Die Wahrheit ist irgendwo da draußen.

Wie ein Student ins Zentrum einer Verschwörungstheorie geriet.  

Die Arme zu den Seiten ausgestreckt, mit beiden Händen je ein „V“ in die Luft zeichnend und ein Lächeln auf den Lippen: Richard Milhous Nixon wie ein strahlender Sieger beim Verlassen des Weißen Hauses am 6. August 1974. Sein Rücktritt zuvor war eine Spätfolge zweier Einbrüche ins Watergate-Hotel.

Kaum ein Polit-Skandal ist bekannter als der, über den Richard Nixon stürzte. Aber über kaum einen ist in der breiten Öffentlichkeit auch weniger bekannt. Auf die Frage „Was war Watergate?“ werden die meisten antworten, da seien ein paar Leute in ein Hotel eingebrochen, und weil Nixon das vertuschen wollte, musste er zurücktreten. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Im Watergate-Skandal ging es um weit mehr als einen Einbruch. Folglich wollte auch Nixon weniger den Einbruch vertuschen als all die Machenschaften, die dahinter standen und die er gern weiter im Dunkeln gewusst hätte.

Wer heute von Watergate spricht, der hat ganz sicher den Film im Hinterkopf, den Alan J. Pakula nach dem gleichnamigen Buch „All The President’s Men“ (deutsch: „Die Unbestechlichen“) drehte. Er zeigt den Skandal aus der Sicht der Washington Post-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein. Die beiden sind Heroen des investigativen Journalismus. Laut Film ist dies die Geschichte des Skandals:

Als die fünf Watergate-Einbrecher erstmalig vor Gericht gehört werden, ist Woodward im Saal und hört mit, wie einer von ihnen angibt, für den amerikanischen Geheimdienst CIA gearbeitet zu haben. Woodward und Bernstein erfahren auch, dass das FBI in den Notizbüchern der Einbrecher auf den Namen Howard Hunt gestoßen ist. Hunt war während der Prozesse um die Veröffentlichung der Pentagon Papers als Berater im Weißen Haus tätig. Die Recherchen führen sie weiter zu einem hochrangigen Berater des Präsidenten, Charles Colson, und zu Kenneth H. Dahlberg, dessen Geld auf zunächst ungeklärte Weise beim Komitee zur Wiederwahl des Präsidenten (CREEP) gelangt war.

Als die Reporter den Chef des Komitees, den Justizminister John Mitchell, überführen können, endet der Film und erzählt den Rest in Form von Pressemitteilungen: Dass Mitchell und zahlreiche andere enge Vertraute Nixons ihre Ämter aufgeben mussten, dass sie schließlich vor Gericht gestellt und in den meisten Fällen auch verurteilt wurden. Und dass schließlich auch Nixon selbst zurücktreten musste. Von diesen Meldungen abgesehen, kommen weder die Männer des Präsidenten, noch Nixon selbst im Film vor. Was ihn am Film irritiere, schrieb der Kulturkritiker Frederic Jameson, sei nicht nur das völlige Fehlen von echten Vergehen, sondern auch dass es fast so scheine, als seien die Männer des Präsidenten nur Phantome.

Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass die beiden Reporter ihre Informationen und wichtigen Hinweise von einer ominösen Quelle bekamen, die sich „Deep Throat“ nannte und bis heute nicht identifiziert ist. „Folgt der Spur des Geldes“, hatte sie am Anfang geraten und der Hinweis brachte den Durchbruch. Watergate war vor allem ein Fall illegaler Parteienfinanzierung. Was genau aber illegal war und wo das Geld weswegen eigentlich nicht hingelangen durfte, das wird im Film nicht wirklich klar. Auch die Frage, was der Einbruch mit alledem zu tun hat, bleibt kaum beantwortet. Auf wundersame Weise aber ist der Film trotzdem spannend und faszinierend wie kaum ein anderer.

