| lars-klein.com >>>








Warum also Angst haben?

Harold Brodkey und die "Angst vor dem Tod".


 


I am still living at least kind of life, and I don’t want to be reduced to an image now, or, in my own mind, feel I am spending all my time on my dying instead of on my living, to some satisfying extent, the time I have left.

Harold Brodkey, To My Readers[1]

 

 

 

I. Einleitung.

Der Gedanke an den Tod ist meistens unangenehm. So lange wie möglich versuchen wir, der Auseinandersetzung mit ihm aus dem Weg zu gehen. Um das tun zu können, schöpfen wir aus einem ganzen Katalog voller Wendungen, Phrasen und Verschönerungen. Anstatt zu sagen, jemand sei gestorben, sagen wir zum Beispiel, er sei eingeschlafen, und damit nicht tot, sondern nur von uns gegangen.


Was bedeutet der Tod für uns, dass wir jeden Gedanken an ihn scheuen? Und was geht in uns vor, wenn uns ein naher Tod diagnostiziert wird? Diesen Fragen möchte ich nachgehen und abschließend zwei mögliche Wege nennen, mit der „Angst vor dem Tod“ [2] umzugehen.

 





II. Was bedeutet der Tod für uns?

 

1. Was ist der Tod?

Die vorangestellte Frage lässt sich nur beantworten, wenn wir danach fragen, was der Tod für uns ist. Ich möchte mich also an diese Formulierung halten und für den Fortgang meiner Überlegungen davon ausgehen, dass nach dem Tod nichts kommt. Der Tod wäre demnach das absolute Ende des Lebens. Wie sehen wir unter dieser Vorraussetzung dem Tod entgegen? 


Das Leben „ist nur schön, weil es vergänglich ist“, schreibt Friedrich Hebbel.[3] Und Jean-Paul Sartre meint, jeder Augenblick komme nur, „um die folgenden nach sich zu ziehen. An jedem Augenblick hänge ich mit ganzem Herzen. Ich weiß, daß er einmalig ist, unersetzlich ist – und trotzdem würde ich keine einzige Geste machen, um zu verhindern, daß er vergeht.“[4] Beide, sowohl Hebbel, als auch Sartre, beurteilen den Tod nach seinem Wert für das Leben.


Ähnlich sieht das Epikur in seinem „Brief an Menoikus“ und seinen Hauptlehrsätzen. Für ihn stellt das Leben eine ungeheure Aufgabe dar, weil es durch den Tod sein Ende findet. Nach Epikur kann der Tod selbst weder positiv noch negativ für uns sein. Vielmehr ist er uns ein Nichts.[5] Epikur geht davon aus, dass wir den Tod erleben müssten, um ihn bewerten zu können.[6]


Dabei lässt Epikur den Zeitpunkt eines Todes unbeachtet. Obwohl der Tod selber uns nichts bedeuten mag, kann er wegen des Zeitpunktes, zu dem er uns ereilt, als schlecht oder gut angesehen werden. So kann er aus dem Leben reißen oder uns inmitten einer Krankheit vor weiteren Schmerzen bewahren.   




 

2. Was bedeutet es, „Angst vor dem Tod“ zu haben?

Weil aber unter normalen Umständen[7] niemand sagen kann, ob das eine oder andere auf ihn zutreffen wird, ist das Gefühl, das viele Menschen dem Tod gegenüber haben, eines, was sie mit „Angst vor dem Tod“ bezeichnen. Nun ist das eine gängige, in ihrer Verwendung unbestimmte, Wendung. Sie bezeichnet nicht ein bestimmtes Gefühl, sondern umfasst verschiedene Formen der Angst.


