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Umgangen und ungelöst.

Die Probleme von Willensfreiheit und Determinismus in Thomas Nagels "The View from Nowhere".



I......Nagels Inkompatibilismus

Kompatibilist in der Diskussion um das Thema „Willensfreiheit“ zu sein, bedeutet traditionellerweise, die Meinung zu vertreten, freier Wille und Determinismus ließen sich versöhnen. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel ist eigentlich kompatibilistisch in seinem Versuch, freie Handlungen zu begründen, ganz egal ob der Determinismus wahr ist oder nicht. Dennoch zählt Nagel zu den Inkompatibilisten. Für ihn nämlich entsteht der wirkliche Zwiespalt nicht zwischen Willensfreiheit und Determinismus, sondern zwischen subjektiver und objektiver Perspektive des Menschen. Zwar spiegelt dies in gewisser Hinsicht das traditionelle Problem[1], dennoch finden sich hier wesentliche Unterschiede. Freier Wille ist nur aus der Innenperspektive zu denken (ein Begriff, den er gleichsetzt mit der subjektiven Sicht). Aus der Außenperspektive (der objektiven Sicht) wäre nicht mehr auszumachen, von wem Tätigkeiten weswegen ausgeübt werden. Dennoch – und das ist ein wesentlicher Unterschied – ist dies nicht gleichzusetzen mit einer deterministischen Sicht. Denn ob eine Entscheidung determiniert ist oder nicht, lässt sich auch aus objektiver Sicht nicht klären.

 

An dieser Stelle sind wir bei den Ausgangsfragen von Nagels Überlegungen angelangt, die er in Was bedeutet das alles? so formuliert: „Freies Handeln ist ein Grundbestandteil der Welt und kann nicht weiter analysiert werden. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen einem Geschehen, das sich ohne jede Ursache einfach bloß ereignet, und einer Tat, die ohne jede Ursache einfach getan wird“[2]. Nagel möchte eine freie Entscheidung erkennen und einen Verantwortlichen ausmachen können.

 

In meiner kleinen Arbeit über die Willensfreiheit bei Nagel möchte ich mich vor allem an das Kapitel Freedom aus The View From Nowhere[3] halten, in dem der Autor ein Substitut vorschlägt, mit dessen Hilfe die Probleme von Autonomie und Verantwortung, die bei der Frage nach Willensfreiheit und Determinismus auftauchen, gelöst oder wenigstens umgangen werden können. Ich werde die Strategie zunächst an Beispielen erläutern und anschließend ihre Anwendbarkeit überprüfen.

 


 

II......Probleme der Innen- und Aussenperspektive

Thomas Nagel untersucht seine Themen von den ersten Veröffentlichungen an vor allem unter diesem einen Gesichtspunkt: Wie beeinflusst die Tatsache, dass der Mensch sich und seine Situation sowohl aus der eigenen, subjektiven Perspektive, als auch aus einer Außenperspektive, der objektiven Sicht, betrachten kann, sein Handeln und Denken. Besonders einleuchtend werden die Möglichkeiten und Unterschiede dieser Perspektive beim Thema „Tod“. Von außen kann ich mir vorstellen, tot zu sein. Ich sehe dann meinen leblosen Körper. Aus der Innenperspektive kann ich mir zwar ebenfalls vorstellen, sagen wir makaberer Weise, in meinem Grab zu liegen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, tot in meinem Grab zu liegen, solange ich mich aus der Innenperspektive betrachte. Denn dass ich diese Sicht einnehme, hat zur Voraussetzung, dass ich lebe.[4]


Im Prinzip bin ich bei der Frage der Willensfreiheit vor das gleiche Problem gestellt, allerdings ist hier die Außenperspektive schwerer zu denken. Aus der Innenperspektive mag mir die Entscheidung, grüne und nicht rote Socken zu kaufen, völlig klar erscheinen. Aus der Außenperspektive jedoch kann ich keinen Grund erkennen, der mich zu dieser Wahl bewogen haben könnte. Beide Male, sowohl beim Problem „Tod“ als auch beim Problem der Willensfreiheit, ist die eine Position völlig plausibel und leicht zu erklären, während die andere zur Behandlung des Problems ungeeignet scheint. Wie kann ich entscheiden, wie ich zum Tod stehen soll, wenn ich ihn mir nicht vorstellen kann, und wie soll ich die Möglichkeit von Willensfreiheit anerkennen, wenn meine Handlungen völlig willkürlich erscheinen?