Allerdings sehen die meisten Watergate-Forscher die Rolle von Woodward und Bernstein weitaus nüchterner als die heroisierende Hollywood-Version vermuten lässt. Tatsächlich hätten die beiden, so die Gegenposition, zur Aufdeckung der Affäre wenig beigetragen und hauptsächlich Interna aus den umfassenden Ermittlungen des FBI veröffentlicht. Len Colodny und Robert Gettlin gingen mit ihrer Kritik am weitesten. Sie verwendeten in ihrem 1991 erschienenen Buch „Silent Coup. The Removal of a President” (St. Martin’s Press) beträchtliche Mühe darauf, die Reporter zu widerlegen. Das war nur folgerichtig, denn ihre Geschichte war eine gänzlich andere: Das Geld, mit dem die Recherchen von Woodward und Bernstein ins Rollen kamen, erwähnen Colodny und Gettlin genau einmal. Ansonsten hat laut ihrer Watergate-Version Woodward selbst zur Vertuschung des Skandals beigetragen hat – indem er schlicht die falsche Geschichte erzählte, die ihm prompt fast jeder glaubte.

Colodny und Gettlin machen eine große Verschwörung im Weißen Haus aus. Geschah der Einbruch ins Watergate-Hotel 1972 nicht in Wirklichkeit, um Beweise für einen Prostituiertenring verschwinden zu lassen? Steckte Nixons Rechtsberater John Dean hinter den Einbrüchen, weil seine Freundin (und spätere Frau) Kontakte zu dem Ring hatte? Und ist Nixon somit über eine Affäre gestolpert, die eigentlich nicht seine eigene war?

Die Geschichte des Prostituiertenrings ist ein wenig abenteuerlich. Der Staatsanwalt Phillip Mackin Bailley soll dem im Watergate-Hotel residierenden Nationalkomitee der Demokratischen Partei (DNC) die Dienste des Rings angeboten haben. Chefin der Prostituierten war eine Frau, die sich Erika L. „Heidi“ Rikan nannte. In ihrem Adressbuch fand sich der Name „Clout“. Und „Clout“ wiederum war in Wirklichkeit Maureen „Mo“ Biner, die eine Wohnung mit Rikan teilte, später John Dean kennen lernte und heiratete. So weit, so kompliziert. Natürlich wollen Colodny und Gettlin die Vermutung nahe legen, dass Maureen Biner selbst sich als Callgirl verdingt hat. Als Maureen Dean schrieb sie, wie alle auch nur peripher Beteiligten, ein Buch über Watergate: „Mo, A Women’s View On Watergate“.

John Dean, so „Silent Coup“, wollte ohne Nixons Wissen das Watergate-Hotel verwanzen, um mit Hilfe des Prostituiertenrings sexuelles Belastungsmaterial gegen den politischen Gegner zu bekommen. Der Washington Star deckte einen Teil der Machenschaften am 9. Juni 1972 auf und schrieb, dass unbestätigten Berichten zufolge Spuren in den Kongress und gar ins Weiße Haus führten.

Nach Erscheinen des Zeitungsberichts rief Dean den Chef der Einbrecher an, G. Gordon Liddy, um sich nach der Möglichkeit eines neuen Einbruchs zu erkundigen. Laut „Silent Coup“ war es Zweck des fatalen zweiten Einbruchs am 17. Juni 1972, herauszufinden, ob die Demokraten für die Informationen des Washington Star verantwortlich waren, und wie viel sie sonst von der Identität „Clouts“ wussten. Beweis-material sollte im Zweifelsfall entwendet werden. Der zweite Einbruch, das ist bekannt, ging schief und die Einbrecher wurden verhaftet. Was folgte, war der schwierige Versuch der Vertuschung, bei dem das Weiße Haus dem CIA empfahl, dem FBI zu bedeuten, der Geheimdienst sei involviert und habe kein Interesse an weiteren Enthüllungen. Der CIA hat aber nach jetzigem Erkenntnisstand nicht viel mit Watergate zu tun.

John Dean soll bei der Vertuschung nicht bloß beteiligt gewesen sein, sondern er selbst wird als Fadenzieher ausgemacht – zuerst, um seinen Einfluss im Weißen Haus zu stärken, dann, um ihn infolge der Affäre nicht zu verlieren. Auch die „Smoking Gun“, jenes Gespräch, in dem Nixon die Vertuschung anordnete, hat laut Colodny und Gettlin ebenfalls John Dean zu verantworten. Sie schreiben, Nixons Bemerkungen in jener Unterhaltung seien Produkt von Deans Betrug. Er habe den Präsidenten getäuscht und in eine Verschwörung hineingezogen, um die Justiz zu behindern. Somit also wäre der Präsident von einem Grossteil seiner Schuld befreit. Und da auch illegale Spenden in „Silent Coup“ nicht vorkommen, wäre doch kaum noch eine Illegalität der Rede wert.

