crying of Lot 49", sei das "post". Und so ist diese Untergrund-Post auch Versinnbildlichung der Post-Moderne, in der Oedipa ankommt, in der alles Material ist und alles verschickt wird; in der die Post liefert, das Posthorn aber ist gedämpft. Denn um das Monopol der Thurn und Taxis zu konterkarieren, hat Niccolo ihr Posthorn zu leisen gemacht, es negiert. Aber anders herum heißt es eben für seine Post, dass sie - als Gegenstück der echten Post, die Briefe verschickt – keinen Inhalt sendet. Sie ist nicht viel mehr als reine Kommunikation, W.A.S.T.E., "We Await Silent Tristero's Empire", bedeutet, dass jemand auf das Reich des stummen Tristero warte. Kommunikation findet nicht wirklich statt, sondern sie findet hier nur ihre Symbolisierung.

"At the beginning was the post", heißt es, "the individual aftermath". Der Tod ist hier kein Ende mehr, sondern Ende ohne Ende. Geschichte, sagt er, sei aus Enden gemacht.  


 

 

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