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Die Sinnsuche des Menschen in der

"sogenannten Postmoderne"



I.

Die Frage scheint ganz banal: Wo ich nur noch zehn Minuten Zeit habe, bis ich nach x oder zu y aufbrechen muss, macht es da noch Sinn, dieses oder jenes anzufangen? So banal und harmlos diese Frage klingt, sie ist doch eine von vielen Sinnfragen, mit denen der Mensch täglich konfrontiert ist. Nur ganz selten einmal kommt er von den kleinen Dingen zu den ganz großen, und kaum jemand mag etwa der Frage nach dem Sinn des Lebens lange ausgesetzt sein ohne eine Antwort parat zu haben. Denn unter dem Strich müssen all die kleinen wie großen Dinge eines bewirkt haben: Sie müssen dem Leben einen Sinn gegeben haben.

 

„Sinn“ ist eine Kategorie, die in der „sogenannten Postmoderne“ (Nilkas Luhmann) beständig untergraben wird. Da werden feste Bindungen gekappt, Instanzen aufgelöst und für nichtig erklärt, und was früher von wesentlicher Bedeutung war, ist heute kaum mehr als Material zum Spielen.


Nun ist diese gängige Formulierung des „postmodernen Zustandes“ nicht notwendigerweise maßgeblich für das wirkliche Leben. Doch wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Theoretiker beobachtet und Schriftsteller in Literatur umgesetzt haben, dann stellt sich in der Tat die Frage, wie es unter diesen Umständen noch möglich ist, nach Sinn zu suchen und tatsächlich fündig zu werden.

 

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, bedarf es zunächst einer Definition von „Sinn“. Laut Duden bezeichnet der Begriff den Zweck, Wert oder das Ziel von etwas. Es kann aber auch den gedanklichen Gehalt oder die Bedeutung einer Sache benennen. Wer immer es wagt, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen, bekommt üblicherweise wenig konkrete Antworten: „eine Familie gründen“, „gut leben“, „Spaß haben“. Das sind Ziele eines Lebens, die sich setzen und durchaus erreichen lassen. Wie ist es aber mit dem Wert, der Bedeutung oder dem Gehalt einer Sache? Die Vermutung liegt nahe, dass die genannten Zwecke und Ziele nicht schon an sich sinnstiftend sind. Denn die wenigsten werden zufrieden sein, wenn sie zwar eine Familie gegründet haben, aber ein unglückliches Familienleben führen. Wer gut lebt, der mag Spaß vermissen; wer Spaß hat, dem fehlen vielleicht vermeintlich wichtigere Dinge. Doch eine schwammige Antwort zu geben ist besser als gar keine. Sinn in seinem Leben zu finden, ist ein Grundbedürfnis. Eines, von dem Nilkas Luhmann behauptet, es werde dem Menschen bloß unterstellt, gleichsam untergeschoben. Das mag stimmen, wenn man nach „dem Sinn“ im Leben „des Menschen“ fragt. Denn, so Luhmann weiter, „der Mensch“ sei eine Fiktion, der keine Realität entspräche. So global also die Frage formuliert ist, so konkret muss die Antwort ausfallen. Denn was für einen Menschen wichtig ist und was seinem Leben Sinn stiftet, das bestimmt jeder Mensch selbst.

 

Doch das macht die Aufgabe nicht einfacher. In der sogenannten Postmoderne ist "Sinnverlust" eines der Schlagworte. Es bezeichne, so Dirk Baecker, nichts anderes als die von Hegel benannten "Entzweiung", das Auseinandertreten von wahrgenommenem und kommuniziertem Sinn. Nur gebe es keinen Mangel an Sinn, sondern eine unvermittelte Überfülle. Zur Fragmentalität der Postmoderne gehört, dass sie kein allgemein akzeptiertes Weltbild anbietet. Und wo früher die Religion einen Rahmen spannte, unter dem bestimmte Fragen beantwortet wurden und andere gar nicht gestellt zu werden brauchten, ist heute der Mensch gezwungen, sich diesen Rahmen selber zu basteln.