  

III.......Autonomie und Verantwortung

Zwei Fragen müssen also geklärt werden, um die Schwierigkeiten von Innen- und Außenperspektive zu beseitigen: Bin ich in meinen Entscheidungen autonom, und kann ich für sie verantwortlich sein? Vor ihrer Beantwortung nimmt Nagel auf die Meditationes von Descartes Bezug.[5] Zwar ist Nagels Vorhaben weniger ambitiös als das von Descartes, der das Sein an sich auf eine solide und gesicherte Basis zu stellen versuchte. Dennoch ist die Ausgangsüberlegung die gleiche. Um die Zweifel an der eigenen Existenz auszuräumen, bedient sich Descartes des „Methodischen Zweifels“. Er stellt sich von Grund auf in Frage, um sichere Erkenntnisse zu erlangen. Seine Überlegungen enden mit dem Gottesbeweis, der jeglichen Zweifel beseitigt. Descartes setzt mit ihm jeder ansonsten endlosen Beweiskette ein Ende. Dadurch, daß Gott am Schluß jeglicher (Argumentations-)Kette steht und Gott niemals schlecht sein kann, niemals täuschen würde, hat Descartes auch für sich Gewißheit erlangt.

 

Nagel möchte untersuchen, ob wir in unseren Entscheidungen frei sind und sucht deshalb – ganz wie Descartes – nach dem “Archimedischen Punkt”, von dem aus er mit den Überlegungen beginnen kann. Wie Descartes fängt er von Grund auf an zu zweifeln. Aber anders als Descartes ist Nagels Ziel nicht, seine Zweifel auszuräumen. Er ist mit der Erlangung eines “Archimedischen Punktes” zufrieden. Die Existenz Gottes als sinnspendende Instanz zieht Nagel nicht in Betracht. Durch sie bestünde immerhin keine Gefahr mehr, daß unsere Handlungen aus der nötigen Entfernung als falsch oder sinnlos entlarvt würden, weil keine weiter entfernte Außenperspektive denkbar ist als die Sicht Gottes.

 

 

IV.......Das vorgeschlagene Substitut

Was ich als den „Archimedischen Punkt“ bei Nagel ausmachen will, ist das Ergebnis der Anwendung seiner Strategie. Nagel schlägt ein Substitut vor, ein Hilfskonstrukt, das Innen- und Außenperspektive miteinander versöhnen soll. Es soll dafür sorgen, daß wir auch aus der Distanz als Urheber unserer Handlungen identifizierbar sind und unsere Handlungen nicht willkürlich erscheinen. Diese Ziele kann Nagel mit seiner Strategie nur dann erreichen, wenn sie unserem Handeln lediglich ein begrenztes Maß an Objektivität entgegenstellt.[6] Nagel entwirft eine Strategie zur objektiven Begründung einer Autonomie, die aus drei Teilen besteht: Erstens der objektiven Toleranz, zweitens dessen, was ich reflexive Innenperspektive nenne, und schließlich der Herausbildung eines objektiven Willens. Halten wir uns an sie, verspricht Nagel, stellen wir unser Handlungen auf eine gesicherte Basis. Diese Teilstrategien werde ich nun im Folgenden näher erläutern.

