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Sartres Blick.


I. Vorbemerkung

Im  November 1999 sendete der Deutschlandfunk ein Feature mit dem Titel Die Missachtung des Anderen in der Philosophie[1]. Eine zentrale Bedeutung kam dabei Sartres Kapitel über den Blick ein. Diese vermeintliche Missachtung des Anderen müssen wir nachvollziehen, um im zweiten Schritt zum eigentlichem Thema des Kapitels über den Blick zu gelangen, dem Bewusstsein. Ich werde daher zunächst auf die Beziehung des Ego zum Anderen eingehen, und, das wäre der zweite Teil, von dort auf den Blick des und auf den Anderen kommen, der drittens für mein Bewusstsein von mir selbst sorgt. Der vierte Teil wird sich dann dem Faktum des Anderen widmen, der fünfte schließlich dem an-sich. Am Ende steht, eher als Nachtrag, obwohl es so zentral ist, das Nichts.

 

 

II. Missachtung des Anderen

Das besagte Feature begann mit einem Zitat aus dem Kapitel über den Blick in Das Sein und das Nichts. Sartres Text war dabei Beispiel für die Abwertung des Anderen in der Philosophie. „Missachtung“ ist also im Sinne von „Geringschätzung“ gebraucht, nicht im Sinne von „Nicht-Beachten“, wobei ich das eine wie das andere für nicht zutreffend halte, ich werde darauf zurückkommen. Anerkennen muss zunächst auch ich, dass es einen Kampf mit dem Anderen gibt um die Stellung als Subjekt. Er wird dadurch entfacht, dass der „Objekt-Andere in der Verbindung mit der Welt als der Gegenstand definiert ist, der das sieht, was ich sehe“[2]. Die Gegenstände der Welt nämlich gruppieren sich für mich wie für ihn, und ich habe eine andere Sicht auf die Dinge als der Andere, den ich zunächst selbst als Gegenstand meiner Welt wahrnehme. Ich kehre hier zumindest die Reihenfolge um, in der Sartre die beiden Arten der Wahrnehmung erwähnt: Erst als Gegenstand, dann als Mensch. Den Anderen kann ich so wahrnehmen, wie Sartre das auch beschreibt, ich kann sagen: „Dies ist eine Bank, die steht auf dem Weg, der durch diese Grünfläche gezogen ist. Auf dem Rasen steht ein Mann, zwei Meter vom Baum entfernt.“ Nun bewegt sich aber der Andere, er macht zwei Schritte auf den Weg zu. Ich muss ihm nun eine Sonderstellung zuerkennen. Ich sage vielleicht, er bewege sich auf den Weg zu, während er sagen würde, er steuere die Bank an. Die Gegenstände stellen sich für mich wie für ihn auf verschiedene Arten dar, und ich muss erkennen, dass ich nicht zu sagen weiß, wie er sie sieht. „[D]ieses Grün“, schreibt Sartre, „wendet dem Anderen eine Seite zu, die mir entgeht.“[3] Und weiter heißt es: „So ist plötzlich ein Gegenstand erschienen", und man muß wohl ergänzen: ein Gegenstand in meiner Welt erschien, der mir die Welt gestohlen hat“. Dieser Gegenstand in Form einer „leibhaftigen Anwesenheit“[4] sorgt für eine „Dezentrierung der Welt, die die Zentrierung, die ich in derselben Zeit herstelle, unterminiert“[5].


Letztlich führt dies zur Einsicht, dass „der Andere für mich-als-Subjekt ein wahrscheinliches Objekt ist“, und so kann „ich mich nur für ein gewisses Subjekt als Objekt werdend entdecken“[6].

 

Ein erstes Fazit wäre also: „Das `Vom-Andern-gesehen-werden´ ist die Wahrheit des `Den-Andern-sehen´“[7] – eine Konklusion, die Sartre später revidiert. Wir werden sehen, warum das nötig ist.

