Auf den Straßen New Yorks reden die Menschen über bin Laden, über Afghanistan und eine Änderung der Einwanderungsgesetze. Wüsste man nichts von den Ereignissen des 11. Septembers, dann mir fiele nicht auf, dass diese Themen in New York eine neue Bedeutung und Dringlichkeit haben. Die Menschen versuchen, in ihren Alltag zurückzufinden. Ihr Bürgermeister Rudolph Giuliani sagt ihnen immer wieder, sie mögen auch wieder ins Theater gehen und zu den Ballspielen. Im Fernsehen beantworten noch immer Psychologen die Fragen der Anrufer: Was sollen wir den Kindern sagen, wie kann ich die Eindrücke verarbeiten, wie soll ich jetzt nur normal leben? Die New York Post versucht zu helfen. Sie veröffentlicht eine Liste mit Dingen, die man ruhig wieder tun sollte. Kein schlechtes Gewissen haben etwa, wenn man lachen muss.
An den Straßenrändern verkaufen fliegende Händler an jeder Ecke des Broadway Fotos des World Trade Centers. T-Shirts mit Aufschriften wie America United werden für 2 Dollar herausgeschleudert. Der Handel mit der Katastrophe läuft gut. Und die Touristen, die gern das World Trade Center besichtigt hätten, schauen sich jetzt dessen Ruinen an. Nur dort, in Lower Manhattan selbst, sind noch U-Bahn-Stationen gesperrt, Straßen und Geschäfte geschlossen. An eine vom Staub verdunkelte Fensterscheibe gegenüber der Ruinen sind mit dem Finger Widmungen und Beileidsbekundungen geschrieben. Je weiter ich den Broadway in Richtung Wall Street hinunterlaufe, desto mehr Einblick in das Loch erhalte ich, das sich zwischen den noch stehenden Hochhäusern aufgetan hat. Noch immer hängt ein beißender Gestank über den Blocks um die Liberty Street, dessen Zufahrten Polizisten und Nationalgarde bewachen. Auch zwei Straßen weiter schließlich noch immer Absperrungen um die New Yorker Börse.
Der Battery Park, in dem an den ersten Tagen nach den Anschlägen die Trümmer und Leichen abgelegt wurden bis sie mit der Fähre nach Long Island transportiert wurden, wird indessen aufgeräumt. Er sieht schon fast so aus, als sei nichts gewesen. Noch immer aber ist er so wenig zugänglich wie die Freiheitsstatue, die von hier aus in Postkartengröße zu sehen ist.
Es gibt, versichern mir einige New Yorker, weniger Verkehr in der Stadt und weniger Fußgänger. Alles ist ruhiger, und fast beschleicht mich das Gefühl, als sei es jetzt wirklich auch sicherer hier. Nicht etwa, weil es eine massivere Polizeipräsenz gäbe, sondern es scheint, als hätten die Menschen wirklich ein wenig zusammengefunden.
Weiter südlich von New York stehen in Washington D.C. an buchstäblich jeder Ecke Polizisten. In der Innenstadt, in der sich Regierungsgebäude an Museum reiht, ist fast jeder Parkplatz von der Polizei abgesperrt. Noch immer sind Straßen an Capitol, Weißem Haus, FBI und Pentagon geschlossen - werden es vielleicht für immer bleiben. Vor den Gebäuden sind Blockaden aufgebaut, weiße und schwarze Limousinen dahinter. Noch immer patrouillieren Hubschrauber und Kampfflugzeuge über den wichtigsten Gebäuden. Zufällig aufgegriffen eine Szene, wie es derzeit sicher viele gibt: Ein Bulli mit der obligatorischen amerikanischen Fahne fährt langsam an einer Zufahrt zum Weißen Haus vorbei, wird angehalten. Der Fahrer steigt aus. Sofort sieht er sich fassungslos von zwei Handvoll Sicherheitsbeamten umringt. Weitere Polizisten kommen an, durchsuchen den Wagen und lassen ihn letztlich wieder fahren.
Während die Stadt wirkt wie im Belagerungszustand, versuchen die Menschen auch hier wieder zur Normalität zurückzufinden. Sie strömen zur Arbeit, zur Uni, langsam auch wieder in die Parks der Stadt und die Geschäfte. Nur wenn sie an einem Fernseher vorbeikommen oder irgendwie an die Ereignisse des 11. September erinnert werden, stehen für kurze Zeit wieder Schock und Fassungslosigkeit in ihren Gesichtern.
Außerhalb der Arbeitszeiten aber sind auf dem Capitol Hill fast nur Jogger zu sehen, sitzen in den Restaurants in der Innenstadt die Kellner allein an ihren Tischen. Touristen gibt es kaum in der Stadt. Die Hotelzimmerpreise sind fast bis zur Hälfte des Üblichen gefallen. Als ich die Stadt fast zwei Wochen nach dem Abschlag verlasse, sagt der Fahrer, der mich im Express-Bus zum Flughafen bringt, das sei seine erste Fahrt seit jenem Tag. Und vorher habe er an sechs Tagen in der Woche gearbeitet.
Am deutlichsten sind die Auswirkungen der Anschläge an den Flughäfen zu beobachten. Üblicherweise trafen sich dort an den Gates nicht nur jene, die aus dem Flugzeug kamen und jene, die hineinwollten. Dort warteten auch Freunde und Bekannte, die Ankommende begrüßten. Nach den Anschlägen sind die Flughafengebäude nun weiträumig gesperrt. Besonders vorsichtig sind die Verantwortlichen in Los Angeles am LAX, dem Bestimmungsflughafen von drei der vier gekidnappten Maschinen. Freunde und Bekannte müssen dort an dem entferntesten Parkplatz des Geländes auf die Ankommenden warten, die mit Bussen dorthin transportiert werden. Ein Stück weiter fahren Busse zu den Terminals ab. Taxis und Privatfahrzeuge sind nicht erlaubt. Und so hat denn auch das fast völlig leere Gebäude des LAX etwas Geisterhaftes. Hier halten sich jetzt nur Flughafenangestellte, Sicherheitspersonal und Reisende auf. Mehrfach werden Ticket und Ausweis kontrolliert. Und wo bisher ein Metalldetektor reichte, sind es nun drei.
Wer etwa, wie ich, von Washington nach New York reist, der muss zusätzlich seinen Koffer von Sicherheitspersonal vollständig leeren lassen, durchsuchen und wieder einpacken. Am New Yorker Flughafen JFK sind Postbriefkästen aus Sicherheitsgründen versiegelt. Eines immerhin hat sich als Gerücht erwiesen: In den Flugzeugen dürfen Reisende weiterhin mit Plastikbesteck essen.
Kaum jemand weiß wohl, was von diesen Maßnahmen bleiben wird und wie sich die Anschläge vom 11. September weiterhin auswirken werden. Wenn die Menschen jetzt wieder ins Kino gehen und ins Theater, dann ist das vielleicht eine Rückkehr zur Normalität, aber doch zu einer anderen als der gewohnten.
© 2004 BY LARS KLEIN...contact