Nach der Veröffentlichung von „Silent Coup“ haben John und Maureen Dean die Autoren verklagt und ihre Thesen bestritten. Sie verklagten Autoren und Verlag, still-schweigend einigten sie sich nach jahrelangem Rechtsstreit. Der Verlag willigte ein, das Buch nicht weiter zu vertreiben. Leonard Colodny aber ließ – von der Richtigkeit seiner Thesen überzeugt – fast sein gesamtes Recherchematerial ins Internet stellen. Er übergab es Dr. Peter Klingman, einem Historiker an der Universität South Florida (USF) und Autor eines einzigen Buches, das die Republikanische Partei des Staates erforscht. Er verwaltet seither die „USF Research Collection On The Nixon Presidency“ (www.lib.usf.edu/virtual/ldc/nixon) und richtete ein Internetforum zu „Nixon and Watergate-Issues“ (www.lib.usf.edu/virtual/ldc/nixon/nixon-l.html) ein.

Die Diskussion dort ist für alle offen. Und es gibt in der Tat noch einige Fragen, die klärungsbedürftig sind. Welchem Zweck dienten die beiden Einbrüche genau? Wo wurde wann welche Wanze deponiert? Und weswegen? Was wollte man erfahren? Wie wichtig war der Prostituiertenring? War Dean der Drahtzieher der Einbrüche oder das Weiße Haus, gar der CIA? Zu was waren die Einbrecher womöglich noch nicht gekommen, als sie überrascht und festgenommen wurden? Was wollten sie in diesem Büro und was in jenem? Und die Frage Colodnys war vor allem: Was wollten sie mit dem Schlüssel zum Schreibtisch der Sekretärin Ida „Maxie“ Wells? Waren in ihm die Fotos und Adressen des vermeintlichen Prostituiertenrings? Diese letzte Frage war in den letzten Monaten eine der drängendsten im Forum.

Frau Wells nämlich bestreitet, etwas mit Prostitution zu tun gehabt zu haben, und sieht ihren Ruf angegriffen. Immerhin unterrichtet sie inzwischen Englisch am Baton Rouge Community College, und eine solche Vergangenheit wäre ihr in dieser Position wenig förderlich. Weil einer der Watergate-Einbrecher, der jetzige Radiomoderator und Rechtspopulist G. Gordon Liddy, Colodnys These unterstützte und in seinen Sendungen verschärft wiederholte, verklagte sie ihn wegen Verleumdung auf fünf Millionen Dollar Schmerzensgeld. Die Verhandlung im Januar und Februar dominierte naturgemäß die Diskussion in Forum. Immer wieder schickte Colodny neue Berichte von Zeitungen und Agenturen in die Diskussionsrunde. Und am Ende, als die Klage abgewiesen wurde, weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten, da bedankte er sich für die Unterstützung, die ihm unter Umgehung des Forums „in Hunderten von Mails“ bekundet wurde. Denn mit Liddy hatte auch er gewonnen. Wells Klage wurde abgewiesen und, so die Washington Post, die Prostituiertenring-Theorie „aus dem Reich abwegiger Verschwörungstheorien herauskatapultiert.“

„Nenn mir eine Stelle aus Colodnys Buch und ich sage dir die Fehler“, sagt dennoch ein Student der Freien Universität Berlin, Jörg Zägel. Er vergleicht „Silent Coup“ mit den gefälschten Hitlertagebüchern des stern und ist empört über die „plumpe und unverfrorene Komplettfälschung der Vergangenheit“. Als Zägel sich vor vier Jahren entschloss, in Berlin mit Nordamerikastudien zu beginnen, faszinierten ihn vor allem drei Dinge: Der Mord an Kennedy, Vietnam und Watergate. In Nixons letzte Amtsjahre hat er sich verbissen, hat Erinnerungen gelesen, Biographien, FBI-Materialen und die Abschriften der Tonbandaufnahmen aus dem Weißen Haus, die letztlich Nixons Ende bedeuteten. Jörg Zägel las über all das, las die Zeugensaussagen und schaute ins Internet. Eines der Bücher, die er durcharbeitete, war „Silent Coup“. Für Zägel stand nach seinen Recherchen völlig außer Frage, dass Nixon für Einbrüche und Vertuschung verantwortlich war. Er fing an, im Internetforum mitzudiskutieren, gegen Colodny und dessen Thesen. Und so begann eine Geschichte, in der Zägel für John Dean gehalten wurde und Klingmans Berater werden sollte. Ihm drohte eine Anzeige wegen Verleumdung und er sollte vom selben Mann als John Dean überführt werden, der aufdeckte, dass Joe Klein von der New York Times den Schlüsselroman „Primary Colors“ geschrieben hatte.