 

 

III. Blick

Kommen wir aber zunächst zur Frage, wie wir uns das Sehen, wie wir uns den Blick vorzustellen haben. Der Blick, schreibt Sartre, ist „nur wahrscheinlich“[8]. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich angeblickt werde. Ich kann, so ein Beispiel Sartres, an einem Bauernhaus vorbeigehen, ich kann es wahrnehmen, und das Gefühl haben, jemand blicke mich aus dessen Fenstern an. Genauso funktioniert sein Beispiel des Voyeurs.[9] Er ist nicht ertappt, er fühlt sich ertappt, er schämt sich. Nehmen wir zu den Schritten, die Sartre erwähnt, noch eine Treppe an, die knarrt, so als würde sich jemand auf ihr bewegen. Die knarrende Treppe hat dann unseren Voyeur glauben lassen, jemand komme die Stufen hinuntergestiegen, aber er hat sich getäuscht. Da war niemand. Trotzdem repräsentierte die knarrende Treppe das Auge[10], denn „das Auge ist zunächst nicht als Sinnesorgan des Sehens, sondern als Träger des Blicks“[11] definiert. Noch konkreter sagt Sartre später, es seien nie die Augen, die einen anblicken, sondern es sei der Andere als Subjekt[12]. Sobald ich die Treppe knarren höre, erlange ich Bewusstsein von einem Blick, und letztlich Bewusstsein von mir selbst. „Wahrnehmen ist nämlich anblicken, und einen Blick erfassen ist [...] Bewusstsein davon erlangen, angeblickt zu werden“. „So ist der Blick zunächst ein Bindeglied, das von mir auf mich selbst verweist“.[13]



IV. Bewusstsein

An dieser Stelle nimmt der Text eine sehr raffinierte Wendung. Die letzten Zitate haben einerseits den Blick erklärt und andererseits auf das nächste Thema verwiesen, auf die `Transzendenz des Ego´ und das Bewusstsein von mir, das ich durch diese Transzendenz von mir erlange. Laut Sartre habe ich mit einem Schlag Bewusstsein von mir, „insofern ich mir entgehe [...] insofern ich meinen Grund außerhalb von mir habe. Ich bin für mich nur als reine Verweisung auf andere“[14]. Für die Erklärung des Bewusstwerdens ist dies nun der entscheidende Punkt. Das Bewusstsein hatte Sartre nämlich bisher nur auf der reflexiven Ebene ausgemacht. „[M]ein Bewusstsein klebt an meinen Handlungen“, hatte er geschrieben[15]. Ich erkenne mich also nur in diesen Handlungen, ich bin „reines Bewusstsein von diesen Dingen“[16]. Und diese Dinge bin ich, und ansonsten nichts, ein Nichts. Wir hatten in der ersten Sitzung das Beispiel aus Sartres frühem Text Transzendenz des Ego. Auf die Frage: „Was machen Sie da?“ ist die natürliche Antwort laut Sartre, „Ich hänge ein Bild auf“ oder koche Kaffee oder was auch immer die Tätigkeit des Angesprochenen gerade sein mag. Sartre macht hier eine Abwesenheit des Ich vom Ich aus.[17]


Nun aber, durch den Blick und den Anderen, gelangen wir hier einen Schritt weiter Ich nehme mich nun nicht mehr nur als die Person wahr, die dieses oder jenes tut. Hier  kommen wir auch zur Korrektur des Satzes „Das `Vom-Andern-gesehen-werden´ ist die Wahrheit des `Den-Andern-sehen´“.

 

„Ich bin für mich nur als reine Verweisung auf Andere“, hat Sartre geschrieben. Der Andere ist aber nicht wirklich mein Objekt, sondern er weist auf mich zurück. Ich nehme ihn wahr und bekomme gleichzeitig Bewusstsein von mir selbst. Sobald ich den Anderen zum Objekt mache, muss ich mich selbst Subjekt werden lassen. Dann könnte ich aber nicht Objekt-für-andere sein, das ich ja laut Sartre eben hier werde. Wir sind wieder bei der Missachtung des Anderen und dem Kampf ums Subjekt, wir werden sehen, wie Sartre das Problem löst.

 

Ich kann also nicht den anderen zum Objekt machen, aber auch nicht mein Ego zum Objekt für mich selbst. Denn mein Ego entgeht mir, weil es mich flieht, weil es, wie Sartre sagt, „nicht für mich ist und grundsätzlich für den Anderen existiert“[18]. Es geht eh nicht darum, dass ich das Objekt erkenne, dass das reflexive Bewusstsein also das Ego erkennt, sondern darum, dass es dieses Ego ist. In der Scham erkenne ich an, dass ich bin. Statt „[d]as `Vom-Andern-gesehen-werden´ ist die Wahrheit des `Den-Andern-sehen´“ muss es also korrekter heißen: „Der Blick des Anderen macht mich jenseits meines Seins in der Welt sein“[19]. Um das mit einem weiteren Zitat zu untermauern:

 

„Ich bin dieses Sein. Keinen Augenblick denke ich daran, es zu leugnen, meine Scham ist ein Geständnis. Später könnte ich Unaufrichtigkeit anwenden, um es zu leugnen, aber auch die Unaufrichtigkeit ist ein Geständnis, denn sie ist ein Bemühen, das Sein zu fliehen, das ich bin.“[20]