 

 

II.

Der Begriff des Rahmens ist wesentlich für Charles Taylors Argumentation in seinem Hauptwerk Die Quellen des Selbst. Neben dem "Rahmen" benutzt Taylor den "Horizont", beide Begriffe lassen sich nur schwer voneinander abgrenzen und erscheinen vage. Doch wir werden sehen, wie wesentlich es ist, dass sich der Rahmen eben nicht eindeutig bestimmen lässt.

 

Schauen wir zunächst, wie Taylor den Rahmenbau angeht. Er verknüpft in einem ersten Schritt die Frage nach dem Sinn (Was will ich?) mit der nach der Identität (Wer bin ich?). Erst wer sagen könne, wer er ist, der wisse auch, wonach er zu suchen habe. Die erste Frage, die sich stellt, ist also grundlegend: Als wer stelle ich überhaupt die Frage nach dem Sinn? Ich möchte es vermeiden, hier weiter in Definition und Debatte von „Identität“ einzusteigen, weil ich denke, dass das für unsere Frage nicht notwendig ist. Festhalten möchte ich lediglich Taylors Eingrenzung, nach der unsere Identität ausmacht, in welchem Masse uns bestimmte Dinge von Bedeutung sind. Wer nie Spaß am Reisen gehabt hat, der wird in einem ausgedehnten Abenteuerurlaub im Regenwald wahrscheinlich wenig Erfüllung finden. Und wer am liebsten den ganzen Tag Sport treibt, mag die Vorstellung befremdlich finden, einen ganzen Tag lesend in einer Bibliothek zu sitzen. Die Suche nach Sinn kann also nicht nur aufgrund von persönlichen Unzulänglichkeiten scheitern, sondern, so Taylor, eben gerade deswegen, weil ich die Suche falsch angegangen bin, weil der vermeintliche Sinnlieferant eben nicht von entscheidender Bedeutung für mich war.

 

Bevor ich also daran gehe, Sinn zu finden, muss ich erst einmal sehen, was überhaupt wichtig für mich ist, muss in einem ersten Schritt ein Ziel definieren, einen Zweck in etwas sehen, um dann in einem zweiten oder dritten Schritt Sinn daraus zu schöpfen. Sinne ergibt sich also aus etwas, Sinn erhält man immer frühestens im zweiten Schritt, als Folge von etwas. Wenn ich anfange, meinen Rahmen abzustecken, beginne ich Unterscheidungen zu treffen zwischen Dingen, für oder gegen etwas. Und auf Grundlage dieser Unterscheidung, treffe ich weitere Unterscheidungen. Nichts anderes nämlich ist der Rahmen: Er selbst liefert keinen Sinn, ganz so wie der gewöhnliche Bilderrahmen seine Bedeutung auch erst über das erhält, was er fasst. Der Rahmen, wie Taylor ihn versteht, ist nichts weiter als die besagte Unterscheidung, die Grundlage für weitere Unterscheidungen ist. Taylor spricht davon, dass es zuerst gelte, allgemeingültige Bindungen zu benennen, um anschließend partikulare Interessen herauszuarbeiten. So könne ich mich beispielsweise als Katholik sehen und konkreter als Katholik aus Quebec. Und wenn ich damit noch nicht zufrieden bin, dann treffe ich eben weitere Unterscheidungen. So ist der Rahmen ein komplexes Gebilde, das die unterschiedlichsten Ausprägungen haben kann, und das sich eindeutigen Beschreibungen dadurch entzieht.

 

III.

Bevor ich auf weitere Schritte des Rahmenbaus komme, die nun folgen können, da ich entdeckt habe, wie mein Rahmen ungefähr aussehen könnte, möchte ich kurz zu der Frage kommen, die sich spätestens an dieser Stelle aufdrängt: Warum genügt es denn nicht, einfach Katholik zu sein, seinen Rahmen und dadurch ein sinnvolles Leben? Warum weitere Eingrenzungen? Hat nicht Religion über Jahrhunderte den Rahmen geboten, gar Sinn?