Die Angst vor dem Tod betrachtet Thomas Nagel am Ende seines kurzen Textes über den Tod.[8] Der Begriff der „Angst“ fällt bei ihm nur in bezug auf die Nichtexistenz. Er stellt fest, dass „die Aussicht der künftigen Nichtexistenz [...] zumindest für viele auf eine Weise beängstigend [ist], auf die es die vergangene Nichtexistenz nicht sein kann“. Das Ausgelöschtsein hielten viele für etwas vom Schlimmsten, was ihnen widerfahren könne.[9] Damit benutzt Nagel ein Argument, das dem (oben genannten Argument) Epikurs entspricht, mit dem Unterschied, dass Nagel es auch auf die Zeit vor unserer Geburt bezieht. Natürlich ist diese für uns in gleichem Maße ein Nichts, wie es die Zeit nach unserem Tod ist. Denn beide können wir nicht erleben. Wären wir nie geboren, könnte uns das ebenfalls egal sein. Es würde uns weder beängstigen, dass wir 1907 etwas nicht erleben konnten, noch dass wir 2098 tot sein werden, wenn wir jetzt nicht lebten. Gerade weil wir geboren werden, ist es schwer für uns zu akzeptieren, dass wir wieder verschwinden müssen. Deswegen halte ich es für zulässig, zu behaupten, jemand habe Angst vor dem Ausgelöschtsein, nicht weil er es als negativ empfinde, sondern eben weil es keinerlei Empfindungen mehr geben kann. Nichts mehr erleben, nichts mehr fühlen, nichts mehr denken, nichts mehr sein. Nur ein toter Körper.


Und das räumt Nagel wiederum ein: Dass die guten Dinge des Lebens einmal vorbei sein sollen, sei sicher zu bedauern. Ob das Ende der guten Dinge Anlass gibt für eine Angst vor dem Tod, ist eine Frage, die bestehen bleibt. Für Nagel ist hier stopp. Anlass zu einer wirklichen Angst gebe es nicht. So, wie ich es sehe, müssen wir hier allerdings noch einmal differenzieren. Seneca schreibt, den einen trügen tosende Winde schnell in den Hafen, andere hielten träge lange auf See. Deshalb komme es darauf an, gut zu leben.[10] Die Antwort auf die Frage, ob die Aussicht auf den Tod Anlass zur Angst gibt, hängt also davon ab, wie wir das Leben empfinden. Haben wir es verstanden, gut zu leben? Betrachten wir es als unbefriedigend, kann uns die Aussicht auf den Tod vielleicht ängstigen. Aber von „Angst“ kann man begründeterweise nur dann sprechen, wenn wir das Leben als unerfüllt betrachten und nicht mehr viel Zeit haben, das zu ändern. (Ich werde den dritten Teil meines Textes diesem Problem widmen.) Meinen wir allerdings, ein erfülltes Leben gehabt zu haben, kann uns die Aussicht auf den Tod, wenn überhaupt, nur beunruhigen.  

 

Aber ich denke, dass  der Begriff der „Angst vor dem Tod“ auch anderes beinhaltet. Er schließt auch eine Angst vor dem Sterben ein. Wird es ein schnelles oder ein langsames Sterben, werde ich es bewusst erleben oder gar nicht merken, werde ich starke Schmerzen haben, wie schwer wird mir der Abschied von Freunden und Verwandten und – um diese Phrase zu benutzen – mein Abschied von der Welt fallen? So gewiss es ist, dass wir sterben werden, so ungewiss ist die Art, wie das geschehen wird.

 

Nagel betrachtet in seinem Text zwar die seiner Meinung nach unbegründete Angst vor dem Tod. Dabei lässt aber auch er den Zeitpunkt unbeachtet, an dem wir diese Angst verspüren mögen. Ich behaupte, dass keines der oben beschriebenen Gefühle wirklich der Angst entspricht, die ich angesichts meines nahen Todes hätte, wenn durch ihn ein Leben beendet wird, das ich für unbefriedigend halte.