 

Mir ging es so, dass, je mehr ich darüber gelesen hatte, ich mir immer weniger vorstellen konnte, wie dieses für-Andere-sein gedacht werden, wie es sein soll. Ich habe also nochmals versucht, es mir vorzustellen, und komme dazu auf das Beispiel den Voyeurs zurück. Ich hoffe also, dass der kleine Ausflug verdeutlicht und ich nicht ganz falsch liege: Dieses sich-schämen am Schlüsselloch ist ein Gefühl, das wir so schnell wie möglich wieder verschwinden lassen möchten. Entweder beschließen wir also, die Treppe habe zwar von sich aus geknarrt, da sei niemand gewesen, wäre aber jemand gekommen, er hätte einen Voyeur gesehen. Und ein Voyeur will ich nicht sein. Also gehe ich in ein anderes Zimmer und stelle irgendwann fest, ich sei nun kein Voyeur mehr, sondern ein Briefmarkensammler oder was auch immer. Oder aber ich beschließe, die Treppe habe von sich aus geknarrt, ich gehe wieder mit dem Auge ans Schlüsselloch, vergesse die Treppe und die Möglichkeit des Beobachtet-werdens langsam in dem Masse, in dem ich im Geschehen versinke, und schrecke wieder hoch, wenn die Treppe erneut knarrt, und ich von Neuem schlagartig Bewusstsein von mir erlangt habe. Sartre beschreibt den Vorgang in der Transzendenz des Ego:

 

„Das transzendentale Bewusstsein [...] bestimmt sich jeden Augenblick unseres bewussten Lebens eine creatio ex nihilo. Kein neues Arrangement, sondern eine neue Existenz. Es hat für jeden von uns etwas Beunruhigendes, so auf frischer Tat diese unermüdliche Schöpfung von Existenz zu ertappen, deren Schöpfer wir nicht sind.“[21]

 

Hier hätten wir also das ertappt-werden, einen eigentlich negativ konnotierten Begriff nicht in Verbindung mit einer an sich schon negativen Sache wie dem Spionieren, sondern bezogen ganz allgemein auf uns in jedem möglichen Augenblick unseres Lebens. Das Ego entgeht mir also nicht nur, weil es mit mir identisch ist, sondern weil der Andere es erschafft, weil es in seiner Hand liegt, weil er frei ist, mit ihm zu machen, was er will. Wir stoßen hier, so Sartre, an die Grenze unserer Freiheit. Das an-sich, von dem wir hier Bewusstsein erlangen, bewahre sich eine gewisse Unbestimmtheit, eine gewisse Unbeherrschbarkeit, schreibt Sartre weiter.[22] Der Mensch „wird also nicht sein, wie er sich geschaffen haben wird“, wie es in Der Existentialismus IST EIN HUMANISMUS heißt, sondern wozu der Andere ihn gemacht haben wird?

 

An einer früheren Stelle in Das Sein und das Nichts bringt Sartre das Beispiel des Kellners.[24] Ich bin erst dann ein Kellner, wenn mich der Andere als solcher akzeptiert. Dass ich durch den Anderen Bewusstsein im Sinne des an-sich von mir erlange, bedeutet auch, dass ich mich als etwas entwerfe, von dem ich will, dass der Andere mich zu ihm macht. Ich begebe mich also nicht unvorbereitet in die Hände der Freiheit des Anderen, sondern ich selbst bleibe ja auch frei, und was ich will, ist eine Harmonie, eine tiefe Einheit der Bewusstseine, meines mit dem des Anderen.[25]

 

Arthur C. Danto hat das in seiner Monographie über Sartre zur Einsicht gebracht, dass die Struktur des Selbstbewusstseins bei Sartre logischerweise sozial sei, weil meine Identität von den anderen abhänge, sogar für mich selbst.[26] Es stimmt zwar, dass der Andere bei Sartre Mittel zum Zweck ist, aber deswegen von einer Missachtung des Anderen zu sprechen, scheint mir übertrieben. Und Danto auch. Der schreibt, Sartres Gestalten seien keine Tyrannen. Sartre selbst tut einiges, um diese Einsicht zu zerstreuen, wenn er die Anderen im Gebüsch handstreichartig auflauern oder sie „feindliche Soldaten“[27] sein lässt, und schreibt, der Blick erscheine vor dem Hintergrund einer „Zerstörung des Objekts, das ihn manifestiert“[28]. Dennoch: „Die Existenz des Bewusstseins der Anderen durchdringt ihr eigenes; würden sie die Freiheit des Anderen nicht anerkennen, wie sollten sie dann versuchen, diese Freiheit in den Griff zu bekommen“[29].