 

Wer christlich lebt, der lebt gut. Am Ende seines Leben winkt der Eintritt ins Paradies. Über sein Leben wie das jedes anderen, wacht Gott, der Schöpfer und Lenker, er sieht alles und weiß alles. Und so gibt Gott den Menschen Sicherheit, weil sie wissen, dass er die Geschicke der Welt lenkt und sich um sie sorgt. Für Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk ist die Religion der umständliche Glaube des Menschen an sich selbst. In einem Gespräch zur Jahrtausendwende sagten sie, es sei dem Menschen so m?glich gewesen, ein wenig Vertrauen in sich herzustellen. Denn die Welt überfordere den Menschen. Er finde sich in einem unglaublichen Verspätung zur Schöpfung vor. Sie muss er erkl?rt haben und sich zudem so in die Schöpfungsgeschichte eingebaut wissen, dass er nicht als kleiner und unbedeutender Teil des Ganzen erscheint. Einmal als allgemein gültiges Weltbild akzeptiert, bot die Religion für jeden Menschen passende Erklärungen. In "religiösen Sinnsystemen", so Ronald Hitzler, habe der Mensch sich wohlgefühlt, weil hier die alltäglichen ebenso wie die außergewöhnlichen Existenzprobleme des Menschen ge- und erklärt wurden und es "verbindlich gemeinte" Lösungen zu deren Bewältigung bereitgestellt hatte.

 

Der „dem Menschen“ unterstellte Sinnbedarf, so Nilkas Luhmann in der Religion der Gesellschaft, sei schon die Deutung, auf welche die Religion die Antwort zu geben hoffe. Wenn die Religion aber anders herum verfuhr und sich die Frage nach der Entstehung des Universums stellte, weil Gott dessen Schöpfer war, steht der Mensch heute vor der Frage, wie das Weltall entstanden sein mag und muss die Antwort finden. Und wo die Religion für den Gläubigen am Ende des Lebens das Paradies versprach, muss der Mensch sich heute fragen, was der Tod eigentlich für ihn ist und welche Auswirkungen das auf seine Lebensführung hat.

 

Genauer auf Funktion und Bedeutungsverlust der Religion einzugehen, würde hier abermals zu weit führen. Daher belasse ich es bei diesem geradezu fahrlässig unzureichenden Abriss und möchte die Antwort auf die Frage, was Religion heute als Sinnlieferanten untauglich macht, so formulieren: Die Religion, so Charles Taylor, habe Existenzprobleme mit Globalbegriffen beantworten können, weil es nicht um Sinn ging, sondern darum, die Verdammnis auszuhebeln. Es ging um „den Menschen“, nicht die einzelne Existenz. Die Bewegung geht heute anders herum: Nicht das Weltbild bestimmt das Leben des Einzelnen, sondern der Einzelne sein Weltbild. Der Mensch, so Charles Taylor, befinde sich in einem Raum voller Fragen, und sei gezwungen, die Antworten nun selber zu finden. Natürlich steht es ihm noch immer frei, die von der Religion angebotenen Antworten für sich zu akzeptieren. Aber die Religion ist heute nur eine Möglichkeit von vielen, und ob ich mich für sie entscheide oder etwas anderes, das entscheide ich selbst.

 

 

IV.

Damit wären wir zurück bei der schrittweisen Erbauung eines Rahmens für unser Leben. Wir haben gehört, dass es im ersten Schritt notwendig war, das zu benennen, was für uns von entscheidender Bedeutung ist. Damit, so ging das Argument weiter, träfen wir also eine Unterscheidung, und auf dieser Unterscheidung weitere für oder gegen etwas. An dieser Stelle möchte ich nun wieder einsetzen.