Im August letzten Jahres hat sich Zägel erstmalig im Nixon-Forum engagiert, um mit Colodny über dessen Thesen zu streiten. Ursprünglich hatte Zägel nur an bestimmten Bausteinen des Theoriegebäudes etwas auszusetzen. Aber als Colodny jedes vorgebrachte Argument nicht mit Sachkenntnis und Fakten, sondern mit Sätzen wie „Mir Dir debattiere ich nicht!“ und „Du hast ja keine Ahnung!“ beantwortet habe, so Zägel, habe er Verdacht geschöpft. Er studierte Colodnys Material im Internet und meinte entdeckt zu haben, dass die Autoren sich im Notfall ihre Beweise einfach selbst produzierten. Wichtige Zeugen seien in Interviews in die Irre geführt und mit Fehlinformationen so verunsichert worden, dass sie sich plötzlich und erstmalig an 20 Jahre zurückliegende Details erinnerten. So liegt für Zägel die Ironie der ganzen Geschichte darin, dass Colodny, wie einst Nixon, in völliger Realitätsverkennung glaubte, das Material, das ihn als Schwindler überführt, würde seine Position stärken.

Getreu der Überzeugung von Verschwörungstheoretikern, wonach jede Verschwörung mit einer neuen vertuscht werden muss, warf Colodny „Joerg“ vor, er spiele ganz offensichtlich mit gezinkten Karten, benutze ein Phantasiepseudonym und versuche die Diskussion für dubiose persönliche Zwecke zu nutzen.

Er wisse viel zu viel. Dinge, die nur jemand kennen könne, der direkt in die Affäre involviert war, schrieb Klingman an Zägel. Und weil Zägel den früheren Rechtsberater so vehement in Schutz nahm, lag es nahe zu unterstellen, er sei jener John Dean oder dessen Vertreter und wolle die Diskussion lenken, gar manipulieren. Unter Umgehung des Forums versuchte Zägel James Rosen, einem Freund von Colodny und Journalist des amerikanischen Fernsehsenders Fox News, zu beweisen, dass er aus Deutschland kommt, an der Freien Universität studiert und keinerlei Verbindung zu Dean hat. Er faxte eine Kopie seines Reisepasses samt Foto. Als Beweis akzeptierte Rosen das jedoch nicht.

Zägel machte sich wenig später auf den Weg in die USA, um mit einem Stipendium an der University of Chicago zu studieren. Wenige Tage vor seiner Abfahrt bekam er eine persönliche Mail von Klingman. „Ich beobachte Ihre Beiträge seit langem und bin beeindruckt von Ihrer Fachkenntnis“, schrieb er im September 2000. Er war der nächste, der in den Ring geschickt wurde, um Zägel zu knacken. Ob er Lust habe, sein Wissen in den Dienst von Klingmans Universität zu stellen und ins Beraterkomitee zu kommen? Das klang nach einem verlockenden Angebot. Welchem Studenten wird eine solche Aufgabe schon je angeboten? Also stimmte er zu und nannte Na-men von Menschen, die seine Wissenschaftlichkeit beweisen könnten. Einer von ihnen war Knud Krakau, Professor für Geschichte am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien (JFKI). Am 13. Oktober erhielt er eine Mail, die mit den Worten begann: „Wir hier an der Universität of South Florida sind seit einiger Zeit in E-Mail Kontakt mit Herrn Jörg Zägel. Herrn Zägels Qualifikationen beeindrucken uns sehr. Sein – sehr kurzer – Lebenslauf erlaubt sehr wenig Aufschluss über seine Mitgliedschaft bzw. Mitarbeit an Ihrem Institut.“ Also erhoffe man sich vom JFKI Informationen. Am Ende der siebenzeiligen Mail die kurze Information über den Zweck der Nachfrage: „Wir beabsichtigen, Herrn Zägel zur Mitgliedschaft in einem wissenschaftlichen Beirat einzuladen.“ Jeder Hinweis auf Watergate und Nixon fehlte, denn er hätte natürlich eine Antwort provoziert, die daraufhin geschrieben worden wäre. Kra-kau empfand die Anfrage so aber als etwas kryptisch und beschwerte sich prompt darüber. Er lobte Zägel als herausragenden Studenten, dessen Arbeiten über den Rahmen der üblichen studentischen Seminararbeiten hinaus wie der Entwurf einer Dissertation wirkten. Zägel sei „unglaublich motiviert“, betreibe großen Quellenaufwand und argumentiere klar, so dass Krakau dessen Bewerbung um ein Stipendium „enthusiastisch“ unterstützt habe. Nur kamen in der Antwort nicht einmal Nixon und Watergate vor.

