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Wie die Postmoderne durch die Affäre um das Geld der CDU neu auflebt
Die Postmoderne am Ende?
„Ach, was ich Sie noch fragen wollte, Frau Löffler“, sagte Marcel Reich-Ranicki listig grinsend im Literarischen Quartett, „ist das noch ein postmoderner Roman oder was ist das?“ In arger Bedrängnis entgegnete Sigrid Löffler, er solle doch damit aufhören, die Postmoderne sei längst vorbei. Er habe sie nicht bemerkt, als es sie gab, warum solle er sich nun mit ihr befassen.
Es ist in der Tat einige Jahre her, dass ihr Literaten in den USA frönten und französische Philosophen den theoretischen Hintergrund lieferten. Regelmäßig wird zudem ein weiteres Ende der Postmoderne eingeläutet. Schließlich zog auch in Deutschland der Merkur mit Unterstützung der Zeit Bilanz. Aber von einem Ende der Postmoderne konnte man in Deutschland kaum sprechen. Nein, die Postmoderne ist auch keineswegs vorbei, sondern hat Deutschland gerade erst erreicht vierzig Jahre nach Erscheinen der ersten postmodernen Texte.
Vieles ist ausgerechnet in Verlauf und Debatte der Affäre um Helmut Kohl und das Geld der CDU im besten Sinne postmodern. Vieldiskutierte Phänomene und Konzepte werden aufgegriffen und umgesetzt, angefangen beim Tod von Autor und Subjekt. Auch Geschichtsschreibung ist offensichtlich obsolet geworden und das freudige Spiel mit Zitaten und Sprache hat begonnen schauen wir uns ein paar Beispiele an.
Eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit.
Die Schriftsteller, so Philip Roth 1961, hätten schon genug damit zu tun, diese furchtbare Realität überhaupt nur zu begreifen. Da gebe es täglich neue Personen und Geschichten, schrieb er, von denen er sich wünsche, er selbst hätte sie erfunden. Roth demonstrierte das einfachste Merkmal der postmodernen Realität, wie sie nun in Deutschland vorherrscht: Sie überragt uns alle, ist groß und undurchsichtig. Schriftsteller kapitulieren vor ihr, und sollten sie doch eigentlich bestimmen. Die Schreiberlinge fühlen sich entmutigt und können dem Ganzen, wenn überhaupt, dann nur zuschauen.
Nehmen wir Günter Grass. Oskar Lafontaine konnte er nach dessen Rückzug noch in schon legendären Sätzen raten, das Maul zu halten, Wein zu trinken und Urlaub zu machen. Mit Volker Rühe begrüßte Grass später einen „Rambo“ in Schleswig-Holstein, dessen Wahlsieg, so der Autor, den Untergang der Republik nach sich ziehen werde. Zum Glück ist es so weit nicht gekommen.
Der Literaturwissenschaftler und Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer hatte schon vor Jahren attestiert, Grass sei intellektuell wie künstlerisch naiv und überfordert. Aber Bohrer irrte. Grass hat lediglich vor der Realität kapitulieren müssen und daher das Spiel mit Zitaten eröffnet. Er benutzt Phrasen, wie sie zuvor wörtlich von politischen Gegnern von Adenauer bis Hintze zu vernehmen waren und imitiert immer wieder sich selbst wie er einen engagierten Schriftsteller imitiert. Dass Grass trotzdem noch nicht ganz aufgegeben hat, zeigte sich, als er Rühes Holsteiner Partei die „Barschel-CDU“ nannte. Wie die eigentlich aussah, wissen wir bis heute nicht genau, nur dass sie irgendwie mit der Schweiz zu tun hatte und mit einem Ehrenwort. Das trifft ja ein wenig den Zustand der CDU heute. Für das Geld sorgte damals allerdings die SPD.
Das Spiel mit Zitaten.
Die Schriftsteller sind also durch die Realität offensichtlich überfordert. Daraus ergibt sich eine wesentliche Spielart der Postmoderne. Statt Neues zu erfinden, benutzen sie bereits Ausgedachtes und stellen es in andere Zusammenhänge. Alles ist Material und alles zitierbar, auch Dinge, die bisher Tabu waren. Als der Sprachkünstler Franz Müntefering sagte, die CDU habe die Wahl zwischen Pest und Kohl-Ära, da war das nicht nur ein doppeltes Zitat, sondern verhohnepipelte auch noch ein altes Sprichwort. 1997 fuhr die Kamera in Wolfgang Beckers Film Das Leben ist eine Baustelle an einem Bauzaun entlang, auf dem stand: „Liebe zu Zeiten der Kohl-Ära“. Das war ein verfremdetes Zitat, denn der Titel Die Liebe in den Zeiten der Cholera stammt von Gabriel Garcia-Marquez. Müntefering bediente sich also dieser beiden Quellen und des netten Sprichworts mit der Wahl zwischen Pest und Cholera.
Da wollte die hessische CDU in nichts nachstehen, auch sie ging ganz ungezwungen mit altbekanntem Material um. Der frühere Schatzmeister Prinz Casimir zu Sayn-Wittgenstein sprach von Vermächtnissen jüdischer Emigranten, von Holocaust-Opfern aus Südamerika, die seine CDU immer wieder vor dem Bankrott gerettet hatten. Das war gewagt, weil da ein echtes Tabuthema aufgegriffen wurde. Spielchen mit dem Holocaust verbieten sich, gerade in Deutschland, eigentlich aus allzu offensichtlichen Gründen.
