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I Am in Danger – Sir –


Poetry I


North American Time


Driving into the Wreck


Power


Prospective Immigrants Please Note


First Things


After Dark


Twenty-One Love Poems


Final Notations


Literatur zu Rich




nochmal von vorn

 






North American Time. -- 1983

Dies ist ein enorm politisches Gedicht. In „Blood, Bread, and Poetry“ schreibt Rich, poetischer Lyrik werde in den USA gemeinhin unterstellt, nicht gut zu sein. Das mache es für amerikanische Lyriker so schwer. Doch sie schrieb weiter politische Gedichte, gute. 1956 habe sie angefangen, ihre Gedichte mit Jahreszahlen zu versehen. Denn ihre Gedichte stünden nicht für sich selbst, sondern ergäben im Zusammenhang Sinn. Das sagt schließlich auch dieses Gedicht selbst.

Aber wie viele Gedichte Richs ist auch dieses ebenso mit der Sprache beschäftigt wie ihrer politischen Wirkungskraft. Hier bemerkt die Sprecherin, wie ihre Träume politisch korrekt werden. Dass es sich um Träume handelt, ist kein Zufall, denn die Welt kann dies nicht motiviert haben, wie sie später feststellt. Aber anders herum: Wenn sich die Korrektheit schon auf Träume ausdehnt, die sich ja jeder bewussten Kontrolle entziehen, dann geht ihr Einfluss ganz eindeutig zu weit. Die Welt ist weiterhin voller Mängel, und politische Korrektheit muss in den Augen der Sprecherin die Wirklichkeit verschleiern. Doch was, wenn diese Verschleierung so weit fortgeschritten ist, dass alles, was sie durchbricht, scharf sanktioniert ist?

Die Sprecherin, heißt es, fange an, sich zu wundern. Wahrscheinlich tut sie das gerade weil sie Dichterin ist. Und was sie festgehalten habe, das könne gegen sie verwendet werden. Also sei sie schon so weit, gar nicht mehr zu veröffentlichen und stattdessen stumm zu bleiben. Lyrik habe nie die Chance gehabt, unabhängig von der Zeit zu entstehen, in der sie geschrieben wird. Aber sie kann dennoch, anders als das nicht weitergetragene und aufgezeichnete gesprochene Wort etwa, immer wieder aufs neue gelesen werden. Und so bewegt sich nichts, während sich sein Autor doch weiterentwickelt. Mehr noch: Sie kann als Rechtfertigung für etwas dienen, das nie intendiert war.

Denn dass Lyrik zornig war, das ist wesentlich. Aber Lyrik sei ja eben bewusste Alternative zur zerstörerischen Gewalt. Es sei schlicht nicht möglich, so zu tun, als bestünde die Welt um den Poeten herum nicht – und kann ja auch nicht sinnvoll sein. Das Schreiben sei eine existentielle Tätigkeit. Aus dieser Folgerichtigkeit der Worte aus der Welt ergibt sich für Rich auch die Gültigkeit der Verse, die andererseits zum Verhängnis werden können.

Als Folge schlägt die Sprecherin vor, sich unabhängig zu machen von der Zeit. Zu behaupten, ein Zusammenhang sei gar nicht da, das lohne sich nicht. In Strophe VII nun der entscheidende Satz: Sie bekennt sich offensiv zur amerikanischen Gegenwart mit ihren Problemen, wo Lyriker nicht ins Gefängnis wandern. Ihr Preis ist vergleichsweise gering. Das wird deutlich, wenn sie aufzählt, wer ins Gefängnis wandert: Schwarze, Frauen, Arme. Das Bewusstsein davon sei für Lyrik entscheidend.

Als Beobachterin New Yorks habe sie oft gedacht, sie müsse einschreiten und sich melden, aber dann sei sie von den Problemen überwältigt, sprachlos und stumm, gelähmt. In einem Interview sagte sie 1991, sie habe das Gefühl, so viel wissen zu müssen und sich so vieler Dinge bewusst sein zu müssen. Die Zeit schreite voran in Amerika und bringe doch keine Veränderung. Nur der Schmerz werde deutlich und verstärke sich. Die letzte Strophe beinhaltet ein Satz einer Sklaventochter, handelt vom Stolz, nicht Unterdrücker gewesen zu sein. Daraus zieht die Sprecherin ihre Kraft genauso wie aus den Massengräbern und Waffentestgeländen. Denn all dies zeigt, dass noch viel zu ändern ist, viel zu sagen. Also, so die letzte Zeile: „I start to speak again“.

Das Gedicht ist ein Bekenntnis zum engagierten Schriftstellerleben, zu politischen Inhalten und ein Aufbegehren gegen die sich häufenden und verdrängten Probleme Nordamerikas.  


North American Time. In: Your Native Land, Your Life. Poems. New York: W. W. Norton, 1986. S. 33-36.

 

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