 

 

.......1. Teil: Die vor-reflexive Innenperspektive

Nagels Standartbeispiel beim Thema „Willensfreiheit“ ist das der Wahl einer Speise in einem Restaurant. In What does it all mean? illustriert der Autor das Thema am Beispiel einer zu wählenden Nachspeise: Soll ich den Pfirsich oder die Torte essen?[7] In The View From Nowhere steht eine Entscheidung zwischen zwei Sandwiches an. Um die Wahl zwischen einem Salami- und einem Chicken-Sandwich zu treffen, „horche ich kurz in mich hinein“, höre auf das, was mir mein Appetit sagt. Die Entscheidung wird buchstäblich im Bauch getroffen. Nagel nennt diese erste Strategie die einer objektiven Toleranz, weil die zu treffende Entscheidung hier nur so begrenzte Auswirkungen hat, dass es sowohl für mich als auch für andere egal ist, ob ich in diesem Moment Hühnerfleisch oder Salami zu mir nehme. Nicht nur das: Diese Entscheidung würde auch einer objektiven Sicht standhalten, weil sie aus der Entfernung erst recht belanglos ist. Ich möchte diese Strategie die einer vor-reflexiven Innenperspektive nennen, weil ich lediglich auf die spontanen Impulse höre, und nicht überlege, ob dieser oder jener Impuls mich nicht in Wirklichkeit trügt.


.......2. Teil: Die reflexive Innenperspektive

Angenommen, ich stehe vor einer schwereren Entscheidung – auch das ein Beispiel von Nagel [8] –, mir wurde ein neuer Job angeboten. Ich kann ihn entweder annehmen oder ablehnen, und für beides gibt es gute Gründe. Ich werde also überlegen, ob ich zum Beispiel den langen Anfahrtsweg, das ständige Pendeln zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, auf mich nehmen möchte, oder das Angebot deswegen ablehne. Dabei müsste ich etwa vernachlässigen, dass der Job gute Aufstiegsmöglichkeiten bietet und mir hier die Arbeitsatmosphäre viel besser gefällt als am vorigen Arbeitsplatz.

 

Um diese Entscheidung zu treffen, wäge ich die sich bietenden Möglichkeiten ab, denke daran, wie es wohl sein würde, wenn ich das Angebot annähme bzw. ausschlüge. Ich male mir aus, wie ich morgens lange am Steuer meines Autos sitze und – im anderen Fall – wie ich mich langsam hocharbeite, beflügelt vom angenehmen Umfeld und den netten Kolleginnen und Kollegen. Ich betrachte die Möglichkeiten, die ich in dem Moment habe, tue das aber unter Berücksichtigung eines größeren zeitlichen Kontextes. Nagel benennt diese Strategie nicht, ich möchte sie reflexive Innenperspektive nennen. Denn ich bleibe bei den Überlegungen immer in der Innenperspektive, auch wenn ich aus dem zeitlichen Kontext der Situation heraustrete.

   

.......3. Teil: Die reflexive Aussenperspektive

Um die Gefahr, dass meine Handlungen aus der Entfernung sinnlos oder nutzlos erscheinen, zu schmälern, schlägt Nagel eine dritte Teilstrategie vor. Es ist die Herausbildung eines objektiven Willens. Ich möchte sie die reflexive Außenperspektive nennen. Hier reflektiere ich nicht nur meine spontanen Impulse, meine Handlungsmöglichkeiten innerhalb der Innenperspektive aber außerhalb des zeitlichen Kontextes. Vielmehr gehe ich bei dieser dritten Strategie erstmals über meine subjektive Sicht hinaus in die Außenperspektive und betrachte mich und meine Möglichkeiten aus der Entfernung. Das ist insofern einleuchtend, als diese Teilstrategie – anders als die ersten beiden – in Fällen zur Anwendung kommt, in denen nicht allein ich von meiner Entscheidung betroffen bin.