 

 

 

III. Wie ändert sich die Einstellung angesichts eines nahen Todes?

 

1. Was ängstigt mich angesichts des nahen Todes?

„I have Aids. I’m surprised that I do“, lauten die berühmten ersten Sätze von Harold Brodkeys Aufsatz „To My Readers“, den er drei Jahre vor seinem Tod im New Yorker veröffentlichte.[11] Brodkey war vor eine Situation gestellt, die ich zum Ausgangspunkt für einige Überlegungen nehmen will.

 

Was, wenn mir mein Arzt morgen sagte, ich sei unheilbar krank, mir blieben drei Monate? Was ginge in mir vor? Mit Sicherheit wäre ich zunächst schockiert. Die Aussicht, mitten aus dem Leben gerissen zu werden, würde nicht bloß Trauer in mir hervorrufen. Es wäre nicht Bedauern, dass die guten Dinge des Lebens ein Ende haben sollen, wie Nagel es formuliert. Ich denke auch, dass das „surprised“, das Brodkey verwendet, zu schwach ist. Natürlich kann mich die Mitteilung überraschen, dieses Gefühl des „Überrascht-„ oder „Erstaunt-Seins“ kann aber nicht das beherrschende sein. Wahrscheinlich könnte man eher von Wut oder Verzweiflung sprechen, weil es schon jetzt soweit sein soll. Mein nächster Gedanke beträfe dann wahrscheinlich die Zeit, die mir noch  bleiben soll. 



 

2. Wenn ich den Tod nicht mehr in weite Ferne schieben kann.

Der Tod war bisher die unbekannte Größe in unserem Leben. Wir haben ihn so gut es geht verdrängt und – wenn das nicht möglich war – im Tod ein Ende gesehen, das wie auch immer und wann auch immer kommen mag. Der Tod war weit weg. Er wurde gründlich verdrängt, weil er beängstigend ist. Jetzt ist der Zeitpunkt des Todes bis auf wenige Tage eingegrenzt. Habe ich in dieser Situation „Angst vor dem Tod“?

 

3. Was beschäftigt mich in meinen letzten Monaten?

Ist es jetzt, da ich weiß, wann der Tod mich ereilen wird, noch sinnvoll zu fragen, was er für mich bedeutet? Ist es wichtig, dass ich für mich selber Klarheit darüber erlange, ob noch etwas auf mich wartet und was Sinn und Unsinn des Todes sein mögen? Das alles ist nicht von entscheidender Bedeutung. Der Tod ist nur dann hinzunehmen, wenn das Leben annehmbar war. Die Frage sollte nicht sein, was der Tod bringen wird, sondern was der Rest meines Leben bringen könnte.


Die Angst vor dem Tod wird zu einer Angst (im Englischen wohl am ehesten mit anxiety auszudrücken) vor dem Leben, das ich noch nicht gelebt habe; einer Angst vor den drei Monaten, die mir der Arzt noch gibt. Es geht jetzt darum, ob der Tod für mich zu diesem Zeitpunkt ein positives oder negatives Übel darstellt. Ich werde natürlich alles daran setzen, den Tod im Blick auf das Leben erträglich zu gestalten. Ich darf, auch wenn er zu früh kommt – in unserem Gedankenexperiment zu einem Zeitpunkt, den ich für die Mitte meines Lebens gehalten hatte –, nicht denken, er reiße mich aus einem unvollständigen Leben. Je weniger ich davon überzeugt bin, mein Leben gelebt zu haben, desto schwieriger wird es, den Tod zu akzeptieren. Die Frage, die sich also in dieser Situation aufdrängt, wird die sein, was ich in den drei Monaten machen soll.


Dabei wären diese Gefühle an sich überhaupt nichts Beunruhigendes, wenn ich nicht wüsste, dass der Tod nahe ist. Ich würde das dann Krise nennen, und wäre vielleicht so etwas wie unzufrieden. Eine besondere Bedeutung aber erhält dieses Gefühl erst im Angesicht des Todes.