Geschichtsschreibung wird obsolet.
Hier wird noch einmal deutlich, was die klassischen postmodernen Autoren schon vor Jahrzehnten erkannt hatten: Solch ungezwungener Umgang mit dem Material lässt Geschichte zu Fiktion werden. Geschichtsschreibung ist obsolet geworden, Metaerzählung ade, wer soll denn dem Ganzen auch noch trauen. Die CDU musste damit beginnen, ihre mehr oder weniger ad acta gelegte Geschichte der letzten zwanzig Jahre mühsam zu rekonstruieren und umzuschreiben. Da Wittgenstein und sein Finanzberater Horst Weyrauch mit solchen Aktivitäten gerechnet hatten, wollten sie schon vor Jahren die Geschichte ihrer Erbschaften solide begründen und ihre verstorbenen Holocaust-Opfer in Paraguay ansiedeln. Wer immer dann an der Herkunft der Gelder zweifeln sollte, der konnte sie nachprüfen, und würde auf echte Totenscheine stoßen. Dass es dabei keine echten Menschen für die echten Dokumente gab, das wäre ja dann vielleicht niemandem aufgefallen. Konsequent postmodern: Geschichte schreiben wir uns einfach selbst. Martin Walser hatte 1998 noch arge Probleme, gute Belege für seine Behauptung zu finden, Auschwitz werde für gegenwärtige Zwecke instrumentalisiert. Wittgenstein und Konsorten schienen ihn hier auf eine ganz irre Art bestätigen zu wollen. Und Roland Koch verbat sich sogleich, seinen Landesverband dafür zu geißeln, so etwas wie „Kollektivschuld“ gebe es auch für die CDU nicht. Der Filmwissenschaftler und Kulturkritiker Georg Seeßlen macht hier den faschistischen Kern der Affäre aus: „Die eigene verbrecherische Tat wird nicht nur den Juden angelastet, sie begehen die Tat sogar als Sühneopfer, vermutlich aus schlechtem Gewissen darüber, dass sie Deutschland verlassen haben.“
Nun sind Wittgenstein und Weyrauch wahrlich keine Schriftsteller. Sie treten vielmehr in Konkurrenz zu den Autoren, für die Roland Barthes bereits 1968 den letzten Ausweg ersann: den fingierten Rückzug. Aber auch dabei sind die Schriftsteller in der CDU-Affäre nicht allein, denn hier taucht Helmut Kohl selbst gleich mehrfach auf. Von Beginn an ist er Autor und Subjekt seiner eigenen Spendenaffäre. Er ist derjenige, von dem sie handelt, und derjenige, der handelt. Gleichzeitig ist er aber in beiden Rollen abwesend. (Wir haben es, und da werden wir für einen Satz philosophisch, mit der Anwesenheit einer Abwesenheit zu tun.)
Helmut Kohl als postmoderner Held?
Es mag verwundern, Helmut Kohl nun als Apologeten der Postmoderne in Erscheinung treten zu sehen. Eben jene Postmoderne sah der Herausgeber des Kursbuchs, Karl Markus Michel, nämlich noch 1987 an Kohl scheitern. Zwar habe der Terror der Authentizität ein Ende gefunden, indem die Gesellschaft sich hinter ihre Fassaden zurückzog. Auf politischer Ebene aber sei, so Michel, eine nationale Fassade an Helmut Kohl gescheitert. Er schlug vor, Christo solle den damaligen Kanzler verpacken.
Ein Trick, den Kohl nun also auf seine, eben doch postmoderne Weise anwendet. Schon zu Beginn der neuesten Affäre verschwand er einfach von den Bildschirmen. Tod von Subjekt und Autor in einem, das ist schon fast eine Weiterführung der Postmoderne. Während die Affäre der CDU immer verworrenere Wege nimmt, ist mit Helmut Kohl der Autor scheinbar verschwunden und überlässt den Roman sich selbst. Da es sich bei dem von Barthes beschworenen „Tod des Autors“ aber nur um ein Konzept handelt, das vollkommen umzusetzen keinem Schriftsteller gelingen sollte, bleibt auch Kohl im Hintergrund präsent als mächtiger Strippenzieher, der natürlich alles arrangiert.
Der Blick nach vorn gleicht dem Blick zurück. Was der britische Kulturwissenschaftler Stuart Hall 1989 zu den New Ethncities in England schrieb, das passt haargenau zum Zustand der CDU heute. Er habe, schreibt Hall, das sichere Gefühl, dass da etwas Neues anfange ohne es aber genau bestimmen zu können. Klar müsse hingegen sein, dass diese vermeintlich neue Phase die alte nicht einfach ersetze. Das ginge in der Politik überhaupt nicht, schrieb Hall, dass etwas Neues das Alte gänzlich ablöse, etwas bleibe immer zurück. Elf Jahr nach Halls Warnung muss das jetzt auch die CDU einsehen (und dass es elf Jahre sind, ist freilich kein Zufall). Halls Text, das ist noch anzumerken, war kein Beitrag zur Postmoderne, sondern zu den postkolonialen Theorien. Oder, postmodern ausgedrückt: den postkohlonialen.
in: kennedys friseur, Nr. 6, April 2000
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