„Es tut mir leid, dass ich Sie so im Dunkeln ließ über den Zweck meiner Anfrage. Ohne selbst völlige Klarheit zu haben, machte ich diese für einen Kollegen“, lautet es in der Antwort, die Krakau wiederum aus den USA bekommt. Den Kontakt nach Berlin ließ Klingman von Georg Kleine herstellen, Associate Professor in Florida. Und obwohl er angeblich nicht wusste, weswegen er die Nachforschungen anzustellen hatte, konnte er doch sagen, dass seinem nicht genannten Kollegen das Fachwissen des Herrn Zägel „fast an das Unglaubliche grenzte“ und ihm Krakaus Antwort sehr willkommen war. Denn Klingman wandte sich nun an Zägel und meinte den Beweis zu haben: „Ich hatte angenommen, Ihren Grad an Expertise bestätigt zu bekommen. Leider war das nicht der Fall.“ Er habe jetzt das Problem, dass Zägels Wissen nicht sein eigenes sein könne. „Wenn Ihr Wissen in Wahrheit das von John Dean ist, was andere Ihnen vorgeworfen haben, dann ist es nun an ihm, sich zu zeigen.“ Er wolle weder Zägel noch Dean bloßstellen, sondern nur seine Universität und seine Sammlung vor Sabotage schützen. Klingmans letzte Offerte, ihm sein Fachwissen endlich „in konkreter und nachprüfbarer Form“ als originär unter Beweis zu stellen, lehnte Zägel nach dieser Auseinandersetzung ab. Also wurde es nichts aus der Zusammenarbeit mit Klingman. Und die Spekulation um Zägels Identität ging im Nixon-Forum munter weiter.

Warum aber konnte ein einfacher Student eine Reihe von Watergate-Experten so in Aufruhr versetzen? Auf dem Spiel stand die gesamte Neuinterpretation der Affäre. Jim Hougan hatte in seinem Buch „Secret Agenda. Watergate, Deep Throat and the CIA“ (Random House) die These vom Prostituiertenring 1984 erstmals aufgestellt. Aber er sah den amerikanischen Geheimdienst bei Nixons Sturz die Fäden spinnen. Nixon sei in Wahrheit das Opfer eines „stillen Putsches“ durch das amerikanische Militär geworden, behaupteten dagegen Colodny und Gettlin. Das Militär habe die von Dean losgetretene Watergate-Affäre geschickt für seine Zwecke instrumentalisiert, um den vermeintlich allzu stark in die Entspannungspolitik abdriftenden Präsidenten loszuwerden. An einer weiteren Geschichte der Affäre schreibt derzeit James Rosen. Sie alle versetzte ein einfacher Student aus Deutschland in helle Aufregung. Vielleicht war das für sie leichter zu verkraften, wenn sie erst einmal einen Komplott annahmen, anstatt sich Zägels Thesen und Argumenten zu widmen.