Der Blick muss an dieser Stelle sowohl zurück, als auch nach vorn gehen. Ich muss im Angesicht des Endes auf das Leben zurückblicken und denken, dass ich ein alles in allem gutes Leben gelebt habe. Und ich muss davon überzeugt sein, alles getan zu haben, um mir und meinen Angehörigen meinen Tod annehmbar zu machen.


Ich muss den Versuch unternehmen, mein Leben „abzurunden“, um eine weitere Phrase zu benutzen. Der Tod wurde lange erfolgreich verdrängt, jetzt muss ich ihn akzeptieren. Die Frage, worin der Sinn von etwas liegen mag, stellt sich bei jeder Handlung und jedem Wort. Was mache ich als nächstes und was wird die Folge sein. Was, wenn ich...?


Die verbleibenden drei Monate werden dann die schwersten meines Lebens, weil sie mir in jeder Hinsicht alles abverlangen. Natürlich körperlich, aber besonders psychisch. Denn ich werde körperliche Schmerzen haben, die aber so gut es geht unterdrückt werden. Wie sehr mich das Sterben zusätzlich belastet, ist in erster Linie meine Sache. Drei Monate sind vielleicht eine zu kurze Zeit, um wirklich all das zu bewältigen, was ich tun müsste. Je kürzer mein Leben bisher war, desto schwieriger wird es sein, es abzurunden. Die verbleibende Zeit wird in dem Maße qualvoller werden, in dem die Gewissheit zunimmt, dass das Leben unter diesen Umständen nicht abzurunden ist. Jede andere Einsicht aber als die, dass das Leben wenigstens akzeptabel war, wäre aber – um es so auszudrücken – unbefriedigend.


Drei verbleibende Monate geben nicht viel Zeit für Trauerarbeit. Und eben weil sie das nicht tun, verlangen sie so viel von mir, sind eine solche Herausforderung, dass sie mich beängstigen.




IV. Zwei mögliche Arten, der „Angst vor dem Tod“ zu begegnen.


1. Der Angst vor dem Sterben: Erst einmal fernsehen, vielleicht geht es vorüber.

„Als ich krank wurde, habe ich – fast das erste, was ich tat – ein wirklich gutes Fernsehgerät gekauft“, berichtet Brodkey.[12] Mit Hilfe des Fernsehens das eigene Sterben verdrängen, auch wenn das – wie bei Brodkey – eigentlich nicht mehr möglich ist.


Natürlich ist das keineswegs unnatürlich. Marcello Mastrioanni sagte in einem seiner letzten Interviews, die Aussicht zu sterben, irritiere ihn. Er würde gern noch ein Weilchen bleiben.[13] Der aids-Kranke Kabarettist Günter Thews meinte, er wolle mit Opium benebelt und Pink Floyd im Ohr abtreten.[14] Und in Woody Allens Theaterstück „Death“ sagt der sterbende Protagonist Kleinmann, er habe keine Angst vorm Sterben, wolle nur nicht dabei sein, wenn es passiert.[15]

 

Harold Brodkey hat sich immer für Tod und Vergänglichkeit interessiert. Und er hatte – auch als der Aids-Virus in ihm bereits ausgebrochen war – nicht das Gefühl, sein Leben sei unbefriedigend gewesen.[16] Er versuchte, sein Sterben akribisch festzuhalten. Und vielleicht war das Neugierde einerseits und der Versuch, den Tod zu überwinden, andererseits. Im New Yorker veröffentlichte Brodkey mehrere Aufsätze über sein Sterben, 1996 erschien posthum sein Buch: „This Wild Darkness. The Story of My Death“ (Metropolitan Books, Henry Holt and Company Inc., New York, 1996. Deutsch: „Die Geschichte meines Todes“, 1996).