 

Ich werde versuchen, das erneut am Beispiel des Restaurantbesuchs zu erklären. Nehmen wir an, ich hätte also das Chicken-Sandwich gewählt und gemerkt, dass ich gerade genügend Geld in der Tasche habe, um es zu bezahlen. Ich wollte eigentlich anschließend ins Kino nebenan gehen. Also überlege ich, ob ich das Restaurant nicht einfach verlassen sollte, ohne zu bezahlen. Das ist mein spontaner Impuls, dem ich in diesem Fall aber nicht gleich folge, weil ich diesen Schritt noch nicht wage. Vielmehr wäge ich nochmals die Möglichkeiten ab und denke anschließend, die Möglichkeit, nicht zu bezahlen, sei noch immer die einfachste, und daher zu favorisieren. Aber auch hier kann ich mit meinen Überlegungen nicht aufhören, sondern ich muss nun auch die dritte Strategie benutzen, nachdem ich die erste und zweite bereits angewendet habe. Ich muss mir überlegen, ob es – abgesehen von der Bequemlichkeit – Gründe gibt, die hier von besonderer Bedeutung wären. Dazu werde ich mich früher oder später ganz in die Außenperspektive versetzen und überlegen, was andere Menschen tun, was sie denken würden, auch, was sie von einem Menschen denken würden, der geht ohne zu bezahlen.

 

Die Frage lautet nun: Was würde der „normale Mensch“ in diesem Fall tun? Ich müsste zu dem Ergebnis kommen, dass die Möglichkeit, nicht zu bezahlen, zu verwerfen ist. Sie ist dies nicht aus praktischen und schon gar nicht aus eigennützigen Erwägungen, sondern aus moralischen Gründen. Die Anwendung der dritten Strategie erfolgt unter der Herausbildung einer moralischen Grundlage für mein Tun. Ich muss, was immer ich vorhabe, meine Handlungen auf eine möglichst breite Basis stellen. Ich muss wissen, so Nagel, wie ich handeln soll, weil ich wissen muss, wie jeder andere handeln würde. Dabei gehe ich also davon aus, mich nicht nur an – wenn auch imaginären oder virtuellen – Vorbildern zu orientieren, sondern selbst Vorbild zu sein mit dem, was ich tue.

 

Warum nennt Nagel diese Teilstrategie nun objektiver Wille? Wir hatten in den ersten beiden Teilen Positionen gefunden, durch die unser Handeln aus der Entfernung zu tolerieren war, weil sie entweder ohnehin nicht weitreichend waren, oder nur mich betrafen – wenn auch nicht nur mich in einer bestimmten, klar definierten räumlichen und zeitlichen Situation. Im letzten Fall nun ist die Entscheidung objektiv tolerierbar, weil sie der objektive Wille ist. (Er müsste demnach nicht nur tolerierbar, sondern zu wünschen sein.) Das letzte große Problem, das sich mir stellt, wenn ich in die Außenperspektive wechsele, wird hier ganz einfach dadurch umgangen, dass ich zwar aus der Innenperspektive heraustrete, nicht aber aus der Welt. Ich entferne mich nicht so weit von mir, dass ich meine Handlungen nicht mehr mir selbst zuordnen kann.

 

Durch diese dreiteilige Strategie wäre also folgendes erreicht: Die getroffene Entscheidung kann einer objektiven Sicht standhalten und ist auch aus der Außenperspektive noch dem Handelnden zuzuordnen. Wir sind mit diesem Substitut scheinbar autonom und stehen auf gesichertem Boden. Innen- und Außenperspektive sind auf die bestmögliche Weise versöhnt.


 


 

V.......Die Ausgangsfragen bleiben ungelöst

Da Nagels Substitut nur eine Ersatzlösung ist, kann es die vorhandenen Probleme nicht beseitigen. Die Frage, ob ich tatsächlich autonom in meinen Entscheidungen bin oder nicht, habe ich nicht geklärt. Ich bin sie lediglich umgangen.


Auch die vollkommenste Versöhnung von Innen- und Außenperspektive schließe, so Nagel, nicht aus, daß eben sie aus der nötigen Entfernung als Illusion entlarvt wird. Und solange diese Gefahr nicht gebannt ist, kann auch Verantwortung nicht endgültig zugeschrieben werden. So bleibt uns auch hier nur ein Hilfskonstrukt: Ich muß mich weiterhin, auch nach Anwendung der oben beschriebenen Strategie, an ein anderes Hilfskonstrukt halten, nach dem ich mich weiterhin in die Position desjenigen hineinversetze, den ich beurteile. Ich muß meinen Grad an Autonomie auch dem anderen zuschreibe und als Grundlage für meine Entscheidungen voraussetze.

