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Ekkehart Krippendorff über Zornpotential an der Universität, Ehrlichkeit im Wahlkampf und "Jefferson und Goethe".
Sie schrieben in einem Artikel für den FREITAG, die Studentenproteste des vergangenen Winters seien zum Scheitern verurteilt, wenn die Studenten nicht die Weltrevolution entdeckten jene Weltrevolution, von der Rüttgers so froh war, dass sie nicht bemüht wurde. Meinen Sie auch im Nachhinein, die Proteste seien gescheitert, weil sie gesellschaftspolitisch blind waren?
Ja, ich fürchte schon. Das ist nach wie vor richtig. Sie haben das jetzt sehr vereinfacht und sehr verkürzt gesagt. Das wäre zu differenzieren und auszuarbeiten, aber in diese Richtung geht es meines Erachtens ganz bestimmt. In dieser Gesellschaft ist so viel schief und faul -grundsätzlicher Art. Die Krankheit der Universität ist ein Teil der gesamten Krankheit, ein Teil der vielen Krankheiten. Wenn man sich nicht einbindet in die anderen Krankheiten, und die beim Namen nennt, dann bleibt der Universitätsprozess isoliert.
In diesem Prozess hat man nie die Anstrengung unternommen, rauszukriegen, was eigentlich an dieser Universität krank ist, wo die Krankheit dieser Universität herkommt. Der Prozess ist nicht nur ein inner-universitärer, das muss man schon breiter sehen. Das Verhältnis von Universität und Gesellschaft, das Verhältnis der Universität zur Politik, und dann die Rückkopplung mit der Gesellschaft. Alles das muss man wenigstens ansatzweise mitbedenken bei diesem Prozess, anstatt zu sagen: Wir wollen mehr Hochschullehrer haben und mehr Computer, wollen BAföG voll restituiert bekommen, et cetera.
Die rein inner-universitären Forderungen also laufen leer, wenn sie nicht an das gekoppelt sind, was in der Gesellschaft passiert. Und das ist ein Grund dafür, warum die letzten Proteste leer gelaufen sind.
Der andere hat meines Erachtens - und das ist wiederum komplizierter - mit der Frage zu tun, wo es herkommt, dass die Studenten nicht genügend, sagen wir mal, Zornpotential haben. Zornpotential, das heißt etwas, was ein bisschen langlebiger ist, was nicht irgendwie als Strohfeuer zusammenbricht. Wenn man etwas verändern will, muss man einen langen Atem haben, muss man Geduld haben, muss man eine gewisse Kraft haben. Zur Frage, warum die das nicht haben, kann man vielleicht alle möglichen sozial-psychologischen Erwägungen anziehen. Das will ich jetzt nicht unbedingt tun.
Aber die hatten nicht die Härte und die Energie, sowas wirklich langfristig durchzuhalten. Wenn man länger durchgehalten hätte, wären auch die anderen gesellschaftspolitischen Fragen hochgekommen. Dann hätte man die diskutieren müssen. Aber vielleicht ging es ihnen immer noch zu gut. Deswegen war der Zorn eben nicht ein ganz großer.An der TU gibt es das Projekt Absolute Mehrheit noch immer. Der Versuch, die FDP zu unterwandern und dort die Mehrheit zu erlangen, ist aber gescheitert. Auch sonst ist nichts von den Protesten geblieben. Denken Sie, dass jetzt für längere Zeit Ruhe ist?
Ob ich das denke oder nicht, ist ziemlich uninteressant. Ich hoffe, dass es nicht so ist. Ich bin kein Prophet. Ich stelle nur fest, dass es immer wieder in Wellen dieses Aufbegehren gegeben hat. Das ist immer wieder zusammengebrochen. Das heißt nicht, dass man jetzt sagen müsste, es habe keinen Zweck. Ich kann nur hoffen, dass vielleicht eine spätere, eine neue Studentengeneration, etwas mehr von der Energie dieses Zorns verspürt, und dann die Sache noch mal aufrollt.
Aber man kann nicht beides haben. Man kann nicht den bequemen Wohlstand haben, und das bequeme BAföG, et cetera, und gleichzeitig die Universitäten verändern wollen, als Hebel zu einer weiterführenden gesellschaftlichen Veränderung. Es nur innerhalb der Universitäten besser haben zu wollen, ist eine kurzfristige Perspektive. Das ist gar keine gute Perspektive. Aber ich sage ja nicht, dass von jetzt ab gar nichts mehr passiert. Das zu sagen, wäre Unsinn. Angelegt ist es in dieser Gesellschaft, dass wieder etwas hochkommt. Wann und wie, unter welchen Umständen, weiß man nicht. Das weiß ich jedenfalls nicht.Die FU wird jetzt neu strukturiert. Das war am Ende der Studentenproteste praktisch beschlossen. Wie geht es weiter mit der FU, wohin entwickelt sie sich?