 

 

V. Faktum des Anderen

Das Faktum des Anderen, wir wären also beim fünften Teil, ist nun unbestreitbar. Das ist es nicht nur als etwas, das seine Bedeutung dadurch erlangt, dass es mir im Park begegnet, sondern es ist nun ebenso unbezweifelbar wie ich selbst, und es steht „in einem ursprünglichen Seinsbezug zu mir“[30].

 

Doch wo der Andere nun bewiesen ist, sieht Sartre sogleich wieder von ihm ab. Gerade aufgetaucht, dann schon wieder verschwunden. Das klingt zunächst seltsam, ist es aber eigentlich nicht, denn es geht Sartre ja nicht nur im Kleinen nicht um den Anderen, sondern auch im Grossen nicht. Er will ja die eigene Faktizität, das eigene an-sich bewiesen und begründet wissen. Wenigstens in Klammern sollte ich vielleicht Zweifel anmelden, ob wir es hier insofern nicht doch mit einer Missachtung des Anderen zu tun haben.

 

Wie aber kann Sartre nun vom Anderen absehen? Ich schäme mich immer vor jemandem. Es muss jemanden geben, vor dem ich mich schäme. Wir haben aber gehört, dass der Blick nur wahrscheinlich war, das angeblickt-werden allerdings gewiss. Der Voyeur war zunächst erschrocken, und hat gemerkt, vielleicht erleichtert festgestellt, dass der Andere nicht da war. Geschämt hat er sich trotzdem, mit allen Folgen, wenn auch letztlich vor sich selbst. Der Andere ist demnach eher von mir abhängig als vom Körper des Anderen, stellt Sartre fest.[31] Sein Da-Sein ist nun infrage gestellt, nicht aber seine Faktizität. Die Möglichkeit des Angeblickt-werdens, der Blick des Anderen besteht nun weiter als Mahnung für mich, und somit bleibt der Andere für mich anwesend, „insofern ich immer für Andere bin.“[32] „Jeder Blick gibt uns Bewusstsein davon, dass es Andere gibt, für die ich existiere“[33].

 

Sind war aber so weit, dann können wir auch noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass „man“ mich anblickt. Das ist insofern korrekter als der Voyeur beispielsweise ja jemanden zu hören meinte; einen nicht näher zu bestimmenden Anderen. Indem er den Anderen also verschwinden lässt, ist auch die Frage nach Subjekt und Objekt wieder oder weiter offen, weil das „Objekt-sein-für-andere“ ein Zustand ist, der immer andauert, aber keinen konkreten Auslöser haben muss. Anders herum, das ist ja ein ewiges Hin und Her, kann es auch wieder zur anderen Seite kippen: Das „man“ muss sich dann augenblicklich auflösen, wenn ich einen konkreten Anderen wahrnehme.

 

 

 

VI. An-Sich

Wir haben also, das ist das Fazit, unser Für-Andere-sein enthüllt, haben über den Blick Bewusstsein vom Anderen bekommen und dadurch, dass wir für-Andere sind haben wir wiederum Bewusstsein von uns selbst erlangen können. Für-mich war ich mir meiner schon immer bewusst, jetzt habe ich auch Gewissheit, dass ich und was ich bin. Was ich bin, sagt mir das an-sich, es sagt mir jetzt dies und im nächsten Moment das, es taucht auf, verschwindet, macht Neuem Platz, das seinerseits ersetzt wird und so weiter.

 

VII. Nichts

Bleibt also meine letzte Frage, eigentlich als Anhängsel, weil ich es früher hätte bringen können, vielleicht sollen, es passte aber nirgends wirklich hin. Hier können wir nun fragen, wie das Bewusstsein sein muss, wenn es immer wieder neu überbeschrieben werden kann. Wir sind natürlich bei der Frage, was das Nichts eigentlich ist. An dieser Stelle ist ja schon bei der Formulierung der Frage ein Einwand angebracht, den ich mit den Worten Dantos bringen möchte:

 

„Das Sein kann nur Sein hervorbringen. Das Nichts kann also (buchstäblich) nur durch Nichts hervorgebracht werden. Und weil wir es sind, durch welche das Nichts in der Welt erscheint, müssen wir so etwas ähnliches wie Nichts sein“.[34]

 

Die Entdeckung des Bewusstsein als Nichts hat Sartre wenige Jahre vor seinem Tod in den Gesprächen mit Simone de Beauvoir, die an die Zeremonie des Abschieds angehängt sind, als die entscheidende Entdeckung bezeichnet.[35] Die scheint ihn gleichsam sprachlos gemacht zu haben, denn er sagt weiter, er habe danach nur noch Dinge schreiben können, die mit der Philosophie verwandt waren.