 

 

 

VI.......Wie wird die Strategie angewendet?

Wie wähle ich nun die eine oder andere Strategie? Oder wähle ich überhaupt nicht? Laut Nagel treffe ich zumindest keine bewußte Wahl. Das ergibt sich unter anderem aus der Position, die Nagel gegenüber Peter Strawson und dessen Aufsatz Freedom and Resentment[9] bezieht.[10] Im Gegensatz zu Strawson behauptet Nagel, daß, sobald wir die Möglichkeit entdeckt haben, eine Position außerhalb der eigenen Sicht zu benutzen, wir auch keine Möglichkeit mehr haben, zu verhindern, daß wir sie einnehmen.[11]

 

Schon der etwas genauere Blick auf die von Nagel selbst gewählten Beispiele zeigt, daß sie keineswegs so einfach funktionieren, wie er sie darstellt. So muß ich bei der Auswahl eines Essens nicht unbedingt nur auf meine Impulse hören und darauf achten, was mein Appetit mir sagt. Ich kann mich gegen das Salami-Sandwich entscheiden, weil ich den nächsten Tag eingeladen bin und weiß, daß ich dann ein solches Sandwich bekommen werde. Ich kann auch das Chicken- zwar eigentlich gegenüber dem Salami-Sandwich bevorzugen, mich aber trotzdem für letzteres entscheiden, weil mein Gegenüber mich gerade über die grausamen Zustände bei der Hühnerhaltung aufmerksam gemacht hat, und ich keine Lust habe, mich für die Wahl des Hühnerfleischs zu rechtfertigen. Es kann hier also weit mehr hereinspielen als bloß die spontanen Impulse. Auch die Entscheidung für die Annahme des Jobs kann komplizierter sein: Wie stehe ich gegenüber meinen Bekannten da, was werden meine Eltern sagen, wenn ich einen schlecht bezahlten aber aussichtsreichen Job annehme und dafür den besser bezahlten, prestigeträchtigeren ablehne?

 

 

VII.......Perspektivenverengung?

Die Bezeichnungen, die ich für die Teilstrategien gewählt habe, werden ihren Gegenständen natürlich nicht gerecht. Sie vernachlässigen jeweils wesentliche Aspekte, beim zweiten Teil beispielsweise den zeitlichen Aspekt. Stattdessen spitzen sie sie allein auf die Perspektiven zu. Die Bezeichnungen der vor-reflexiven Innenperspektive, der reflexiven Innenperspektive und reflexiven Außenperspektive zeigen, wie eng die Teilstrategien von Nagel gefaßt sind. Die meisten Einwände, die gegen Nagels Substitut geäußert wurden, beziehen sich auf eben dieses Problem, das Kerstin Haase mit „Perspektivenverengung“ bezeichnete. Sie fragte, ob wir wirklich so rationale Wesen seien wie Nagel annimmt. Ein anderer Teilnehmer in der Diskussion des Seminars meinte, daß die objektive Perspektive weniger wichtig sei, weil sie nur durch Nachdenken entstehe, und die soziale Dimension vernachlässige. Ich denke, daß diese Einwände einerseits berechtigt sind, andererseits aber Nagels Strategie durch sie nicht ungültig wird.

 