Man kann schon die Selbstkritik - und eine solche ist es - ansetzen bei Ihrer eigenen Formulierung: Wohin entwickelt sie sich. Sie entwickelt sich überhaupt nicht. Sie wird entwickelt. Sie wird so vor sich hin entwickelt. Das ist ein Krebs, der vor sich hinwächst, ein Geschwür, eine Krankheit. Es gibt keinen konstruktiven Plan.
Nun sage ich nicht, dass es ausschließlich die Schuld der Universitäten ist. Natürlich ist es eine Katastrophe, wie die Politik mit der Universität Fußball spielt, und dass sie die Universität als einen großen Steinbruch sieht, mit dem man machen kann, was man will; dass sie zwei Generationen von Studierenden, Hochschullehrern, et cetera, hier einfach kaputt gehen lässt. Dabei geht einer Gesellschaft auch ein großes Potential kaputt.
Aber ich will ja nicht ignorieren, dass die Selbstkritik von da erst einmal anzusetzen ist. Die Universität ist deswegen schwach - und als solche Spielball der Politik geworden - weil sie selber zu wenig konstruktive Gedanken darüber entwickelt hat, wie sie sich entwickeln will. Was sollen ihre Perspektiven sein in dieser Gesellschaft? Was sind ihre Vorstellungen? Wenn man zwei hätte, könnte man die gegeneinander stellen. Wenn man das hat, was die Universität will, und das, was die Politik will, dann kann man sagen, wir wollen einen Kompromiss finden. Oder aber die einen setzen sich durch, und die andern nicht. Aber die Universität hat nie etwas angeboten. Sie hat immer nur reagiert, zumindest in den letzten Jahren nur reagiert.
Die letzten zwei, wenn Sie so wollen, großen Versuche, der Universität wieder Perspektive zu geben waren diese: Ein großer war der 1968/69/70. Das war also am Ende der Studentenbewegung, als die übergeleitet wurde in die Hochschulreformbewegung von 1969/70/71, und die großen Reformuniversitäten. Das war noch eine Zeit, in der von der Universität aus Perspektiven entwickelt wurden. Leider sind diese Perspektiven -und die der Studenten kamen von unten, nicht vom Establishment der Professoren und der Hochschullehrer- weitgehend gekappt worden. Das geschah auch durch das Bundesverfassungsgericht, durch die Entscheidung, dass die Drittelparität verfassungswidrig sei, et cetera.
Und der zweite, etwas weniger langlebige Versuch einer inneren Erneuerung der Universität, war 1987/88, dieser Streikwinter. Das war auch einer, der von der Universität ausging, der nicht dadurch motiviert war, dass wir unser BAföG retten wollen, sondern der war motiviert von einer inneren Erneuerung der Universität mit Perspektiven. Aus dem Streik sind ja hervorgegangen und übriggeblieben die die selbständigen autonomen Projekttutorien.
Das waren die letzten zwei Male, bei denen eine studentische Generation gewissermaßen eine Liebeserklärung gemacht hat an die Universität: Das ist unsere Universität, wir wollen sie haben, wir haben eine Perspektive.
Eine solche Perspektive war bei diesen letzten Streiks schon gar nicht mehr vorhanden. Und die Universität selber hat im Moment überhaupt keine eigene Perspektive, von der aus sie sagt: Das wollen wir. Wobei die Universität eigentlich ihr hochschulpolitisches Personal, einschließlich derer, die Hochschulpolitik machen, und die Universitätsverwaltung ausmacht. Die sagen immer nur: Das wollen wir nicht. Wir wollen nicht gekürzt werden, wollen dies und jenes nicht. Aber Negation ist noch keine eigene Perspektive.
So kann ich nicht sagen, wohin sich die FU entwickeln wird. Ich kann nur fragen, wie groß der Leidensdruck ist, bis die Universität endlich mal sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Ab und zu haben sie das ja mal gesagt. Und dann sind sie doch immer noch weiter gegangen.
Wir sind natürlich am schwachen Arm, weil wir keine eigenen Ressourcen haben. Wir sind abhängig von dem Budget, das uns gegeben wird. Aber das erklärt es nicht. Das ist keine genügende Erklärung, warum die Universität doch immer wieder nachgibt, und so mit sich umgehen lässt.Im FREITAG haben Sie die Debatte Letzte Ausfahrt Weimar angestoßen. Sie sagten im abschließenden Interview, es müsse wieder eine Kongruenz geben zwischen dem, was wir sagen und was wir tun. Gerade wenn man sich den Wahlkampf in der Bundesrepublik ansieht, scheint die Erfüllung dieses Anspruchs durch die Politiker in weiter Ferne.