Im Angesicht des Todes erst einmal ein Fernsehgerät zu kaufen, mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen. Was Brodkey dazu schreibt, ist nicht zynisch. Er meint nicht, das Fernsehen sei jetzt auch noch genießbar, jetzt sei auch das noch zu ertragen. Der Fernseher musste her, weil die  Popkultur für Brodkey nur dann erträglich ist, wenn sie prachtvoll präsentiert wird. Der neue Apparat soll das Fernsehen genießbar machen. Denn genießbar muss es sein, um zusammen mit den Schlaftabletten zu helfen, abends einzuschlafen. Es nimmt die Angst vor dem Schlafen, denn jede verschlafene Zeit ist verschenkte Zeit und beim Einschlafen ängstigt die Vorstellung, nicht wieder aufzuwachen.


In Zusammenhang mit dem Fernsehen spricht Brodkey von „Stress-Management“, was für ihn auch „totale Verantwortungslosigkeit“[17] bedeutet. Es ist der Versuch, die Herausforderungen des Sterbens zu bewältigen.




2. Der Angst vor dem Tod: Sich innerhalb des Theaters an den Rand stehlen.

So wie Brodkey mit Hilfe des Fernsehens das Sterben verdrängen will, hat er auch – ohne das zu wollen – eine Möglichkeit entwickelt, die Aussicht auf den Tod erträglicher zu gestalten.


Wer den Tod fürchte, weil er uns auslösche, schreibt Epikur an seinen Schüler Menoikus, sei ein Tor. Ich habe oben (II.2) gegen Thomas Nagel eingewendet, dass die Aussicht auf Nichtexistenz beunruhigt, eben weil wir ausgelöscht werden. Dieses Argument ist typisch für unsere Zeit, in der unsere Motive weitestgehend egoistischer Natur sind. Der Ich-Bezug unserer Tage erschwert das Sterben. So meinte Ernst Tugendhat[18], der Mensch bekäme im Sterben die Möglichkeit, sich nicht länger als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten. Im Sterben, sagte er, könne man sich innerhalb des Theaters aus dem Zentrum an den Rand stellen. Die Außenperspektive ausprobieren, einschlafen und ganz aus dem Bild treten.


Harold Brodkey sieht dem Tod ähnlich gelassen entgegen. Seine Sicht des Todes entspricht in etwa der Nagels: Er ist traurig, nicht mehr für seinen Enkelsohn da sein zu können, traurig über den „Verfall der Chancen“.[19]  Dennoch fühlt er sich nicht aus dem Leben gerissen.[20] Nun muss man bei Brodkey bedenken, dass er 62 Jahre alt war, als der HIV-Virus in ihm entdeckt wurde, und 65, als er starb. Insofern ist Brodkey für das Gedankenexperiment zu den verbleibenden drei Monaten vielleicht ungeeignet. Dennoch ist es natürlich unglaublich schwer für ihn, mit der Krankheit und deren Folgen umzugehen.


„Die Identität“, so bemerkt er rückblickend, „war ein Spiel.“[21] Im Angesicht des Todes sieht er sich seiner selbst entrissen. Die Identität war dieses Spiel von begrenzter Dauer, das jetzt zu Ende geht. Was er sich erarbeitet hat – sein Image, das er mühsam aufgebaut hat; sein literarisches Werk, das ihn berühmt machte – das alles gehörte zum Spiel. Brodkey fragt, wie es möglich sei, „angesichts des Todes eine Identität zu wahren“.[22] Dass es ihn als Individuum gegeben hat, kann er sich kaum noch vorstellen. (Trotzdem schrieb er nach Entdeckung der HIV-Infektion weiter Texte wie die zitierten, in denen er im Detail auf seine Kindheit eingeht.) 