Ob ich für dieses oder jenes Problem nur die erste Stufe der Strategie bemühe, oder auch die zweite, ist unwesentlich. Die Stufen benennen die möglichen Arten der Entscheidungsfindung. Mit der Einteilung hat Nagel meiner Meinung nach Recht. Es gibt in der Tat Entscheidungen, die ich spontan, „aus dem Bauch heraus“, treffe. Es gibt andere, über die ich lange nachdenken muß. Nagels Strategie ist keineswegs revolutionär, wir wenden sie täglich an. Sie illustriert, wie wir unsere Entscheidungen treffen. Daß wir uns nicht bewußt auf die erste oder zweite Teilstrategie beschränken können, ist nebensächlich. Wichtiger ist die Richtung, in die Nagels Strategie weist. Ich darf mir ruhig überlegen, ob ich durch die Wahl des Salami-Sandwiches Gefahr laufe, Hormonfleisch zu essen. Ich darf aber nicht einem spontanen Impuls folgen und – nehmen wir das extremste Beispiel – einen Menschen ermorden, weil ich in eine Situation geraten bin, in der ich die Möglichkeit zu einem Mord hätte und den Impuls verspürte, ihn zu begehen. Bei der Entscheidungsfindung darf ich also nicht – und das ist das Entscheidende an Nagels Modell – eine Strategie wählen, die für die jeweilige Situation nicht geeignet ist, weil sie eine oder zwei Stufen zu tief angesiedelt ist.

 

Ich denke also, wir wählen zwar zunächst eine Teilstrategie aus, beschränken uns aber nicht notwendigerweise auf die zuerst benutzte. Vielmehr meine ich (mein Beispiel für den objektiven Willen in IV.3 zeigt dies), daß wir uns einer Teilstrategie nach der anderen bedienen, bis wir die passende gefunden haben. Trotz meiner eigenen Einschränkungen aber halte ich die im Seminar geäußerten und oben genannten Einwände gegen das Konstrukt Nagels für nicht weitreichend genug. Sie stellen nicht das Modell an sich in Frage, sondern dessen Anwendbarkeit – und selbst die nur begrenzt. Denn die „Perspektivenverengung“, von der Kerstin Haase spricht, ist zwar durchaus vorhanden, aber unbedeutend, weil allein der mit dem dritten Teil gesetzte Rahmen entscheidend ist. Allein er schraubt die Gefahr, die sich mit der Einnahme der Außenperspektive bei der Entscheidungsfindung ergibt, auf ein erträgliches Maß zurück.

 

 

VIII.......Die moralische Dimension

Die moralische Dimension kommt erst durch die Herausbildung des objektiven Willens in die Strategie. Ich möchte ihre Anwendbarkeit weiter untersuchen, indem ich sie auf Peter Van Inwagens Beispiel des Richters anwende, der durch das Heben seiner Hand einen Sträfling vor der Todesstrafe bewahren könnte.[12] Nach Nagels Theorie und laut Van Inwagens Text hat der Richter nach langen und rationellen Überlegungen entschieden, seine Hand nicht zu heben.[13] Daß er bei den Überlegungen auch von der Möglichkeit Gebrauch gemacht hat, sich in die Perspektive anderer Menschen zu versetzen, müssen wir ebenfalls annehmen. Bei einer Entscheidung um Leben und Tod gehört dies zu einer “calm, rational and relevant deliberation”[14], von der Van Inwagen spricht. Der Richter hat also die dritte Teilstrategie verwendet. Ob die Handlung (bzw. Nicht-Handlung) des Richters determiniert war oder nicht, er hat doch für sich den Eindruck, frei entschieden zu haben.

 

Das Beispiel zeigt die größte Schwäche der dritten Teilstrategie: Wie will ich für eine wirklich moralische Entscheidung sorgen? Die Vollstreckung der Todesstrafe kann ich schwerlich als moralische Handlung ansehen. Nagels Konstrukt sollte eigentlich Entscheidungen wie diese verhindern. An dieser Stelle sind wir nicht mehr in einer Diskussion um Willensfreiheit und Determinismus, sondern in einer ethischen Debatte. Natürlich wird Nagel bewußt sein, daß es Menschen gibt, die andere Menschen im Affekt ermorden. Es ist auch gewiß, daß die Todesstrafe selbst in demokratischen Ländern wie den Vereinigten Staaten verhängt wird, und daß es eine enorme Debatte um sie gibt, bei der beide Seiten Argumente vorbringen, durch die sie ihre Haltung zu rechtfertigen versuchen. Seine Strategie muß – besonders im dritten Teil – vor allem als Vorschlag gesehen werden. Er ist, pathetisch formuliert, eine Vision deren Einhaltung in der Tat die gewünschten Erfolge erzielen würde: “a world that we can want to live in”[15]. An der Realität aber scheitert er.