Ja, diese Kongruenz ist überhaupt nicht da. Die lügen bewusst, und sagen Unwahrheiten. Die sagen Sachen, von denen sie wissen, dass sie nicht stimmen. Stichwort Rote-Socken- und Rote-Hände-Kampagne: Die wissen ganz genau, dass es natürlich völliger Quatsch ist, zu sagen, es sei der Tiefpunkt der Demokratie seit 1933, wenn die PDS stillschweigend oder zustimmend den Höppner unterstützt. Die wissen ganz genau, dass das völliger Unsinn ist, aber sie hoffen, damit billige Stimmen zu bekommen. Insofern ist das eine Katastrophe. Wenn der Wahlkampf auf diesem Niveau geführt wird, und die gewichtigen Themen ausgeklammert werden, solche Pseudothemen ideologischer Art dominieren, dann ist das eigentlich der Ruin der Republik, und nicht, was diese armselige PDS da tut.
Eine Politik, die fünf Millionen Arbeitslose nicht zum Skandal ihrer selbst macht, hat sich diskreditiert, sagen Sie weiter. Ein siegesgewisser Gerhard Schröder hat vor kurzem erklärt, dass wenn es der SPD nicht gelänge, die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen sie in vier Jahren wieder abgewählt werde, und das dann auch gut so sei. Ist das eine neue Ehrlichkeit oder auch nur der Versuch, Wählerstimmen zu ködern?
Ich traue dem Schröder nicht, was immer er sagt, auch wenn er was richtiges sagt. In diesem Falle ist es etwas richtiges. Aber das sagt er ja nur erst einmal, um an die Regierung zu kommen. Und wenn man da ist, dann kann man immer sagen: Es ist uns leider nicht gelungen, wir haben unser bestes versucht, aber dafür haben wir andere Meriten.
Ich glaube, die Erklärung hätte der Kohl abgeben müssen: Ich hab euch das versprochen, es ist mir nicht gelungen, es tut mir leid, ich trete nunmehr zurück, lasst andere dran. Das wäre eine ehrliche Erklärung, die ihn ehren würde, und für die er sich nicht einmal schämen müsste. Aber wenn der Schröder das sagt, nehme ich ihm das nicht ab. Und das kann man auch nicht sagen, wenn man das nicht wahltaktisch meint.Ich würde gern noch ein anderes Thema ansprechen. Das Seminar Jefferson und Goethe finde ich sehr originell. Aber auf mich wirkte das zunächst wie ein Versuch, Goethe bei den Nordamerikanisten unterzukriegen. Sie haben im Kommentar geschrieben, dass da auf den ersten Blick wenig Zusammenhang besteht. Was hat Sie dazu bewogen, Jefferson und Goethe in einem Seminar zu behandeln?
Diese Figur von Jefferson ist eine wichtige Figur der Aufklärung. Jefferson ist ein Mann, der in die Politik geht, der gleichzeitig ein Gelehrter ist, ein universal gebildeter Mann. Er will Verantwortung für ein Gemeinwesen übernehmen, und hat gleichzeitig wissenschaftliche Interessen, literarische etwas weniger. Und seine Jahresdaten stimmen zufällig mit den Goethischen überein.
Mein Interesse an Goethe ist ja auch kein philologisches. Mein Interesse an Goethe ist eins an dem politischen Goethe, dem Minister und Wissenschaftler. Ein Politiker und ein Wissenschaftler, die zur gleichen Zeit leben und sich gesellschaftlichen Herausforderungen stellen -da sehe ich einen interessanten Versuch, beide in eine Beziehung zu setzen, einander zu spiegeln. Goethe war sehr aktiv an Amerika interessiert, hat sehr viel über Amerika gelesen, und alle amerikanischen Besucher befragt. Er hat sogar selbst mal vorgehabt, nach Amerika auszuwandern.
Aber noch wichtiger ist es mir, zwei große Persönlichkeiten, die gerade zunächst einmal nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, in eine solche Beziehung zu setzen. Und das ist nicht ein Versuch - das hab ich nicht nötig - Goethe in die Nordamerikanistik einzubringen, sondern es interessiert mich genuin. Ich glaube, es ist gut für beide. Man lernt den Jefferson besser kennen, und vielleicht auch den Goethe.aus: Kennedys Friseur Nr. 3, SoSe 1998
http://userpage.fu-berlin.de/~fsijfk/fsi/news/issue_3.html#ecki
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