Brodkey hat, so lässt sich daraus schließen, einen Abstand zu sich selbst entwickelt. Und obwohl das für ihn eine quälende Erfahrung war, sich ergebend aus seinen Schmerzen und der Einnahme diverser Medikamente, hat es geholfen, dem Sterben lockerer entgegen zu sehen. Die Erkenntnis, dass die Identität letzten Endes nichts als ein Spiel war, bedeutet vor allem dies: Brodkey hat es vom Mittelpunkt seiner Welt an den Rand geschafft. Er hat sich an den Bühnenrand geschleppt, keineswegs freiwillig, aber er hat sich so im Angesicht des Todes etwas Ruhe verschafft. Und mit etwas Abstand zu sich selbst fällt es leichter, dem Tod entgegen zu sehen.     [LK1] 



3. Was das für uns bedeuten kann.

So ist die Sicht Nagels sicher vernünftig. Die Aussicht auf Nichtexistenz sollte uns nicht mehr als beunruhigen. Und sollte das schwierig sein, wenn das Leben allenfalls als unbefriedigend angesehen wird, so kann es helfen, sich aus dem Mittelpunkt seiner Welt zu flüchten. Nun bleibt noch immer die Angst vor dem Sterben. Und da hat Brodkey eine Lösung parat: das Fernsehen. 

 



 

Literatur

·      Woody Allen: Tod (Ein Stück). Ders., Ohne Leit kein Freud, Deutsch von Benjamin Schwarz, Rogner & Bernhard, München, 1979.

·      Harold Brodkey: To My Readers. In: New Yorker No. 18, 21.6.1993. S. 80-82.

·      Harold Brodkey: Dying: An Update. In: New Yorker No. 9, 7.2.1994. S. 70-84.

·      Harold Brodkey: Die Taue sind gelöst. Deutsch von Angela Praesent. In: Die Zeit, Hamburg, Nr. 6, 2.2.1996. S. 49.

·      Harold Brodkey: Die Geschichte meines Todes. Deutsch von Angela Praesent, Rowohlt, Reinbek, 1996.

·      Epikur: Brief an Menoikus. Nach: ders., Philosophie der Freude. Eine Auswahl aus seinen Schriften. Zusammengestellt und übersetzt von Johannes Mewaldt, Kröner, Stuttgart, 1973. S. 39-48.

·      Epikur: Hauptlehrsätze. Nach: ders., Philosophie der Freude. Eine Auswahl aus seinen Schriften. Zusammengestellt und übersetzt von Johannes Mewaldt, Kröner, Stuttgart, 1973. S. 51-64.

·      Friedrich Hebbel: Tagebücher. Reclam, Stuttgart, 1963.

·      Arno Luik im Gespräch mit Günter Thews: Ich sterbe lebenssatt. In: Tempo, Hamburg, Nr. 11, November 1992. S. 54-62.

·      Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Deutsch von Michael Gebauer, Reclam, Stuttgart. S. 74-79.

·      Jean-Paul Sartre: Der Ekel. Deutsch von Uli Aumüller, Rowohlt, Reinbek, 1981.

·      Eugenio Scalfari im Gespräch mit Marcello Mastroianni und Vittorio Gassman: Wann haben Sie sich entschieden, alt zu sein? In: Süddeutsche Zeitung Magazin, München, Nr. 43, 25.10.1996. S. 30-37.

·      L. Annaeus Seneca: Philosophische Schriften lat/dt. Vierter Band, Ad Lucilium epistulae morales - An Lucilius Briefe über Ethik. Lat. Text nach: Société d’ Édition „Les Belles Lettres“, Paris, 1965, 1962 et 1964, Deutsch von Manfred Rosenbach, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1984.



[1] Harold Brodkey: To My Readers. In: New Yorker No. 18, 21.6.1993. S. 80-82. S. 82; ders.: Die Geschichte meines Todes. Deutsch von Angela Praesent, Rowohlt, Reinbek, 1996, S. 38. [Vieles aus seinen Aufsätzen hat Brodkey später in „Die Geschichte meines Todes“ wiederaufgenommen. Betrifft das ein Zitat, habe ich die Stelle im Buch kursiv an die im Aufsatz hinzugefügt.].

[2] Ich benutze Angst vor dem Tod in Anführungszeichen, wenn ich die Wendung meine, die ich im folgenden definiere.

