Warten auf den Krieg.

Wie die amerikanischen Medien auf den Krieg vorbereiten



Er sei, sagte der Schriftsteller T. C. Boyle auf einer Lesung am New Yorker Union Square, in den zurückliegenden Wochen nach den Terroranschlägen mehrfach um Stellungnahmen gebeten worden. Aber zu einer Äußerung sehe er sich schlicht nicht in der Lage. Das ginge vielleicht auf Jahre nur indirekt.

Viele seiner Kollegen haben schneller Worte gefunden. Thriller-Autor Tom Clancy etwa war einer der ersten überhaupt, die CNN am 11. September am Telefon hatte. Wahrscheinlich sah der Sender Autoren, die sich ähnliche Szenarien für ihre Romane ausdenken, am ehesten zu einer Bewertung fähig. Schließlich überstieg die Katastrophe das Vorstellungsvermögen der meisten Menschen. Ganz real, schreibt auch John Updike im "New Yorker", könne der Einsturz der Twin Towers nicht gewesen sein –  das müsste doch repariert werden können.

Langsam, so scheint es, haben die Amerikaner Schock und Sprachlosigkeit darüber bewältigt, dass da nichts repariert werden kann und niemand vortreten wird um zu erklären, das sei nur ein Film gewesen. In den Tagen, in denen das Leben im Land still stand, ist Amerika zusammengewachsen. Das ist jedenfalls, was die Medien seither beständig wiederholen. Ihre Sendungen laufen noch immer unter "Angriff auf Amerika" und "Vereintes Amerika". Das Programm ist zwar fast wieder im normalen Ablauf, immer wieder werden etwa wie bei "FOX News" von der Nationalhymne unterlegte Beiträge gesendet, die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit zeigen.

Eine Umfrage der "Newsweek" ergab am letzten Septemberwochenende, dass 65 Prozent der Befragten für Vergeltungsschläge sind. George W. Bush erhält gar 88 Prozent Zustimmung für seine Politik. Amerikas Medien betätigen sich wie so oft als Verstärker der am lautesten vertretenen Meinung.

Da wird der Präsident für seine Führungskraft gelobt, werden Republikaner wie Demokraten zitiert, die fordern, das Land möge sich hinter dem Präsidenten versammeln. Da schreibt die "New York Times" auf der ersten Seite, Politiker beider Parteien hätten sich dafür ausgesprochen, die Geheimdienste an lockerer Leine zu führen und mehr Freiräume für sie zu schaffen. Die Bedenken gegen solche Maßnahmen haben dann auf hinteren Seiten Platz. Wer weiß, welche Budgets Central Intelligence Agency (CIA) und National Security Agency (NSA) verschlingen und wer eine ungefähre Ahnung ihrer Aktivitäten hat, dem kann dabei nur Angst und Bange werden. Und all dies in einem Land, das noch vor kurzem leidenschaftlich um die Einführung von Blitzgeräten an Ampeln gestritten hat, die jene Autos fotografieren, die bei Rot fahren. Das sei ein Hauch von Orwell, da lauere Big Brother, sagten die Gegner.

Eines stimmt gewiss: Präsident Bush, der als Reagans Epigone einen Rückzug des "Big Government" versprochen hatte, vollzieht nun das Gegenteil. Die Bundesbehörden werden sich nicht nur weiter in die Kontrolle von Flughäfen und Flugverkehr einschalten. Die Amerikaner werden in Zukunft weit größere Eingriffe in die Privatsphäre hinnehmen müssen als viele jetzt erahnen mögen. Den Kritikern gelang es erst am Wochenende, sich wirklich Gehör zu verschaffen. Die Demonstrationen in Washington und anderen großen Städten des Landes versammelten Tausende, die vor militärischen Gegenschlägen warnten. Sie wollen den Krieg nicht, in dem sie sich laut Bush Jr. bereits befinden. "Ich glaube," sagt etwa eine Studentin aus Vermont, "letztlich wird diese Tragödie heilsam sein. Wir dachten immer, das könnte uns nicht passieren. Wir glaubten, am Rande des Weltgeschehens zu stehen. Aber das stimmt einfach nicht. Wir sind ein aktiver Teil des Ganzen und nicht unverwundbar. Wir müssen einfach verantwortlicher handeln."

Das war eine Kampfansage, sagte Präsident Bush von Beginn an. Amerika befände sich im Krieg. "This will not stand", sagte er mehrfach, und das sind genau die Worte, die sein Vater einst in Richtung Saddam Hussein rief. Hinter dem Präsidenten haben sich die Menschen versammelt, die 1991 den Golfkrieg führten. Der jetzige Außenminister Colin Powell klingt heute ganz wie damals, wenn er fast süffisant bemerkt, er habe eine Liste nach Pakistan geschickt, die abzuarbeiten für das Land "hilfreich" sei.

Die USA sind, so das von den Medien vermittelte Selbstbild, Opfer feiger Anschläge geworden, hinterrücks attackiert in einem unaufmerksamen Moment. Und als Reaktion werden die Flaggen nun noch stolzer getragen. Da flattert in Kalifornien an jedem zweiten Auto mindestens eine, hat jedes Haus, jede Firma, die etwas auf sich hält, eine Fahne im Garten oder an der Fassade. K-Mart und Wal-Mart, die größten Supermarktketten des Landes, melden bereits am Tag nach den Anschlägen einen Verkauf von 340.000 Flaggen. Und als sie vorübergehend vergriffen waren, schaltete K-Mart eine ganzseitige Anzeige in der "New York Times" mit einer Fahne zum Ausschneiden. "Schneid sie aus, häng sie in dein Fenster", so die Anleitung. Im Fernsehen sagt ein Anrufer in einer Call-In Show, für ihn sei der Moment eine enorme Erleichterung gewesen, in dem die Flagge über den Ruinen des World Trade Centers angebracht wurde. Das Vertrauen auf Nationalstolz ist - so selbstgerecht sie daherkommen mag - vor allem Ausdruck einer ungewohnten Unsicherheit.

Wie sehr sie diese selbstgerechte Haltung aber ärgert, schreibt Susan Sontag im "New Yorker". Könnte es nicht sein, fragt sie, dass diese Anschläge nicht so sehr gegen Zivilisation und Menschlichkeit gerichtet waren, sondern gegen die selbsternannte Supermacht, gegen die Politik und Allianzen der USA? Und was immer diese Anschläge gewesen sein mögen, schreibt sie weiter, feige waren sie nicht. Es gehöre eine ganze Menge Mut dazu, eine solche Aktion dermaßen diszipliniert auszuführen und letztlich sein Leben dafür herzugeben. Joel Achenbach, Kolumnist der "Washington Post", antwortete mit der Feststellung, er könne besser schlafen im Wissen, dass Susan Sontag nur über Moral schreibe und nicht Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen sei. Dass George W. Bush diese Rolle innehat, bereitet aber umgekehrt nicht nur Susan Sontag einigermaßen schlaflose Nächte.



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