 

Die Unterscheidungen sind immer solche, die zwischen Einstellungen und Ansichten wählen. Das können alte sein oder neue, meine eigenen oder solche, die ich mir von anderen zu eigen mache. Und es sind auch immer Entscheidungen für oder gegen alte Lebensentwürfe. Denn meine alten Entwürfe muss ich sinnvoll in den neuen einbauen. Ich kann sie als mehr oder weniger wichtige Stationen meines Lebens kennzeichnen, kann sie unbeachtet lassen oder gänzlich verwerfen. Wir befinden uns mitten im zweiten Schritt des Rahmenbaus, denn während wir bauen, müssen wir feststellen, dass das „Wer bin ich?“ immer auch heißt „Was bin ich geworden?“. Ich entwerfe eine narrative Darstellung meines  Lebens. Ich tue das immer mit Blick auf den jetzigen Standpunkt, und so passiert es, dass bestimmte Dinge passen und andere nicht. Sich einen Rahmen bauen hei?t also ganz konkret: Sich einen Rahmen zusammenschreiben, ausdenken, fingieren.

 

Den Sinn meines Leben bestimme ich selbst. Solange ich keinen Sinn ausrufe, gibt es keinen. Und der Rahmen, den ich finde, kann letztlich die unterschiedlichsten Eigenschaften haben: Er kann rund sein oder eckig, verschnörkelt oder schlicht, bunt oder einfarbig, klein oder groß. Ich kann ein Bild (bei uns ist es eben das Leben) sogar kurze Zeit ohne einen Rahmen aufhängen. Doch aus allem, was wir bisher über den Rahmen gehört haben, folgt, dass wir ohne ihn letztlich nicht auskommen. Ohne Rahmen, so Taylor, stürze der Mensch ab in ein Leben, das spirituell sinnlos ist.

 

Während ich einen neuen Rahmen baue, den alten also auswechsele oder vielleicht nur ausbessere oder anmale, kann es sein, dass ich, wie Taylor schreibt, "ins Schwimmen gerate". Er benutzt dieselben Worte wir Nietzsche in der Fröhlichen Wissenschaft. Da stellte der "tolle Mensch" fest, es gebe nach dem Tod Gottes kein Land mehr, nur noch das Meer, und auch den Horizont habe der Mensch weggewischt, so dass die Orientierung unmöglich scheint. Denn wenigstens den Horizont braucht doch der Mensch, um eine Richtung zu finden, Ziele zu markieren und anzusteuern; um es zu erreichen oder nicht, aus den Augen zu verlieren, abzudrehen, ein neues zu suchen.

 

V.

Taylor bedauert zutiefst, dass das religiöse Weltbild an Wirkungskraft und Akzeptanz eingebüßt hat. Für das einzelne Leben lässt sich die religiöse Funktion, wie sie die Religion ausgefällt hat, kaum ausgleichen. Bei der Frage, was in dieser Situation bleibt, um wenigstens ein wenig die Orientierung zu behalten, kommen wir zum letzten Schritt des Rahmenbaus. Taylor führt hier den Begriff des Gesellschaftlichen ein. Einmal ins Schwimmen geraten, muss ich den Blick auf das richten, was außerhalb meiner selbst passiert. Gerade weil der Mensch eben keine Identitätssuche um Sinne stabiler Merkmale betreibe, so Hans Joas, sei es wichtig, dass er den Blick auf das richte, was um ihn herum passiere. Der Blick für den Anderen und das nicht zum Selbst gehörige sei Voraussetzung für einen kreativen und schöpferischen Umgang mit sich selbst. Es gelte, sich von der eigenen Lebensführung einerseits und den Lebensläufen Anderer inspirieren zu lassen. Die nötige Selbstveränderung, so Joas, dürfe man nicht durch Beharren auf der gefunden Lösung verhindern.

 

Joas schreibt hier ganz im Sinne von Taylor, der von der nötigen Orientierung im moralischen Raum spricht. Denn Moral hat für die beiden nicht nur mit Achtung vor anderen zu tun, sondern auch mit Fragen, welche die eigene Lebensführung betreffen. Mit dieser generellen Orientierung geht unser Rahmenbau einfacher. Natürlich ist nicht garantiert, dass das Ergebnis uns überwältigt. Vielmehr haben wir ja eben nicht mehr gemacht als dies: den Rahmen abgesteckt. Wie wir ihn füllen, das müssen wir selbst entscheiden.

 

   

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