[3] Friedrich Hebbel: Tagebücher. Reclam, Stuttgart, 1963, S. 92.

[4] Jean-Paul Sartre: Der Ekel. Deutsch von Uli Aumüller, Rowohlt, Reinbek, 1981, S. 49.

[5] Epikur: Brief an Menoikus. Nach: ders., Philosophie der Freude. Eine Auswahl aus seinen Schriften. Zusammengestellt und übersetzt von Johannes Mewaldt, Kröner, Stuttgart, 1973. S. 39-48. S. 40; Epikur: Hauptlehrsätze. Nach: ders., Philosophie der Freude. Eine Auswahl aus seinen Schriften. Zusammengestellt und übersetzt von Johannes Mewaldt, Kröner, Stuttgart, 1973. S. 51-64. S. 51.

[6] „Der  Tod ist für uns ein Nichts, denn was der Auflösung verfiel, besitzt keine Empfindung mehr. Was aber keine Empfindung mehr hat, das kümmert uns nicht.“ Epikur, Hauptlehrsätze, S. 51.

[7] Ohne den Zeitpunkt seines Todes zu kennen (z.B. in einer Krankheit oder etwa in der Todeszelle eines Gefängnisses).

[8] Thomas Nagel: Der Tod. In: Was bedeutet das alles? Deutsch von Michael Gebauer, Reclam, Stuttgart, S. 74-79.

[9] Nagel, Tod, S. 79.

[10] Seneca, L. Annaeus Seneca: Philosophische Schriften lat/dt. Vierter Band, Ad Lucilium epistulae morales - An Lucilius Briefe über Ethik. Lat. Text nach: Société d’ Édition „Les Belles Lettres“, Paris, 1965, 1962 et 1964, Deutsch von Manfred Rosenbach, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1984. ep. 70, S. 2/4 und 3/5.

[11] Brodkey, Readers, S. 80 und ders., Geschichte, S.13.

[12] Harold Brodkey: Die Taue sind gelöst. Deutsch von Angela Praesent. In: Die Zeit, Hamburg, Nr. 6, 2.2.1996. S. 49.

[13] Eugenio Scalfari im Gespräch mit Marcello Mastroianni und Vittorio Gassman: Wann haben Sie sich entschieden, alt zu sein? In: Süddeutsche Zeitung Magazin, München, Nr. 43, 25.10.1996. S. 30-37. S. 36.

[14] Arno Luik im Gespräch mit Günter Thews: Ich sterbe lebenssatt. In: Tempo, Hamburg, Nr. 11, November 1992. S. 54-62. S. 58.

[15] Woody Allen: Tod (Ein Stück). In: ders., Ohne Leit kein Freud, Deutsch von Benjamin Schwarz, Rogner & Bernhard, München, 1979. S. 92.

[16] Brodkey macht dazu und zu seiner Einstellung zum Tod in verschiedenen Situationen unterschiedliche Aussagen. An den Stellen, an denen er sich am ausführlichsten dem Thema widmet, schreibt er: „I have never hysterically denied the reality of death, the presence and idea of it, the inevitability of it. I always knew I would die. I never felt invulnerable and immortal.“ Brodkey, Readers, S. 81 und ders., Geschichte, S. 29.

[17] Brodkey, Taue, und ders., Geschichte, S. 169.

[18] Bei seinem Gastvortrag an der FU Berlin am 7. November 1996.

[19] [19] Brodkey, Taue, und ders., Geschichte, S. 184.

[20] „I don’t feel I am being whisked off the stage or murdered and stuffed in a laundry hamper while my life is incomplete. It’s my turn to die - I can see that that is interesting to some people but not that it is tragic.“ Brodkey, Readers, S. 81 und ders., Geschichte, S. 32.

[21] Brodkey, Taue, und ders., Geschichte, S. 183.

[22] Brodkey, Taue, und ders., Geschichte, S. 184.


 

© 2004 BY LARS KLEIN...webmaster@lars-klein.com |