 

 

IX.......Fazit

Nagel zu kritisieren ist eine undankbare Aufgabe. Jegliche Kritik, die man ihm machen könnte, hat er bereits selbst geübt. Er hat Defizite und Schwächen eingestanden, und mir blieb nicht viel mehr, als sie zu wiederholen und zu bekräftigen. Das Substitut zeigt nur einen Ausweg, keine Lösung. Es bedarf in der Tat rationaler Wesen, Nagels Strategie zu befolgen, aber sie läßt sich anwenden. Sie erzielt die gewünschten Erfolge – mit den erwähnten Abstrichen. Nagels Vorschlag ähnelt nicht nur in den Problemen bei der Anwendung Kants moralischem Imperativ.

 

Die Probleme von Autonomie und Verantwortung sind durch das Substitut weniger drängend. Sie werden nicht gelöst, sondern umgangen. Das ist deswegen nicht nur eine Stärke, sondern auch eine Schwäche, weil die sowieso in den Hintergrund gerückten Fragen nicht weiter verhandelt werden. Das Problem der Verantwortung für mein Handeln und die eigentliche Frage nach Willensfreiheit und Determinismus bleiben nicht nur ungelöst, wie Nagel am Ende eingesteht, sie bleiben sogar weitgehend unangetastet.



[1] Die Vorstellung „that an account of freedom can be given which is compatible with the objective view, and perhaps even this determinism“, lehnt er ab. „But I believe this is not the case.“ (Thomas Nagel, Freedom. In: The View From Nowhere. New York, Oxford: Oxford University Press, 1986. S. 110-134. S. 113)

[2] Thomas Nagel, Willensfreiheit. In: Was bedeutet das alles? Stuttgart: Reclam, S. 41-50. S. 48. Dieses Buch ist ein Jahr nach The View From Nowhere erschienen. Die Frage lässt sich dennoch auch auf den älteren Aufsatz formulieren, auf den ich mich im Wesentlichen beziehe.

[3] Thomas Nagel, Freedom. In: The View From Nowhere. New York, Oxford: Qxford University Press, 1986. S. 110-134.

[4] Vgl. Thomas Nagel, Death. In: The View From Nowhere, S. 223-231. S. 227 und Nagel, Der Tod. In: Was bedeutet das alles?, S. 74-79. S. 74f.

[5] „Finding one’s feet within the world in a way that will withstand criticism from more objective standpoints than one can take up is a Cartesian enterprise, and like Descartes‘ it can at best hope for only partial success.“ (Nagel, Freedom, S. 130).

[6] „Since such objective grounds are even harder to come by in practical than in theoretical reason, a less ambitious strategy seems to be called for.“ (Nagel, Freedom, S. 130).

[7] Thomas Nagel, Willensfreiheit, S. 41.

[8] Nagel hat das Beispiel des Job-Angebots nicht benutzt, um seine zweite Strategie zu veranschaulichen, sondern er wählte es viel früher im Kapitel Freedom (S. 115f.), um die Unzulänglichkeit der reinen Innenperspektive aufzuzeigen.

[9] In: Gary Watson, Free Will. New York, Oxford: Oxford University Press. S. 59-80. 

[10] Vgl. das Kapitel „Strawson on Freedom“ in: Nagel, Freedom, S. 124-126.

[11] Vgl. Nagel, Freedom, S. 125.

[12] Vgl. Peter Van Inwagen, The Incompability of Free Will and Determinism. In: Gary Watson, Free Will. New York, Oxford: Oxford University Press. S. 46-58. S. 52f.

[13] Daß der Richter laut Text auch frei entschieden hat, müssen wir mit Rücksicht auf die Anwendung von Nagels Theorie hier vernachlässigen.

[14] Van Inwagen, Incompability, S. 52.

[15] Vgl. Nagel, Freedom, S. 136.



 

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