Wie auch immer. Ich möchte dazu, zum Thema des Nichts mit einem Zitat von Sartre und einem Einwurf von Danto schliessen. Es fasst einerseits das ganze Kapitel gut zusammen und erläutert andererseits recht ausführlich das Nichts:


 

„Alles geschieht so, als ob ich eine Seinsdimension hätte, von der ich durch ein radikales Nichts getrennt wäre: und dieses Nichts ist die Freiheit des Anderen; der Andere hat mein Für-ihn-sein zu machen, insofern er sein Sein zu sein hat. So engagiert mich jede meiner freien Verhaltensweisen in eine neue Umgebung, wo schon die Materie meines eigenen Seins die unvorhersehbare Freiheit des Anderen ist. Und dennoch beanspruche ich durch meine Scham diese Freiheit des Anderen als meine, behaupte ich eine tiefe Einheit der Bewusstseine [...], denn ich akzeptiere und will, dass die anderen mir ein Sein verleihen, das ich anerkenne.“[36]


„Wenn also“, schreibt Danto. „das Bewusstsein nicht-x ist, wobei x das Objekt des Bewusstseins sein soll, dann ist dieses Nicht-x-sein notwenig etwas, dessen wir uns bewusst sind.“ Und weiter: „In eben diesem Sinne ist das Bewusstsein eine Art des Nichts: kein absoluter Mangel, keine qualitätslose Nihilität, sondern ein transitives Nichts; ein Nicht-Dies, ein Nicht-Das gegenüber jedem gegebenen Dies oder Das“[37]. Und gleichzeitig schreibt Danto, und Sartre würde das wohl eingestehen, ist das ein grosser Schwindel, weil ich diese verschiedenen Nichtungen ja auch bin, wenn die Analyse Sartres überhaupt korrekt ist.


 




[1] Peter Leusch: „Ist die Vernunft egozentrisch? Die Missachtung des Anderen in der Philosophie“. In: Studiozeit. Deutschlandfunk, 18. November 1999.

[2] Jean Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Versuch eine phänomenologischen Ontologie. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Philosophische Schriften 3. Herausgegebenen und übersetzt von Traugott König. Reinbek: Rowohlt, 1991. S. 463.

[3] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 462.

[4] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 457.

[5] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 462.

[6] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 464.

[7] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 464.

[8] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 465.

[9] Vgl.: Sartre: Das Sein und das Nichts,  467-469.

[10] Vgl. Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 465.

[11] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 466.

[12] Vgl. Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 497.

[13] Beide: Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 467.

[14] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 470.

[15] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 468.

[16] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 468.

[17] Jean Paul Sartre: Die Transzendenz des Ego. Philosophische Essays 1931-39. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Philosophische Schriften 1. Deutsch von Uli Aumüller, Traugott König, Bernd Schuppener. Reinbek: Rowohlt, 1991. S. 80.

[18] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 470.

[19] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 471.

[20] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 472.

[21] Sartre: Die Transzendenz des Ego, S. 86.

[22] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 472.

[23] Jean Paul Sartre: Der Existentialismus ist ein Existentialismus. Deutsch von Vincent von Wroblewsky In: ders: Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays 1943-1948. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Philosophische Schriften 4. Reinbek: Rowohlt, 2000, S. 145-192. S. 149.

[24] Vgl. das Kapitel Die Unaufrichtigkeit in Das Sein und das Nichts, S. 119-160.

[25] Vgl. Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 473.

[26] Vgl. Arthur C. Danto: Jean Paul Sartre. Deutsch von Ulrich Enzensberger. Göttingen: Steidl, 1992. S. 132.

[27] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 495.

[28] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 496.

[29] Danto: Jean Paul Sartre, S. 140.

[30] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 494.

[31] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 496f.

[32] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 503.

[33] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 504.

[34] Danto: Jean Paul Sartre, S. 75.

[35] Simone de Beauvoir: Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre August - September 1974. Deutsch von Uli Aumüller und Eva Moldenhauer. Reinbek: Rowohlt, 1986. S. 229.

[36] Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 473.

[37] Danto: Jean Paul Sartre, S. 78.

 





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