Was für andere nach Verschwörungstheorie aussieht, ist für den, der sie betreibt, rationale Überlegung. Er orientiert sich an den Fakten. „Ich mag ja paranoid sein“, schreibt Peter Knight in seinem Buch „Conspiracy Culture“ (Routledge, 2000), „aber das heißt nicht, dass sie nicht da draußen sind, um mich zu kriegen.“ Die anderen, das sind die, die ihre Augen vor der Wahrheit verschließen wollen. Colodny hielt sich an diese Logik und schrieb, es sei Zeit, sich vom Nebenschauplatz der wahren Geschichte zuzuwenden. „Jeder einzelne von Ihnen“, heißt es in einer Mail an seine Unterstützer, „spielt eine wichtige Rolle bei der Korrektur der Geschichte dieser Nation, bitte machen Sie damit weiter.“

Das war kurz nachdem sich ein gewisser Bruce F. Cole helfend eingeschaltet hatte. Colodny leitete seine Nachricht ans Forum weiter. Sie war an Professor Donald W. Foster gerichtet. Der Linguist Foster hatte dem FBI bei der Suche nach dem Una-Bomber geholfen und aufgedeckt, wer sich hinter jenem „Anonymous“ verbarg, der „Primary Colors“ geschrieben hatte – den Roman, in dem kaum verschlüsselt Bill Clintons Wahlkampf und seine Liebe zu den Frauen geschildert wurde. Das Buch sorgte für enormes Aufsehen, wurde 1996 von Mike Nichols verfilmt. Und als Foster bekannt gab, niemand anderes als Joe Klein von der New York Times sei der Autor, ging ein weiterer Aufschrei durch die Medien, denn nun gab es Anlass zur Vermutung, dass stimmte, was er geschrieben hatte. Foster selbst schilderte seine Suche im vergangenen Jahr in „Author Unknown. On the Trail of Anonymous“ (Henry Holt & Company).

In der Nachricht an Foster heißt es, Colodny beteilige sich am Forum hauptsächlich mit Antworten an Zägel. Und der habe erst behauptet, an einer amerikanischen Universität in Deutschland immatrikuliert zu sein, gebe aber nun an, in Chicago zu studieren. Zudem schreibe er wie ein Rechtsanwalt. Er könne sich gut vorstellen, dass „Joerg“ Deans Ghostwriter bei dessen Memoiren war, denn auch den habe man schließlich nie entlarvt. Wenn es gelänge, Zägel anhand linguistischer Vergleiche als John Dean zu entlarven, dann würde das die Glaubwürdigkeit von „Silent Coup“ stärken, so Cole. Mehr noch, Dean sei dann endgültig als eine Person überführt, „die sich die Realität immer so verbiegt, dass sie in seinen derzeitigen Spielplan passt“. Letztlich stülpe das die gesamte Geschichte um und entlarve eine ganze Serie geheimer Ordnungen.

Eine Antwort von Foster an das Forum gab es nicht. Und Deans Ghostwriter ist im übrigen Pulizer-Preisträger Taylor Branch, der zur Zeit mit Bill Clinton an dessen Memoiren feilt. Die Diskussion um Zägels Identität begann im Forum von neuem, und in der gereizten Atmosphäre wurden die Anfeindungen heftiger, bis sich Colodny Jim Hougan zur Hilfe holte und der mit einer Verleumdungsklage winkte. Zägel seinerseits gab zu verstehen, dass er, sollte er verklagt werden, seinerseits Colodny anzeige, weil dieser ihn einen „mental schwer beschädigtes Individuum“ genannt hat. Kurz vor der Eskalation besannen sich die Protagonisten. James Rosen gestand Jörg Zägel zu, ein Student zu sein und nichts weiter. Und Zägel will von nun an von persönlichen Angriffen absehen und nur noch mit Fakten und Argumentationen überzeugen. „Wenn Sie mal in Washington D.C. sein sollten, dann rufen Sie mich beim Fox News Channel an“, schrieb Rosen ihm letztlich, „und ich spendiere Ihnen ein Heineken oder zwei.“

Während sich also Rosen und Zägel versöhnlich gaben, zogen Klingman und Colodny mit ihrem Material um. Das Archiv und die Online-Foren gehören nicht länger zur University of South Florida, sondern zu einem kleinen College in West Virginia, der Mountain State University in Beckley. Das „Nixon Era Center“ findet sich seit September als www.watergate.com im Internet. Gleich auf der Startseite wird klargestellt, dass nicht der Einbruch, sondern die Entdeckung eines Spionagerings den Skandal ins Rollen brachte. Und wer durch die Online-Foren klickt, der wird kaum so kontroverse Debatten erleben, wie es sie unter der alten Adresse gab.



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